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Eilenburgs OBM Wacker sagt tschüss: "Es war schon eine gigantische Zeit"

Eilenburgs OBM Wacker sagt tschüss: "Es war schon eine gigantische Zeit"

Der Schreibtisch ist weitgehend geleert und aufgeräumt, der Nachfolger ist in die wichtigsten Vorgänge eingewiesen. Am Freitag ist der letzte Arbeitstag von Eilenburgs Oberbürgermeister (OBM) Hubertus Wacker (parteilos).

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Hubertus Wacker, Eilenburgs OBM, der jetzt in den Ruhestand geht.

Quelle: Wolfgang Sens

Eilenburg. 21 Jahre lang war er Oberhaupt der Stadt, mit seiner Zeit als Bürgermeister der Gemeinde Kospa bringt er es auf 25 Dienstjahre. Bei der Wahl im Juni trat er nicht noch einmal an. Und so übergibt er die Amtskette an seinen Nachfolger Ralf Scheler (parteilos). Im Interview mit der LVZ blickt er auf seine Zeit als OBM, spricht über Erfolge und Misserfolge und warum er nicht im heimischen Garten versauern will.

Ralf Scheler soll ja Ihr Favorit gewesen sein. Was kann er von Ihnen erwarten? Geordnete Unterlagen?

Auch das. Eine vernünftig organisierte Verwaltung, die grundsätzlich positiv eingestellt ist für das, was er möglicherweise an neuen Impulsen geben wird.

Protokolle und Verträge sind sicher eine gewisse Infobasis, können Sie sich aber auch eine Zusammenarbeit im Nachhinein vorstellen?

Ich habe sicher Herrn Scheler gegenüber schon die übliche Formulierung angebracht: Wenn du jemals Probleme hast - du darfst mich anrufen. Aber nach meiner Meinung ist das bei allen Wechseln dieser Art eine Floskel. Denn das wird er nicht tun.

Welche Situation sollte das auch sein?

Sicher gibt es die, wo ich Erfahrungen anbiete, die ich einfach habe. Und das ist nicht der normale Geschäftsbetrieb. Das ist Hochwasser oder andere Katastrophen, bei denen ich doch gewissen Vorlauf habe in der Organisation. Aber das sollte man nicht beschreien. Wir haben aber gerade dieser Tage in der Verwaltung darüber gesprochen: Was sollte übergeben werden, was ist als Voraussetzung, unbedingt zu wissen? Da ging es auch um den Stab für außergewöhnliche Ereignisse. Das ist dann der Moment für die Nagelprobe, bei der es keine Zeit für großartige Rückfragen gibt, wo man einfach nach gewissem Schema handeln muss.

Dieser Plan existiert jetzt?

Wir haben extra eine Stabsdienstordnung erstellt, damit es für den Fall eines besonderen Ereignisses Organisationsstrukturen gibt, die man einfach nur abrufen muss. Nach 2013 haben wir diese auch mit den Erfahrungen 2002 mit den Fachbereichsleitern und dem Stadtbrandmeister überarbeitet.

Als Sie als OBM anfingen, sah Eilenburg generell etwas anders aus als heute. Mittlerweile ist die B87-Umgehung da, der Hochwasserschutz steht, Schwimmhalle und Bürgerhaus sind saniert. Gibt es denn für einen Nachfolger noch etwas zu tun?

In einer Stadt gibt es immer etwas zu tun. Ich könnte spontan Probleme ansprechen, die Ralf Scheler als Aufgabe übernehmen muss. Das werde ich an dieser Stelle nicht tun. Aber ich habe schon fünf Seiten aufgeschrieben, an die gedacht werden muss. Das sind einfach viele Dinge, die schon im Fluss sind. Die elementaren und existenziellen Probleme sind aber nicht mehr so akut wie damals.

Es geht jetzt also mehr um die Schönheit?

So nun auch nicht. Ich denke, es ist einfach an der Zeit, neue Schwerpunkte zu setzen, neue Ansätze zu diskutieren, Dinge auf den Weg zu bringen, die ich aufgrund der Dauer des Geschäftes schon zu sehr als gegeben hingenommen habe. Ob Routine immer gut ist? Mit Routine hätte ich das Amt vielleicht nochmal sieben Jahren weiterführen können, aber ob das gut gewesen wäre für die Stadt, wage ich zu bezweifeln.

Für jemanden, der jetzt 60 ist ...

