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Eilenburger erinnern an die Zerstörung ihrer Stadt vor 70 Jahren

Eilenburger erinnern an die Zerstörung ihrer Stadt vor 70 Jahren

Das Gewölbe stürzt ein, die Pfeifen der Orgel tönen im Herabfallen ein letztes Mal, der Turm brennt wie eine Fackel. Ernst Gottlebe führte den Besuchern des Gedenkgottesdienstes in der Nikolaikirche am Dienstagabend dieses Szenario vor Augen, das sich vor 70 Jahren genau an dieser Stelle abgespielt hat.

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Oberbürgermeister Hubertus Wacker (rechts) und Bereichsleiter Heiko Leihe tragen den Kranz der Großen Kreisstadt zum Mahnmal. Ebenso haben dort Schüler, Stadträte, Vereine und Angehörige der Unteroffiziersschule Blumen niedergelegt.

Quelle: lis

Eilenburg. Er selbst erlebte die Tage im April 1945 als Zehnjähriger in Eilenburg-Ost. Die näherrückende Front war von der Wohnung aus zu beobachten, Fliegeralarm, bei dem die Einwohner in die Schutzkeller flüchteten, wurde zum Alltag. Gottlebe erinnerte auch daran, wie er sich mit seinem Fahrrad unter Brückenpfeilern in Sicherheit bringen musste, weil ein Tiefflieger die Eisenbahnlinie beschoss. Und wie seine Mutter mit den Kindern über umstürzende Bäume und Tierkadaver in Richtung Mörtitz floh.

Ein Bild auf der Beamerleinwand, die im Kirchenschiff aufgespannt war, zeigte die Rinckartstraße vor der Zerstörung: das trutzige Kornhaus, Bürgerhäuser aus der Gründerzeit. Als die Eilenburger nach drei Tagen Artilleriebeschuss aus den Kellern kamen, fanden sie ihre Stadt nicht mehr wieder. 90 Prozent des Zentrums waren zerstört, über 200 Tote zu beklagen. Die Frage "Warum?" steht heute auf dem Mahnmal auf dem Friedhof Mitte, an dem auch gestern, wie immer am 23. April, Blumen und Kränze niedergelegt wurden. Um das "Warum" ging es auch im Gedenkgottesdienst. Die Zerstörung war Folge von Selbstherrlichkeit und Menschenverachtung, so der katholische Pfarrer Ulrich Schade. Eckehardt Winde, Pfarrer der Rinckart-Gemeinde, erinnerte daran, dass die Auswirkungen des Krieges auch in jene Generation reichen, die das Inferno nicht selbst erlebte. Da sind nicht nur die Enkel, welche die Großväter nicht kennenlernen, da sind die Lücken, die heute noch im Eilenburger Stadtbild klaffen.

"Warum gab es damals keinen Martin Rinckart? Er hatte es geschafft, Eilenburg im Dreißigjährigen Krieg vor der Plünderung durch die Schweden zu bewahren", so Hubertus Wacker (parteilos), Eilenburgs Oberbürgermeister, in seiner Ansprache. Warum stießen die Bitten und Proteste der Eilenburger, die die kampflose Übergabe wollten, auf taube Ohren beim Stadtkommandanten? War es der Glauben an die Sache und das 1000-jährige Reich oder Angst vor Strafen? Bekannt sei nur das Ergebnis: Tod und Zerstörung. Jeder könne sich wohl auch die Frage stellen, wie er in der damaligen Situation gehandelt hätte. Aber selbst das sei wohl kaum zu beantworten, sondern nur die Frage, was jeder in der heutigen Zeit tut: "Wie verteidigen wir die freiheitliche Grundordnung unseres Landes?" Das könne nicht allein die Aufgabe der Politiker sein.

So schlossen die Bitten und Gedenken in der Kirche und bei der Kranzniederlegung die Nachrichten der vergangenen Wochen und Monate ein. Wieder werden Städte zerstört, fliehen Menschen vor Krieg aus ihren Ländern. Und einige von ihnen leben nun auch in Eilenburg. Es sollten gute Lösungen für das Zusammenleben gefunden werden.

"Ich glaube, diesmal sind mehr dabei als sonst", sagte Rudolf Völkel von der Bläsergruppe die Muldentaler, während er mit seinen Kollegen die Instrumente nach der Kranzniederlegung einpackte, und viele der Stadträte, Vereinsmitglieder, Schüler und Angehörige der Unteroffiziersschule des Heeres noch bei Gesprächen in der Frühlingssonne zusammenstanden. Völkel hatte mit seinen Musikern anfangs den Trauermarsch "Die Toten mahnen uns" gespielt, zum Schluss aber ein Bergmannslied, den Steigermarsch. Eine Melodie mit Optimismus.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.04.2015
Von Heike Liesaus

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