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Eilenburg Nordsachsen: Der Rotmilan im Sinkflug
Region Eilenburg Nordsachsen: Der Rotmilan im Sinkflug
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17:39 28.12.2017
Ein Rotmilan (Milvus milvus) am Himmel über dem Naturpark Feldberger Seenlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Quelle: dpa
Eilenburg

Im Herbst zieht er in den Süden und überwintert in Spanien, in Südfrankreich und Portugal. Wenn er wieder in hiesigen Gefilden ist, bietet der rostrote, im Flug spielerisch wirkende Greifvogel mit den schwarzen und weißen Federn auf der Unterseite und dem weißen Kopf mit seiner unverwechselbaren Silhouette einen beeindruckenden Anblick. Dann, von Mitte März bis Ende Juli, ist Peter Solluntsch häufig auf Muldewiesen rund um Eilenburg, Püchau, Zschepplin, Bad Düben und anderen Ecken unterwegs, beobachtet den majestätisch schwebenden Greifvogel, erfasst die Brutbestände. Aus eigener Faszination  – und von Berufs wegen. Denn so idyllisch, wie es scheint, ist die Lage nicht – der Bestand der Rotmilane geht deutschlandweit zurück. In Sachsen steigt er zwar leicht. Ursachen dafür sind Areal-Neubesetzungen nach dem Tiefpunkt um 1900 (durch Bejagung) und Zuwanderungseffekte. Dennoch ist Handeln erforderlich. Der studierte Forstwissenschaftler betreut seit 2013 beim Landschaftspflegeverband (LPV) Nordwestsachsen das Rotmilan-Schutzprojekt „Land zum Leben“. Der LPV ist einer von neun Praxispartnern. Das Projekt läuft bis September 2019 und wird mit Mitteln des Bundesprogramms für Biologische Vielfalt gefördert. Zeit also für ein Zwischenfazit.

850 Quadratkilometer großes Projektgebiet in Nordsachsen

Der Rotmilan gilt als Deutschlands heimlicher Wappenvogel, immerhin brütet über die Hälfte des Weltbestandes hier, zwischen 14 000 und 18 000 Brut-Paare mögen es derzeit sein. Allein in Nordsachsen gibt es ein 850 Quadratkilometer großes Projektgebiet, nördlich von Leipzig im Landkreis Nordsachsen, hier über weite Flächen der Leipziger Tieflandsbucht bis hin zur Magdeburger Börde soll es auch die größte Dichte im gesamten Freistaat geben. Allerdings bereitet die Art den Naturschützern seit Jahren große Sorgen: Seit den frühen 1990er-Jahren verzeichnen sie einen Rückgang der Bestände um gut ein Drittel. Ob auch immer weniger Vögel über Nordsachsen ziehen, soll das Projekt zeigen.

Umso wichtiger ist das, was der LPV aus der daraus entstehenden Verantwortung leistet. Peter Solluntsch erfasst Jahr für Jahr die Anzahl der Brutpaare, kümmert sich um Gefahren, die den Nest-Erbauern drohen, bringt 1,20 Meter hohe Plexiglas-Folien als Manschetten an den Bäumen an, die vor allem den Waschbär am Räubern der Gelege hindern sollen. Welchen Einfluss sogenannte Prädatoren wie der Waschbär, der in hiesigen Regionen eigentlich nicht heimisch ist, sich aber immer mehr ausbreitet, auf den Rotmilan hat, sei bisher nicht bekannt und werde ebenso untersucht: „Es gibt noch keine Belegbilder, wie ein Waschbär Nester ausräumt“, sagt der 29-Jährige. Deshalb sei für einen gewissen Versuch-Zeitraum die Hälfe der Bäume, auf denen es Rotmilan-Nester gibt, ummantelt, die andere Hälfte nicht.

Peter Solluntsch an einem Baum, der mit einer Plastikfolie umwickelt ist, die den Waschbären am Räubern der Rotmilan-Nester hindern soll. Quelle: privat

Auch die Bäume selbst gilt es als Nistbäume zu sichern. Oft seien es alte Pappeln, die drohen, umzufallen. Solluntsch misst zudem die Nester, die oft unordentlich wirken, ein: „Diese sind in der Regel fußballgroß und meist gut daran zu erkennen, dass sich darin Müll, Plaste und Lumpen befinden.“ Jetzt im Winter sucht er diese auf, zählt sie, im Frühjahr wird kontrolliert, welche der vielen hundert Nester vom Milan besetzt sind. 

 Das Hauptproblem für den Rotmilan sei in erster Linie der Nahrungsmangel, sagt Solluntsch. In diesen Tagen liegen die aktuellen Zahlen der Brutsaison 2017 vor. 53 Paare haben gebrütet, 69 Jungvögel sind flügge geworden. 77 Prozent Bruterfolg klingt erstmal nicht schlecht, pro Brutpaar heißt das 1,7 Jungvögel und dies sagt aber eben auch aus: „Dieser Wert ist der schlechteste seit 2014. Er müsste eigentlich über 2 liegen, damit die Population stabil bleibt.“ Das Jahr aber war ein schlechtes Mäusejahr. Dies führe auch dazu, dass weniger Paare brüten und Jungtiere unterversorgt sind.

