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Eilenburg Mockrehna wird zur Film-Kulisse – Stoff von Clemens Meyer wird verfilmt
Region Eilenburg Mockrehna wird zur Film-Kulisse – Stoff von Clemens Meyer wird verfilmt
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09:15 19.04.2017
Die letzte Szene von „In den Gängen“ wurde vor der Kulisse des Mockrehnaer Friedhofs gedreht. Quelle: Wolfgang Sens
Mockrehna

Es ist ein trüber Morgen in Mockrehna. Der Regen hat erst vor Kurzem abgelassen, der Himmel ist noch grau und etwa 20 betroffene Gesichter ziehen stumm mit Regenschirmen und Blumensträußen in den Händen über den Friedhof zur Kapelle. Und das wieder und wieder und wieder, mal nah beieinander, mal in größeren Abständen – bis Regisseur Thomas Stuber zufrieden und die Szene auf Film gebannt ist. Zu Grabe getragen wird an diesem Tag nämlich kein echter Mensch, sondern eine Figur aus dem Film „In den Gängen“, der seit Februar in Leipzig, Wittenberg sowie Karlsruhe gedreht wurde und nun mit der letzten in Mockrehna gedrehten Szene im Kasten ist.

Drei Tage drehten Regisseur Thomas Stuber für die Clemens-Meyer-Verfilmung „In den Gängen“ in Mockrehna.

Es geht kurz umrissen um Christian (gespielt von Franz Rogowski, unter anderem bekannt aus Sebastian Schippers „Victoria“), Marion (Sandra Hüller, „Toni Erdmann“) und Bruno (Peter Kurth, „Herbert“), deren Arbeit im Großmarkt und ein Leben, „das außerhalb des Großmarktes kaum auszuhalten ist“. Die Welt da draußen hat die Koproduktion von Sommerhaus Filmproduktion GmbH, MDR und anderen Anstalten der ARD unter anderem in Mockrehna gefunden. Drei der insgesamt 30 Drehtage fanden in der kleinen nordsächsischen Gemeinde bei Eilenburg statt. „Wir haben einen Hof gesucht, der zu unserer Figur passt, leer steht und ein bisschen verlebt wirkt. Den haben wir hier gefunden und uns dafür entschieden, weil auch der Friedhof gepasst hat“, erläutert Motivaufnahmeleiter Martin Pelzl. Bedingung war auch die Nähe zu Leipzig. „Mockrehna war als Drehort toll. Die Verwaltung und besonders Hauptamtsleiter Michael Thul haben uns super aufgenommen und unterstützt – sei es mit benötigten Genehmigungen oder Anträgen für Straßensperrungen“, betont Pelzl. Platz brauchen die Filmemacher nämlich nicht nur direkt am Set, sondern auch für die Teamverpflegung, Technik und die komplette Logistik, die ein Dreh mit sich bringt. Des Weiteren liehen Mitarbeiter des örtlichen Bauhofs in der Vorbereitungsphase des Friedhofdrehs ihre helfende Hand und montierten vorübergehend eine störende Überdachung für Gießkannen ab. „Das ist der Vorteil im Vergleich zu einer großen Stadt wie Leipzig, wo die Verwaltungswege oft lang sind“, meint der Motivaufnahmeleiter. Das rund 30 Frauen und Männer starke Produktionsteam sieht sich als Schnittstelle zwischen Filmblase und der echten Welt. „Film funktioniert nach eigenen Regeln. Gerade deshalb ist der gute Kontakt zu den Gemeinden sehr wichtig“, unterstreicht Pelzl.

„Film funktioniert nach eigenen Regeln“

Welche Regeln das sind, ließ sich in Mockrehna gut beobachten. Die Produktion nahm den Zehnweg in Richtung Friedhof in Beschlag, sperrte die Zufahrt mit Verkehrspylonen ab und achtete genau darauf, wer sich dem Set nähert. Das lag jedoch nicht an etwaigen Starallüren der Darsteller, sondern hatte ganz pragmatische Gründe. Denn läuft erst mal die Kamera, muss jede Kleinigkeit stimmen. Kein Auto darf im Hintergrund ungeplant durchs Bild rollen und es muss vor allem Ruhe herrschen. Zuschlagende Türen, knipsende Kameras, klickende Kugelschreiber und selbst vorsichtig geflüsterte Wortwechsel ernten genervte Blicke des Tonmanns. Erst das erlösende „Danke!“ von Thomas Stuber lässt das Produktionsteam wieder bienenartig ausschwärmen. Dann gibt der Regisseur Anweisungen für die nächste Einstellung, die Kamera wird neu justiert und die Maske frischt fix das Make-Up der Profis und Komparsen auf – bis es wieder heißt „Achtung, wir drehen!“ und auf dem Friedhof abermals kaum mehr als die Schritte der Darsteller und das Wehen des Windes zu hören ist.