59 bitte.

Also auf alle Fälle ist das Leben auch damit nicht zu Ende. Was machen Sie denn jetzt?

Ich habe überhaupt keinen Plan.

Ich habe gehört, dass Sie über gewisse handwerkliche Fähigkeiten verfügen, die zum Wohle des Eilenburger Stadtlebens eingesetzt werden könnten?

Ja. Aber eins steht fest: Ich möchte keine Leitungstätigkeit mehr. In der Zeit bis zum Erreichen des richtigen Rentenalters werde ich mich sicher noch ein bissel nützlich machen, werde sicher nicht nur in meinem Garten versauern und meinen Kindern und Enkeln auf den Geist gehen. Da gibt es schon Dinge außerhalb der Familie, die durchaus noch sinnvoll sind.

Eine Reise nach Bad Fliesen ist nicht geplant?

(Lacht) Der war gut. (Die Reise nach Bad Fliesen ist Legende. Denn von der Sekretärin wurde der Eintrag ins Terminbuch damals als Bezeichnung des Urlaubsortes verstanden. Tatsächlich aber hatte der OBM vor, das heimische Bad zu fliesen, Anm. d. Red.). Nein, im September ist geplant, zu meinem Kollegen nach Anjalankoski in Finnland zu fahren. Der ist auch in Pension gegangen. Da hat sich eine Freundschaft entwickelt. Ich bin gespannt, was er sich so ausgedacht hat.

Konkreter wird's also nicht. Was machen Sie am Montag, dem 3. August?

Ein halbes oder ein ganzes Jahr habe ich sicher am Haus zu tun, um das zu schaffen, was liegen geblieben ist. Am Montag werde ich nicht länger schlafen, Frühstück war auch immer gemeinsam mit meiner Frau. Na gut. Vielleicht lege ich mich doch um 9 Uhr wieder hin.

Angenommen, Sie wollten ein Buch über die vergangenen 21 Jahre schreiben. Wie könnte der Titel lauten?

'Die spannendsten Jahre meines Lebens' vielleicht. Aber ich hoffe, es kommen noch ein paar. Es war schon eine gigantische Zeit, eine geile Zeit. Mein Gott, wer kann schon von sich sagen, dass er das seit 1994 alles so mitmachen konnte. Diese Zeit war wichtig für die Geschichte Deutschlands, Ostdeutschlands und schließlich für Eilenburg selbst. Wo Industrien niedergingen und neu entstanden, wo Träume wahr wurden. Das hat nicht immer etwas mit eigenem Vermögen und Können zu tun. Wir hatten viel Glück, in dieser positiven Zeit zu leben. Es ist nicht alles geplant und berechnet, vieles von Zufällen abhängig. Ich möchte von den letzten 25 Jahren nicht einen missen. Sicher hätte ich manchen am Abend streichen wollen, aber letztlich gehörte auch der dazu, weil sich der eine Zufall aus dem anderen ergibt. Aus denen kann man Kraft schöpfen und lernen.

Das Oberbürgermeisteramt war der längste Job Ihres Lebens. Hätten Sie das gedacht, als Sie damals anfingen?

Als ich 1994 das Rathaus betreten habe, war meine Sorge, dass ich möglichst keine großen Fehler mache und die Prognosen widerlege, die sagten: Höchstens ein Vierteljahr, dann ist der weg. Das war eine ganz andere Gewichtsklasse, als ich es gewohnt war.

Gibt es Wegbegleiter, von denen Sie sagen, denen habe ich das besonders zu verdanken?

Schon mal alle, die mich damals gefragt hatten, ob ich Interesse hätte, Bürgermeister Eilenburgs zu werden. Ob Gerold Schwarzer, Dr. Wolfgang Richter, Peter Burck oder Wilfried Goldmann oder meine Kollegen. Da sind viele, an die ich jetzt nicht denke. Ich bin allen dankbar.

Was werden Sie überhaupt nicht vermissen?

Den ständigen Druck, verantwortlich zu sein für alles. Immer Präsenz zu zeigen, sich beim Landrat zu verabschieden, wenn man in den Urlaub fährt und zu wissen, dass auch, wenn alles gut vorbereitet ist und es ja Stellvertreter gibt, die Leistung von jemandem im Ehrenamt nicht aus dem Stand zu stemmen ist. In der Realität ist es dann nicht oft passiert, dass ich im Urlaub gefragt war. Es ging eher um die emotionale Belastung.

