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Im Jugendwerkhof Torgau sollte Günter Nossol auf Linie gebracht werden

Ex-DDR-Heimkind Im Jugendwerkhof Torgau sollte Günter Nossol auf Linie gebracht werden

Sein „Verbrechen“ war 1965 die Republikflucht. In Heimen und Jugendwerkhöfen in Eilenburg, Hummelshain und Torgau sollte er wieder „auf Linie“ gebracht werden. Besonders einschneidend für Günter Nossol: die drei Monate im Jugendwerkhof Torgau.

Günter Nossol mit Petra Stietzel vom Betroffenen-Verein des ehemaligen Jugendwerkhofes Torgau bei seiner Lesung in Eilenburg.

Quelle: Karin Rieck

Eilenburg. Günter Nossol räumt ein, „dass irgend etwas mit mir nicht stimmt“. Am Ende seiner gut 200 Seiten langen Autobiografie zieht er dieses Fazit: Sobald sein Gehirn keinem Alltagsstress ausgesetzt sei – was er seit 44 Jahren mit allen Mitteln versuche, aufrecht zu erhalten – „kehrt es im Ruhezustand automatisch nach Torgau zurück“.

Mit aller Gewalt wolle es sich den Zustand und die Gefühle aus der Zeit vor Torgau zurückholen. Er wisse aber, dass das nicht funktioniert. Denn das Unterbewusstsein wolle das nicht akzeptieren. Weshalb es immer wieder in den Ohnmachtsgefühlen von Torgau strande. In den drei Monaten im Jahr 1970 im geschlossenen Jugendwerkhof sei zu viel kaputt gegangen.

Mit einigen Schlüsselerlebnissen seiner Kindheit und Jugend konfrontiert der in DDR-Erziehungseinrichtungen ausgebildete Maler, Jahrgang 1953, der zurzeit in Dänemark lebt und arbeitet, zahlreiche Besucher der beliebten Reihe „Sonntagsschule“ im Eilenburger Museum. Gastgeber und Museumsleiter Andreas Flegel hat für Hintergrundinformationen Teile der früheren Sonderausstellung anlässlich des 20-jährigen Bestehens das Caritas-Hilfeverbundes unters Dach geholt.

Günter Nossol hat ein Buch geschrieben über seine Zeit als Heimkind

Der Nachfolger der früheren Spezialeinrichtung dokumentierte gemeinsam mit örtlichen Helfern auf 13 Tafeln 2010 die Geschichte der Heimerziehung an der Rödgener Landstraße. Der Betroffenenverein Torgau will sie künftig im ehemaligen Pförtnerhaus dauerhaft öffentlich machen. Die Stiftung unterstützt außerdem Nossols Publikation.

Petra Stietzel von der Betroffeneninitiative steht an diesem bewegenden Sonntagnachmittag dem Gast, gebürtiger Berliner, zur Seite. Was er in seinem Buch „Zeitzeuge – Günter Nossol. Meine 20 Jahre DDR“ aufgeschrieben hat, wolle er demnächst auch in Bayern und Dänemark, in der deutschen Schule und der deutschen Bibliothek, vorstellen, sagt das Ex-DDR-Heimkind nach seinem Vortrag und einer Fragerunden fürs Publikum.

Nossols Lesereise startete in Torgau. Neben den einschneidenden Erfahrungen dort ist zuvor 1966/67 das Spezialkinderheim „Ernst Schneller“ in Eilenburg eine Station des heute 63-Jährigen. Als Folge des ersten Ausreißers eines erst Zwölfjährigen zu Verwandten nach Westberlin. Von da an war er als Republikflüchtiger stigmatisiert. Auch die Eltern litten unter der „Sippenhaft, die zu DDR-Zeiten galt“. Die Limittests eines „Frühpubertierenden“, wie sich Nossol rückblickend nennt – Mädels, Alkohol und diverse Streiche – wurden hart geahndet.

Schlüsselbund an den Kopf geworfen

Das Spezialkinderheim in Eilenburg wie auch der Jugendwerkhof in Hummelshain, wo sogenannte „Schwererziehbare“ therapiert werden sollten, blieben als relativ erträgliche Einrichtungen in Erinnerung. „Soweit man das sagen kann, wenn einem als Erziehungsmaßnahme auch mal ein Schlüsselbund an den Kopf fliegt.“ Durch das „Ernst Schneller“ in Eilenburg habe er sich anfangs „wie ein Wurm hindurchgeschlängelt“. Hier sei er gut in der Schule gewesen, im Fanfarenzug. Und mit dem Russischlehrer, der sogar an der Olympiade in Kopenhagen teilnahm, habe er sogar Spaß gehabt.

Doch als es zurück in die Nähe der Mutter ins Wochenheim nach Birkenwerder gehen sollte, willigte er ein. Um dann später in Torgau zuschauen zu müssen und nicht helfen zu dürfen, als ein Mädchen bewusstlos auf dem Hof zusammensackte und an den Füßen, den Kopf gegen Pflastersteine schlagend, weggezerrt wurde. Auch die nächtlichen Schreie und das Wimmern aus dem Mädchentrakt quälen ihn bis heute.

Die selbst verlegten und vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben geförderten Nossol-Bücher sind bei der Stiftung Gedenkstätte Jugendwerkhof Torgau, Telefon 03421 714203 hinterlegt.

Von Karin Rieck

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