Womit das nächste Problem und ein weiterer Schwerpunkt benannt ist: Die intensive Landwirtschaft mit wenigen Kulturen auf großen Schlägen, die schnell und sehr dicht aufwachsen, so wie Raps oder Wintergerste, versperre den Vögeln den Blick auf Beute. Zur Brutzeit im Mai/Juni, wenn die Elterntiere zwei bis drei Jungvögel großziehen müssen, ist das Futter knapp und der notwendige Bruterfolg bleibt aus. Erst im Juli entspanne sich die Situation.

Schutz des Rotmilans

Die Landschaftsschützer verfolgen neben dem Nestbaumschutz und dem Prädatorenmangement verschiedene Wege zum Schutze des Rotmilans:

Eine Lösung wäre eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft. Mosaikartige Flächen, in denen es auch Areale mit kurzer Vegetation, vor allem zwischen April und Juni gibt. Die Landnutzer sind daher der Schlüssel zum Erhalt des Rotmilans. Hier setzt das Projekt an. Landwirte, Waldbesitzer, Kommunen und Landkreise werden zu rotmilanfreundlicher Landnutzung beraten. Ca. 230 Landwirtschafts-Betriebe gibt es allein im Projektgebiet. Mit 87 stehe der LPV in engem Kontakt. Allein in diesem Jahr seien durch die Naturschutzberaterin Heike Weidt 100 Beratungen durchgeführt worden, bei denen es um rund 1000 Hektar Fläche ging. Dabei geht es unter anderem um Agrarumweltmaßnahmen, also ökologisch günstige Kulturen, die Landwirte freiwillig, unterstützt durch Fördermittel des Freistaates Sachsen,  anbauen. Rotmilane ernähren sich unter anderem von Mäusen, Singvögeln, Aas und Regenwürmern.

Der Anbau von Leguminosen, also Pflanzen für die Tierfutterzubereitung wie Klee und Luzerne, sei etwa eine unterstützte Maßnahme. Sie erhöht die Nahrungsmenge als auch deren Verfügbarkeit für den Rotmilan. In Sachsen wird dies gefördert, wenn mindestens zehn Prozent, zumindest aber drei Hektar der Ackerfläche derart genutzt werden.

Vogelschutzgerechte Ackerbewirtschaftung: Auf mindestens einem Schlag wird Getreide (ohne Mais und Hirse) angebaut, das im Zeitraum der Ansaat bis Mitte September weder gedüngt noch gespritzt wird. Ein späterer Stoppelumbruch ermöglicht zudem eine längere und bessere Nahrungsverfügbarkeit auf den Flächen bis in die Zugzeit hinein.

Brachen auf Acker- und Grünland sowie Erhalt von Grünland (Greening): Einjährige Brachen werden jährlich umgebrochen, sodass der Bewuchs locker bleibt und zur Brutzeit gute Jagdmöglichkeiten bietet. Optimal sind zudem artenreiches Grünland, welches in der Brutzeit mindestens zweimal genutzt wird.

Grünstreifen auf Ackerland: Im Vergleich zu flächigem Ackerfutteranbau ist die Etablierung von Futterstreifen in Ackerkulturen geeignet, kleinräumig Ackerschläge aufzuwerten.

Staffelmahd: Eine Grünlandfläche wird in Teilabschnitten von ca. zwei Hektar im Abstand von 14 Tagen gemäht. Dadurch wird die regelmäßige Erreichbarkeit von Nahrungstieren erreicht.

Baumhecken und Feldgehölze sind wichtige Lebensstätten. Sie verbinden Lebensräume, liefern Nahrung und stellen Brutplätze dar – so für den Rotmilan. Baumhecken mindern aber auch die Bodenerosion und steigern nachweislich den Ertrag der benachbarten Kulturen.

Förderprogramme nicht ausreichend ausgestattet

Doch Peter Solluntsch weiß auch, dass es Hindernisse gibt. „Der Fördertopf für Ackerland, der helfen soll, das Artensterben bis 2020 zu stoppen, war schnell leer, sodass unsere Beratung vorrangig das Thema Greenig betrifft. Auch weitere Förderprogramme wie die für Streuobstwiesen sind nicht ausreichend ausgestattet“, sieht der Experte die Politik in der Pflicht.

Die erfassten Ergebnisse sollen auch zeigen: Bringt das, was die Landschaftsschützer hier machen, überhaupt was? Dass das Rotmilan-Schutzprojekt „Land zum Leben“ in diesem Jahr von der Fachjury der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet wurde, sieht man beim LPV als Bestätigung: „Wir freuen uns über die Auszeichnung. Sie ist ein Zeichen der Wertschätzung für unsere Arbeit und legt den Fokus auf die Bedeutung der Region Nordsachsen für den Vogelschutz“, erklärte LPV-Geschäftsführerin Veronika Leißner.

Von Kathrin Kabelitz

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