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Keramik aus der Eilenburger AWO-Werkstatt

Arbeit mit Behinderten Keramik aus der Eilenburger AWO-Werkstatt

Gemeinsam mit Menschen mit Behinderung hat Jürgen Zich, Leiter der Keramik-Gruppe in den Eilenburger AWO-Werkstätten, dafür gesorgt, dass bei vielen in der Region einige handgemachte Tassen mehr im Schrank stehen. Teller, Keramik-Figuren, Vasen, Schüsseln ebenfalls. Nun geht Zich in Rente, Karsten Budras steht als Nachfolger bereit.

Diese Köpfe sind alle Unikate.

Quelle: Wolfgang Sens

Eilenburg. Aller Anfang ist grau und klumpig. Aber Almuth Goldmann baut große Pilze aus Tonmasse und Sascha Keller ein Haus mit Leuchtturm. Der Ton, den die Frauen und Männer am langen Tisch in der Eilenburger AWO-Werkstatt auf drehbaren Scheiben unter den Händen haben, ist gut in Form gekommen. Die Köpfe aus Keramik, die schon lange gebrannt im Regal stehen, hat Frank Deutrich gebaut. Sie sind Unikate, die meisten haben ein reales Vorbild in der Werkstatt. Das Leuchthaus, das Sascha Keller formt, hat er sich ebenfalls selbst ausgedacht. Aber die meisten der Kreationen für den Verkauf gehen auf die Ideen von Jürgen Zich zurück. „Ich fragte schon jeden Tag: Hast du eine Idee, an der du arbeiten willst?“ Doch der ehemalige Gruppenleiter musste feststellen: Oft wissen seine Schützlinge darauf erst einmal keine Antwort. In dieser Keramikwerkstatt ist mehr als pure fachliche Anleitung und pädagogische Betreuung nötig, sondern auch künstlerisch-kreative Anleitung und Planung. Und dafür war Jürgen Zich der Richtige. Ende Mai geht er nun mit 65 Lenzen in Rente. Ob es diese Abteilung in den AWO-Werkstätten auf dem Eilenburger Schanzberg ohne ihn bis heute geben würde?

Sein erster Beruf: Maschinist für Wärmekraftwerke. Das war dem einstigen Lübbenauer aber bald zu wenig. So lernte er fürs Abi an der Abendschule, das Studium an der Berliner Humboldt-Uni folgte. 1979 wurde er Lehrer für Polytechnik. Nach zehn Jahren befand er, es sei Zeit, beruflich etwas anderes zu machen. „Möglichst etwas, bei dem man das Ergebnis in den Händen halten kann.“ Schließlich hatte er in der Freizeit schon getöpfert und gedrechselt.

Keramik-Erzeugnisse waren zu DDR-Zeiten gefragt. Als jedoch seiner Kündigung im Frühjahr 1990 stattgegeben war, änderte sich das gerade. „Dabei war unser zweites Kind unterwegs“, erinnert er sich. „Ich bin meiner Frau sehr dankbar. Sie war unglaublich zuversichtlich, versuchte nie, mir den Ausstieg auszureden.“ Nun hatte er zwar seine Werkstatt im Stadtteil Ost. Aber eigentlich war er arbeitslos und wiederum erstaunt, dass es für solche Zeiten finanzielle Unterstützung gab. Allerdings konnte er auch keine gewerbliche Töpferei eröffnen. Dafür hätte er nun den Meisterbrief gebraucht.

Erste Kontakte im Jahr 1992

So hielt er Kurse für die Volkshochschule und kam 1992 in Kontakt im dem Reha-Zentrum am Eilenburger Jahnplatz. Die Leiterin Petra Enigk hatte die Idee, den Arbeitstrainingsbereich für Keramik aufzubauen. Dazu wurde Zich erst einmal halbtags engagiert. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, geht sein Blick zurück. „Es gab nicht wenige, die unsere Keramik mochten oder uns unterstützen wollten, oder beides. Das ist so geblieben. Danke, liebe ,Eilenbürger’!“ Denn viele Bürger der Muldestadt und ihrer Umgebung kauften und kaufen Tassen, Becher, Müslischalen, Teller, Gartenfiguren, Vasen, Übertöpfe, Schüsseln, Lichthäuser, Duftlampen.

Keramik aus der Werkstatt

Keramik aus der Werkstatt.

