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Eilenburg Gregor Gysi plaudert in Eilenburg aus dem Nähkästchen
Region Eilenburg Gregor Gysi plaudert in Eilenburg aus dem Nähkästchen
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15:54 10.10.2018
In der Pause nahm sich Gregor Gysi viel Zeit zum Signieren - jeder Autogrammwunsch wurde erfüllt. Quelle: Maximilian König
Eilenburg

 Der Stargast steht noch im Stau, als das Foyer im Bürgerhaus bereits eine Dreiviertelstunde vor Veranstaltungsbeginn proppenvoll ist: Die grünen Sessel sind alle belegt, vor dem Saaleingang bildet sich bereits eine Schlange.

Die Lesung zu Gregor Gysis Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“ ist das Highlight des Jahres in Eilenburg und seit Monaten ausverkauft – noch nie waren Tickets für eine Bürgerhaus-Veranstaltung schneller vergriffen. Als der Gast am Dienstagabend mit einer Viertelstunde Verspätung auf der Bühne Platz nimmt, ist die Vorfreude unter den 476 Besuchern zum Greifen.

Gysis Arbeitsalltag

Kurze Begrüßung Gysis von Moderator Jürgen Rummel, dann steigen die beiden mit dem Arbeitsalltag des 70-jährigen ein: Partei- und Wahlkreistermine, seine Arbeit als Anwalt, Wahlkampf, am nächsten Tag steht eine Auslandsreise mit Bundespräsident Steinmeier nach Griechenland an. Wer den Eindruck hatte, um den „einfachen“ Abgeordneten Gysi sei es nach dem Rücktritt als Fraktionsvorsitzender der Linken 2016 ruhiger geworden – weit gefehlt.

Und so ist die erste Hälfte des Gesprächs (gelesen werden an diesem Abend exakt zwei Zeilen) eher eine Tour de Force durch die aktuelle politische Landschaft als durch Gysis (Privat-) Leben, das das aufgehängte Buchcover über der Bühne – Gysi mit lässig umgehängten Pullover –, eigentlich verspricht. Stattdessen: Bayern-Wahl („verhalten optimistisch“), Merkel („schwer angeknackst“) oder eines seiner Dauerthemen, die Waffenexporte Deutschlands – die politische Agenda wird Punkt für Punkt abgearbeitet. Oft geht es dabei sprunghaft zu. Etwa wenn Gysi allgemein über Bildung spricht, im nächsten Atemzug aber plötzlich fragt: „Darf ich noch was zur SPD sagen?“

Scharfe Analysen

Das ist mehr eine rhetorische Frage, denn Moderator Rommel, bekannt aus der DDR-Radiosendung „Beatkiste“, ist an diesem Abend keine große Hilfe. Allenfalls Stichwortgeber, gelingt es ihm nicht, den Redefluss Gysis zu lenken. Dass Gysi natürlich keineswegs palavert, sondern wie eh und je scharf analysiert, weiß das Publikum zu schätzen und nimmt dennoch die Ankündigung, in der zweiten Gesprächshälfte werde es mehr um Gysis Biografie gehen, freudig auf.

In der Pause läuft der Mann des Abends am Autogrammtisch auch körperlich zur Hochform auf: Stück für Stück wird die aus 200 „Bausteinen“ bestehende Bücherpyramide vom Buchhaus Eilenburg abgebaut, Gysi erfüllt geduldig jeden Signierwunsch, posiert für Fotos und lässt sich auch von umkippenden Biergläsern nicht aus der Ruhe bringen.

Wieder im Saal geht es endlich um den Werdegang des gebürtigen Berliners. Gysi erzählt von seiner prestigeträchtigen Familie, die unter Urgroßvater und Fabrikbesitzer Anton Lessing zu einer der reichsten Europas aufstieg, von seiner berühmten Tante und Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing. Und von seinem Vater Klaus, in dessen Zeit als DDR-Staatssekretär das Kunststück gelang, eine Pumpfabrik innerhalb einer Nacht in eine Moschee umzuwandeln, um Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi nicht zu verprellen.

Typische Gysi-Pointen

Der begnadete Redner Gysi ist nun vollends in seinem Element und bringt das Publikum mit Anekdoten im gewohnten Gysi-Pointen-Aufbau (1. ..., 2. ..., 3. ...) zum Lachen. Der Stoff geht im nie aus: Die Ausbildung zum Rinderzüchter („Gelernt mit Hornochsen umzugehen“), sein erster Fall als jüngster Rechtsanwalt der DDR (es ging unter anderem um die „Intimbeziehungen“ einer 53-jährigen Dame) oder sein Jungfernflug als Pilot, neben ihm ein Lothar Bisky in Todesangst.

Als das Ende naht, sind Gysi und Rommel nicht zur Wendezeit vorgedrungen, laut Gysi-Zeitrechnung sein viertes Leben, nach der Jugend- , Studenten- und Anwaltszeit, bevor die Nummern fünf uns sechs Episoden im wiedervereinigten Deutschland markieren. Aber für die vielen Leben des Gregor Gysi ist ein einzelner Abend dann doch einfach zu wenig.

Von Maximilian König

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