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Eilenburg Europas kleinster Friedhof liegt in Nordsachsen
Region Eilenburg Europas kleinster Friedhof liegt in Nordsachsen
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13:00 14.04.2017
r und Mutter auf dem Waldfriedhof Winkelmühle und sammelt Veröffentlichungen über dieses besondere Fleckchen Erde in der Dübener Heide. Quelle: Nico Fliegner
Winkelmühle

Kaum ein verwelktes Blatt liegt auf dem Boden. Die Buchenhecke links und rechts ist in Form, treibt grüne Spitzen. Kein Schild weist den Weg, es gibt keine Parkplätze, kein Strom, dafür Wasser – aus einem Brunnen mit Handkurbel und ringsherum Bäume, Sträucher und Ruhe. Nur Kenner wissen, wo er liegt, Europas kleinster Friedhof – der Waldfriedhof Winkelmühle bei Doberschütz in Nordsachsen. Als solcher taucht er in zahlreichen Veröffentlichungen auf. Ob es tatsächlich der kleinste Waldfriedhof Europas ist, weiß niemand so genau. 260 Quadratmeter misst dieses Fleckchen Erde in der Dübener Heide, 15 Gräber befinden sich darauf – auch die der Familie Band.

Flüchtlinge beziehen Quartier

Die Frühlingssonne blinzelt durch die Bäume. Erwin Band läuft geradewegs mit einem Stoffbeutel in der Hand auf den Friedhof zu. Darin befindet sich eine Mappe mit Unterlagen. Der 71-Jährige, der am 8. September 1945 in Wöllnau geboren wurde und heute in Eilenburg lebt, sammelt alles, was mit dem Waldfriedhof und der Winkelmühle als einst florierendes Gut mit Sägewerk zu tun hat. Er kommt vor allem hierher, weil er die Gräber seiner Vorfahren pflegt. Seine Großmutter Luise fand hier ihre letzte Ruhestätte, ebenso die Mutter Emma. Der Vater Ernst steht ebenfalls auf dem Grabstein der Mutter, er gilt allerdings seit 1945 als vermisst. 1999 ist Bruder Helmut auf dem Waldfriedhof beerdigt worden.

Winkelmühle ist ein Mini-Ort, das zur Gemeinde Doberschütz gehört. Quelle: Nico Fliegner

Die Bands sind Flüchtlinge aus Pakswalde, das im damaligen Südposen, dem heutigen Polen, liegt. Hitler annektierte 1939 die Provinz Posen, wo die Familie Band eine Bauernwirtschaft betrieb. Mit dem Einmarsch der Roten Armee im Januar 1945 endete zwar die deutsche Besetzung, aber für die Bands und die Familien Bredlow und Groß, auch aus der Gegend stammend, begannen wie für 14 Millionen Menschen Flucht und Vertreibung – die Frauen und Kinder begaben sich im Januar 1945 auf eine ungewisse Reise Richtung Westen.

Neubauern erhalten zehn Hektar Feld

Für die Familien Band, Bredlow, Groß und Exler aus dem damaligen Sudetenland endete die Flucht in Wöllnau/Winkelmühle. Für sie begann dort ein neues Leben – sie wurden im Mai 1946 Neubauern. „Die Familien erhielten jeweils zehn Hektar Land mit anteiligen Gebäuden und Hofflächen“, erzählt Erwin Band und zeigt alte Flurkarten, die genau aufzeigen, wie das Land unter den Neubauern-Familien im Zuge der Bodenreform aufgeteilt war. Seine Kindheit verbrachte er an der Winkelmühle, besuchte die erste bis vierte Klasse in Battaune, die fünfte bis achte in Wöllnau und die neunte und zehnte in Pressel. Auf dem Hof liefen die Hühner umher, die Schweine hatten einen eingezäunten Auslauf. Jede Familie hatte ihre eigene Wohnung, später brachten sie das Land in die LPG ein. Nebenan arbeitete das Sägewerk bis 1967, zehn weitere Jahre wurde die Mühle von der LPG als Schrotmühle genutzt.

Die Winkelmühle, seit 1993 in Privathand, ist eine Ruine. Quelle: Nico Fliegner

Kindheit – das bedeutete für Erwin Band oft Entbehrung, aber es gab auch unbeschwerte Zeiten. Die Natur ringsherum, der Winkelmühlenteich, die Felder – all das war ein großer Abenteuerspielplatz für die kleinen Winkelmühlen-Bewohner. Und Erwin Band fand in seiner Großmutter Luise eine große Bezugsperson. „Kindheit ist für mich die Oma. Sie war immer zu Hause, wenn die anderen auf dem Feld waren“, erzählt er mit glänzenden Augen. Nach der zehnten Klasse machte er eine Lehre zum Betonfacharbeiter in Rüdersdorf, bezog 1975 eine Wohnung in Eilenburg. „Die Kindheit auf dem Bauernhof und unsere konsequenten Lehrer haben mir zu einem praktisch-handwerklichen Berufsweg verholfen.“ Bis zu seinem Ruhestand war Erwin Band als Bauingenieur tätig, in der Projektierung und insbesondere als Bauleiter.

Erforschung des Friedhofes

Der Waldfriedhof Winkelmühle, der nach Recherchen der Historikerin Ursula Brekle 1892 vom Pfarrer des Nachbarortes Torfhaus geweiht wurde, weist zahlreiche Besonderheiten auf. Er ist heute der einzige kommunale Friedhof in der 4057 Einwohner zählenden Gemeinde Doberschütz. Auch Bürgermeister Roland Märtz (CDU) verweist gern auf den Waldfriedhof als Europas kleinsten Friedhof. Gebühren oder andere Abgaben müssen für die Gräber nicht gezahlt werden, im Gegenzug kümmern sich die Nachfahren der Toten um das Kleinod in der Dübener Heide. Sie pflegen die Buchenhecke, befreien den Friedhof vom Herbstlaub, halten Zaun, Tor und Tür instand. „Als Gemeinde stellen wir lediglich benötigtes Material zur Verfügung“, erklärt Märtz. Beerdigt werden dürfen auch nur Bewohner der Orte Winkelmühle und Torfhaus, das zur Nachbargemeinde Mockrehna gehört.

Der Waldfriedhof sieht sehr gepflegt aus – so manch städtischer Friedhof im Umland bekommt das nicht hin. Nachfahren, die sich für den Friedhof engagieren und Gräber pflegen, gibt es heute unter anderem mit Robert Taiber in Wöllnau und Erwin Band in Eilenburg. Dabei ist der Waldfriedhof nicht zu verwechseln mit einem Friedhof, auf dem sogenannte Baumbestattungen stattfinden, bei der die Idee darauf basiert, die Asche nach der Kremation im Wurzelbereich eines Baumes in die Erde einzubringen.

Die Historikerin Ursula Brekle, 1940 in Ostpreußen geboren, hat sich auf dem Internetportal sachsen-lese.de ausführlich mit dem Waldfriedhof beschäftigt, geht auf die einstigen Gutsbesitzer und Bewohner der Winkelmühle ein und wer von ihnen die letzte Ruhestätte auf dem Friedhof mitten im Wald fand. Selbst für Leute, die sich mit dem Hobby Geocaching befassen, also der modernen Schnipseljagd anhand geografischer Koordinaten im Internet, ist Europas kleinster Waldfriedhof inzwischen eine Station und damit Anlaufpunkt. Für Erwin Band aus Eilenburg hat dieser besondere Ort hingegen nur eine wichtige Bedeutung: „Mit meiner Heimat Winkelmühle/Wöllnau bin ich für immer verbunden.“

Von Nico Fliegner

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