Quelle: Wolfgang Sens

Das Sortiment wuchs mit den Jahren. Die Umsätze der Werkstatt stiegen. „Aber wir sind natürlich auch heute um einiges davon entfernt, uns selbst zu tragen“, betont Zich. Das sei auch nicht das Ziel einer solchen Einrichtung: „Sondern es geht um Wertschätzung, die Möglichkeit für die behinderten Mitarbeiter, ihre Fähigkeiten zu nutzen und zu entwickeln. Das, was eigentlich jedem Menschen zu wünschen wäre. Wir sind jetzt eine Gruppe von Spezialisten. Einige sind kurzfristig nicht durch andere zu ersetzen. Ich habe meine Zweifel, ob Inklusion dagegen immer eine bessere Alternative ist.“ Die zehnköpfige Keramik-Gruppe ist zusammengewachsen. Sie nutzt sogar ein eigenes Begrüßungsritual, den Ellenbogengruß. Die Extremitäten werden an der Beuge gegeneinandergestupst, um nicht tonverschmierte Hände schütteln zu müssen.

2005 zog die Werkstatt aus dem flutgeschädigten und kleineren Gebäude in der Mitte der Stadt in das moderne, große Gebäude im Gewerbegebiet auf dem Schanzberg um. Damals fiel der Keramik-Verkauf auf dem Markt weg. Dafür entstand der Kontakt mit dem Bio-Laden, der die Produkte in der Innenstadt anbietet. Selbst im Nikolai-Eck in Leipzig, schräg gegenüber der gleichnamigen Kirche sind Eilenburger Keramiken zu kaufen.

Anschlickern lernen

Der Entwicklung der Abteilung kam zugute, dass die Mitarbeiter nicht mehr alle paar Monate den Arbeitstrainingsbereich wechselten, sondern inzwischen eine Abteilung auswählen können, die ihnen liegt und in der sie sich handwerklich perfektionieren: „Die Kappen habe ich selbst gemacht, die Stiele muss ich anschlickern“, erklärt zum Beispiel Almuth Goldmann, was gerade an ihrer Pilzkreation zu tun ist. „Anschlickern“, so heißt das Ankleben mit Hilfe von dünnem Tonbrei, der Schlicker genannt wird. Und die echten Gräser so präzise in den doch schon relativ harten Ton zu drücken, das gelingt nicht jedem so wie Dietmar Viehweg. Mike Pohle bereitet wiederum die Tonplatten vor, aus denen viele der Objekte gebaut werden. Keiner kann so gut und so gern wie der 37-Jährige die Lufteinschlüsse aus dem Material walken.

Keramik aus der Werkstatt

Keramik aus der Werkstatt.

Quelle: Wolfgang Sens

Aber was ist ein Nasch-Frosch? Den hat Zich erfunden, als ihm eine bauchige Vase zusammenrutschte. Die zerknautschte Öffnung erinnerte an das breite Maul des Lurchs. Ein paar Augen dazu und schon war ein praktisches Gefäß zur Darbietung von Knabberzeug erfunden. Auch die Masken, die verschiedene Eilenburger unter seiner Anleitung von sich selbst fertigten, hängen immer noch am Zugang zur Bader-Galerie im Stadtteil Eilenburg-Berg.

Verschiedene Designs kreiert

Im Laufe der Jahre wurden in der Werkstatt verschiedene Designs kreiert. Beim Gräser-Dekor zum Beispiel bleibt die Farbe des Tons sichtbar. Das Blümchen-Muster ist gekennzeichnet von gemalten Gräsern, Blumen sowie Schmetterlingen auf weißem Grund. Beim Balkondekor werden winzige Fassadenelemente, Vögel und Blumen an Gefäße geschlickert. „Das ist eine Erfindung von Jens Stückrad“, betont Jürgen Zich. „Wir folgen zudem dem Rat Salvador Dalis: Keine Angst vor der Perfektion. Du wirst sie nie erreichen“, erklärt er den Charme der Stücke.

Funktionalität und Qualität aber sollten auf alle Fälle stimmen. Deshalb wurden die Produkte im Lauf der Jahre werkstofftechnisch immer perfekter: Mit Brenntemperaturen über 1200 Grad Celsius kann sehr dichte Keramik hergestellt werden. Sie ist zudem weniger zerbrechlich und spülmaschinenfest. „Erst der Schrühbrand, dann der Glattbrand. Das Trocknen vor dem Brennprozess, das Abkühlen danach. Das braucht seine Zeit. Vom ersten Handgriff an einem Werkstück bis zu seiner Fertigstellung vergehen vier Wochen und jedes Teil muss vielfach weiterbearbeitet werden“, erklärt Karsten Budras, der fortan die Geschicke dieses Bereichs lenkt. „Er legt sich handwerklich und organisatorisch ins Zeug“, freut sich Zich über seinen Nachfolger und darüber, dass er trotzdem mit seinem Rat weiter in der Werkstatt willkommen ist. „Ich will versuchen, ein nützlicher Rentner zu sein.“ Mit welchen Projekten der 65-Jährige die freie Zeit seines Ruhestands ausfüllt, darüber will er lieber nichts verlauten lassen. Aber die Mannschaft der Werkstatt hat ihm zum Abschied schon eine Jahreskarte fürs Leipziger Bildermuseum geschenkt.

Von Heike Liesaus

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