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Eilenburg Die Hochbeete stehen: Auftakt für gemeinschaftliches Gärtnern in Bad Düben
Region Eilenburg Die Hochbeete stehen: Auftakt für gemeinschaftliches Gärtnern in Bad Düben
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00:19 02.07.2017
Die Projektgruppe beim anlegen der Hochbeete. Quelle: Nico Fliegner
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Bad Düben

Die Erdbeeren sind auf Stroh gebettet, die dicken Zwiebelknollen ragen halb aus der Erde und die Kartoffeln stehen so prächtig, dass sie eine echte Augenweide sind. Wären bloß nicht diese Käfer, die berüchtigten Kartoffelkäfer, die alles kahl fressen. Aber Viktor Keller hat sie im Griff. Regelmäßig liest er sie ab. Eine mühselige Arbeit, vor allem wenn die Sonne knallt und über 30 Grad herrschen wie an diesem Tag, als er auf eine Gruppe experimentierfreudiger Gartenfreunde wartet.

So sehen die drei Hochbeete aus. Quelle: Nico Fliegner

Das, was sich da auf der anderen Seite des Bad Dübener Bahnhofes befindet, ist ein kleines Gartenparadies. Viktor kümmert sich liebevoll um die Bahngärten. Der Dübener Landschaftsgärtner Michael Kühn hat sie vom Verein Bahn-Landwirtschaft Bezirk Halle gepachtet und bewirtschaftet sie mit Freunden, darunter Keller. An diesem Tag sollen drei Hochbeete dazukommen. Damit werden die Bahngärten Bestandteil des von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung geförderten Projektes gemeinschaftliches Gärtnern in der Dübener Heide, das der Berliner Umweltsoziologe Torsten Reinsch unter dem Dach des Naturparkträgervereins Dübener Heide leitet und dabei von der Expertin für Kleingartenwirtschaft und Buchautorin Elisabeth Meyer-Renschhausen wissenschaftlich begleitet wird. „Das Projekt ist ja auch ein Forschungsprojekt“, sagt Reinsch. „Zum einen der Praxisteil mit Workshops, zum anderen wollen wir herausfinden, ob sich Integration und Kommunikation, die ja immer nötig sind, über das Gartenthema unterstützen lassen. Beispiel Flüchtlinge: Da bietet sich an, über den Garten als universelle Sprache Kommunikation aufzubauen. In der Großstadt funktioniert das ganz gut. Hier in der Dübener Heide ist es ein Versuch. Ob das gelingt, werden wir sehen.“

Die kleine Truppe aus Profi-Gärtnern und Hobby-Akteuren, die an diesem Tag die Hochbeete anlegen will, ist hochmotiviert. Die Frauen schleppen das Material und Werkzeug auf eine freie Fläche. Viktor Keller kann das gar nicht mit ansehen. Beherzt holt er eine Schubkarre. „Das müssen sie nicht machen, geht doch so viel leichter“, sagt der Gartenfreund, der vor vielen Jahren mit seiner Familie als Spätaussiedler nach Bad Düben kam. Doch die Frauen lassen sich nicht beirren, schreiten weiter energisch zur Tat: Hochbeetkästen zusammenstecken, Noppenfolie ausrollen, zuschneiden, einsetzen, festtackern und dann befüllen. Zwischendurch ein Schluck Bier oder Wasser – die Arbeit macht durstig.

Die Kästen werden zusammengesteckt. Quelle: Nico Fliegner

Tipps zum richtigen Anlegen der Hochbeete hat Freya Petra Hörnig aus Roitzsch (Gemeinde Trossin), die dort einen 3000 Quadratmeter großen Obst- und Gemüsegarten nach ökologischen Aspekten bewirtschaftet. „Normalerweise eignet sich dickeres Holz besser, weil es im Winter vor Frost schützt“, sagt sie mit Blick auf den Holzrahmen. Die Noppenfolie hält Pilzbefall und Staunässe fern – und letztlich auch Wühlmäuse.