Bleiben Sie Kreisrat?

Sicher, ich habe überlegt, ob es nicht angemessen wäre, sich auch aus dieser Funktion zu verabschieden. Aber ich bin für den Wahlkreis Eilenburg gewählt. Mein Nachfolger ist ja nicht Kreisrat. Das ist die Gelegenheit, noch etwas Unterstützung für die Stadt zu leisten.

Bestimmte Einblicke hat man dann aber nicht mehr.

Die Informationskurve geht einfach runter. Die erste Stadtratssitzung werde ich als Gast besuchen. Sicher auch weitere. Aber ich gehe nicht ans Bürgerfrage-Mikro, will auch keine Leserbriefe schreiben. Ich habe es erlebt, wenn Führungspersönlichkeiten nicht loslassen können.

Zuallererst wird von vielen der vollendete Hochwasserschutz als das Prägende der vergangenen 21 Jahre genannt. Wie sehen Sie das?

Es waren sicher andere Dinge daneben prägend und wichtig: Die Vereinslandschaft umzukrempeln, den Tierpark in die Vereinsverwaltung zu übergeben, das Freizeit- und Erholungszentrum in private Hand zu geben, die gesamte Instandsetzung unserer Schulen, die Diskussionen um den Standort des Gymnasiums, die Umgestaltung der Schullandschaft insgesamt. Das ist alles groß und wichtig gewesen. Auch der Stadtumbau in Größenordnungen. Oder dass die Straßenausbaubeiträge zur Selbstverständlichkeit wurden, dass der Abwasserzweckverband Beiträge erhebt. Sicher sind trotzdem nicht alle glücklich und zufrieden damit. Aber die Menschen haben Vertrauen, dass das in Ordnung ist.

Gibt es Sachen, auf die Sie überhaupt nicht stolz sind?

Dass wir damals bei der Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft versucht hatten, den Sanierungsstau aufzuholen, ohne uns über die strategische Ausrichtung im Klaren zu sein. Hätten wir mehr auf Qualität geachtet, hätte die EWV heute nicht so einen schweren Weg zu gehen. In Delitzsch finanziert die Wohnungsverwaltung die Turnhalle. Bei uns ist 1994 erstmal die Gesellschaft gegründet worden. Da hatte die Wohnungsgenossenschaft schon ein Viertel ihres Bestandes saniert. Das Geld hätte gezielter eingesetzt werden können. Wir reißen heute von außen sanierte Häuser ab, weil der Wohnungszuschnitt im Inneren nicht mehr stimmt.

Sie sind ein Freund des offenen Wortes und auch über Grenzen hinaus gegangen. Gibt es welche, die Sie nicht mehr überschreiten würden?

Manchmal würde ich mich gegenüber überregionalen Medien vielleicht vorsichtiger ausdrücken.

Ich hatte eher an die Geschichte gedacht, wie Sie unkontrollierten Katzennachwuchs in den Griff bekommen wollten.

Ich stehe dazu. Ich habe die innere Einstellung nicht geändert. Wenn man nicht die Ursache unkontrollierter Tiervermehrung bekämpft, sind andere Mittel nötig. Ich würde aber nicht sagen, dass wir in Eilenburg eine Schwemme an Waschbären haben und wie die zu bekämpfen wäre. Die werden jedenfalls nicht tot gestreichelt. Ich gehe auch nicht ins Tierheim. Die Ansätze sind unterschiedlich.

Trotzdem sind Sie Tierpate.

Ja, der Hirsch im Tierpark. Das ist etwas anderes. Ich denke, man sollte Tiervermehrung eindämmen und das Geld statt für den Gnadenhof lieber für Menschen verwenden. Und jeder sollte daran denken: Die Wurst, die er isst, war mal ein Schwein und noch eher ein knuddeliges Ferkel.

Derartige Undiplomatie hat Ihnen das Leben bestimmt nicht leichter gemacht.

Es waren nicht immer nette Gespräche hier am Tisch. Doch viele haben mir gesagt: Es war nicht schön, was sie mir gesagt haben, aber es war zumindest ehrlich. Um nur Nettigkeiten zu sagen, bekommt man für diesen Posten zu viel Geld. Ich sage immer: Nur wer immer die Wahrheit sagt, kann sich ein schlechtes Gedächtnis leisten.

Interview: Heike Liesaus

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 31.07.2015

Heike Liesaus

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