Doch nicht nur beim Film herrschen spezielle Regeln. Auch das Wetter hat seinen eigenen Kopf. Als Glücksfall stellte sich deshalb der von dicken Regenwolken verhangene Himmel – passend zur Trauerstimmung – am letzten Drehtag auf dem Mockrehnaer Friedhof heraus. Auf Vorhersagen kann sich das Team nur selten verlassen, da Produktionen dieser Größe bereits mehrere Monate im Voraus geplant werden. Dabei liege die größte Herausforderung darin, die Terminkalender von Darstellern wie Sandra Hüller, Franz Ragowski und Peter Kurth unter einen Hut zu bekommen. „Die Schauspieler drehen oft mehrere Filme gleichzeitig“, erklärt Herstellungsleiterin Sophie Kocco. Für „In den Gängen“ galt es jedoch nicht nur passende Drehtage zu finden, sondern den Mimen genügend Vorbereitungszeit einzuräumen. „Im November haben alle richtig im Großmarkt mitgearbeitet und sogar ihren Staplerführerschein gemacht“, berichtet Kocco.

Darum geht es in der Clemens-Meyer-Verfilmung

„In den Gängen“ erzählt die Geschichte des schweigsamen Christian (Felix Rogowski). Er ist neu im Großmarkt und muss dort mit den bienenstockartigen Arbeitsverhältnissen und nächtlichen Schichten klarkommen. Bruno (Peter Kurth) aus der Getränkeabteilung nimmt seinen neuen Kollegen an die Hand und zeigt ihm, wie der Laden läuft. Dann gibt es noch Marion (Sandra Hüller) aus dem Gang nebenan. Christian mag Marion, doch er bekommt kein Wort heraus und sie ist in einer lieblosen Ehe mit einem Schläger gefangen. Erst nach einiger Zeit wird aus beiden mehr als nur Kollegen. Im Großmarkt geben sie sich den Halt, den ihnen außerhalb des Regallabyrinths niemand geben kann.

Der Leipziger Autor Clemens Meyer (39, „Als wir träumten“) hat seine ursprüngliche Kurzgeschichte gemeinsam mit Regisseur Thomas Stuber („Herbert“) für die große Leinwand adaptiert. Bereits 2015 wurde der Stoff mit Vorschusslorbeeren bedacht und sahnte den Deutschen Drehbuchpreis ab. „In den Gängen“ ist nach „Herbert“ (Deutscher Filmpreis in Silber 2016) und „Von Hunden und Pferden“ (Deutscher Kurzfilmpreis in Gold 2011 und Studenten-Oscar in Silber 2012) die dritte Zusammenarbeit des Duos.

Wie problemlos Rogowski und Co. damit durch die Gänge rollen, wie wohl sich die Figuren auf einem Hof in Mockrehna fühlen und wer am Ende zu Grabe getragen werden muss, wird laut der Herstellungsleiterin frühestens Anfang nächsten Jahres auf den Kinoleinwänden Deutschlands zu sehen sein. Bis dahin muss das abgedrehte Material in der sogenannten Postproduktion unter anderem noch mit Musik unterlegt und im Schnitt zusammengefügt werden. Als „nicht unspannend“, um den Film einem größeren Publikum zu zeigen, schätzt Kocco die Ende Februar in Berlin stattfindende Berlinale ein. Ein Stein gemeißelt ist jedoch noch nichts. „Man muss natürlich immer sehen, zu welchem Festival der Film überhaupt passt.“ Und dafür sei es jetzt noch zu früh.

Filmproduktionen in Nordsachsen

„In den Gängen“ ist kein Ausnahmefall, sondern reiht sich in eine Palette von Produktionen ein, die über die Jahre in Nordsachsen gedreht wurden.

So nahm unter anderem die Produktion der Leander-Haußmann-Komödie „NVA“ 2004 die ehemalige Heidekaserne im Bad Dübener Ortsteil Alaunwerk für Dreharbeiten in Beschlag. Zahlreiche Männer aus der Region wurden damals kurzerhand als Soldatenkomparsen rekrutiert.

Auf dem selben Grund und Boden wurden 2011 Szene für „Der Turm“ nach dem Roman des Dresdner Schriftstellers Uwe Tellkamp gedreht. „Die Abenteuer des Huck Finn“ spielten sich im selben Jahr in Teilen ebenfalls auf Bad Dübener Boden ab und wurden dort auf Film gebannt. Auch die „Soko Leipzig“ begab sich bereits nach einem Mordfall im Heide Spa auf Spurensuche.

Eine beliebte nordsächsische Kulisse ist zudem das Schloss Hohenprießnitz, auf dem sowohl 2003 mit „Hunger auf Leben“ die Biografie der Schriftstellerin Brigitte Reinmann als auch 2012 die international besetzte, deutsch-kanadische Co-Produktion „Buddhas kleiner Finger“ verfilmt wurde.

Die Gleise vor dem Eilenburger Bahnhof tauchen in David Wendts „Kriegerin“ auf. Die Dreharbeiten des Spielfilms über die deutsche Neonazi-Szene gingen 2011 über die Bühne. Die Mitteldeutsche Regiobahn stellte der Produktion damals extra einen Zug zur Verfügung, um die Szene in den Kasten zu bekommen.

Von André Pitz

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