Hörnig freut sich, wenn sie ihr Wissen an andere weitergeben kann wie an Ellen Männel. Die Torgauerin, die an dem Projekt teilnimmt, ist sehr naturverbunden, hat aber keinen eigenen Garten. Deshalb ist das Projekt für sie interessant. „Ich will hin und wieder was draußen machen, ohne eine ständige Verpflichtung zu haben. Auch mal hinsetzen, ein Buch lesen, abspannen und natürlich was ernten“, erzählt sie. Von den Bahngärten in Bad Düben schwärmt sie: „Das sieht hier aus wie früher im Garten meiner Oma“, so die Mitfünfzigerin.

Öffentliche Gärten in der Dübener Heide

Dass sich Landschaftsgärtner Kühn mit seinen gepachteten Bahngärten in das Projekt einbringt, ist dem Zufall geschuldet. Auf einer Veranstaltung mit Projektleiter Reinsch hat er davon erfahren und dachte sich: das passt. „Wir haben die Bahnhofsgenossenschaft gegründet und ein Punkt in unserer Satzung ist der Erhalt von alten Gärten an Bahnanlagen“, erzählt er. Neben den Dübener Bahnhofsgärten soll auch der am Bahnhof in Söllichau wieder bewirtschaftet werden, möglichst als Gemeinschaftsgarten. Kühn ist Besitzer der zwei Bahnhöfe und will sie wieder herrichten. In Söllichau ist er bereits zugange. Bad Düben müsse noch etwas warten, sagt er. Sieben Flächen kommen insgesamt in Betracht, unter anderem auch im Pfarrgarten und perspektivisch am künftigen evangelischen Gymnasium in Bad Düben und bei der Caritas in Eilenburg. Ebenso in der Kemberger Region.

Die Pflanzen für die Hochbeete kommen aus Leipzig. Quelle: Nico Fliegner

Die Pflanzen für die drei Hochbeete haben die Projektteilnehmer von den Gemeinschaftsgärten der Annalinde gGmbH aus Leipzig geholt. Tomaten, Mais und andere Gemüsesorten sind darunter. Stattlich sehen sie aus, wurden in großen Kübeln, die Heide-Imker Robert Klauck aus dem Transporter holt, großgezogen. Für den 37-Jährigen ist das Projekt Gemeinschaftsgärtnern sinnvoll. „Es wird zu wenig getan und zu viel weggemacht“, sagt er mit Blick auf das Vorkommen von Obstbäumen. Die Gegend sei „sehr mager“, deshalb wolle er sich vor allem für mehr Blühflächen einsetzen. Denn die sind wiederum Nahrungsquelle für seine Bienen. So soll es bei Kemberg, wo seine Bienenstöcke stehen, eine Waldgartenfläche als Teil des Projektes geben.

Nach gut vier Stunden stehen die drei Hochbeete und sind bepflanzt. Kräftiges Wässern ist jetzt oberstes Gebot, damit die Pflanzen gut anwachsen. Vom Schuppen her, wo Viktor Keller sein Werkzeug und die Gartengeräte lagert, duftet es schon: Gartenarbeit macht schließlich hungrig. So wird nach dem gemeinsamen Gärtnern gemeinsam gegrillt.

Hintergrund:

Urbaner Gartenbau, auch Urban Gardening genannt, ist die Nutzung öffentlicher Flächen, um darauf kleinräumige Gemeinschaftsgärten anzulegen und zu bewirtschaften. Vor allem in den Großstädten liegt diese Form des Obst- und Gemüseanbaus gerade im Trend. Die nachhaltige Bewirtschaftung der gärtnerischen Kulturen, die umweltschonende Produktion und ein bewusster Konsum der landwirtschaftlichen Erzeugnisse stehen im Vordergrund – mit Nebeneffekten: Einerseits werden brachliegende Flächen beräumt, bepflanzt und damit das Wohnumfeld attraktiver gestaltet, andererseits fördert das Urban Gardening das Gemeinschaftsleben. Es bietet auch Minderheiten wie Flüchtlingen die Gelegenheit, sich mit ihren besonderen landestypischen Kenntnissen einzubringen und fördert somit die Integration und die Kommunikation mit Einheimischen.

Von Nico Fliegner

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