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Nordsachsens Imker schlagen Alarm: Bienensterben durch Pestizide

Podiumsdiskussion Nordsachsens Imker schlagen Alarm: Bienensterben durch Pestizide

Um das Bienensterben ging es jetzt bei einer Podiumsdiskussion in Audenhain. Insektenkundler und Imker warnten dabei vor dem Einsatz von hochgiftigen Pestiziden. Das Gift töte nicht nur schädliche Insekten, sondern auch Honigbienen.

Um die Biene ging es nun bei einer Podiumsdiskussion in Audenhain.

Quelle: dpa

Nordsachsen. Angesichts des nahenden Frühlings hoffen die Imker in Nordsachsen, dass ihre Bienenvölker ohne Verluste in die neue Saison starten können. Doch schon jetzt scheint klar zu sein, dass auch 2016 kein einfaches Bienen- und Imkerjahr wird. Das Stichwort Bienensterben geistert wieder durch die Lande. Welche echten Gefahren lauern auf die Insekten, die den Menschen das Frühstück versüßen? Der Landtagsabgeordnete der Grünen und Agrarpolitische Sprecher Wolfram Günther hatte in dieser Woche nach Audenhain zu einer Diskussionsrunde eingeladen, bei der sich Imker, Landwirte und Insektenkundler über die Situation der Bienen austauschten. Als Referenten kamen in der 50-köpfigen Runde der Insektenkundler Matthias Nuß und der Imker und Bienensachverständige Henry Seifert zu Wort.

„In den letzten zwei Jahrzehnte hat das Seltenerwerden von Insekten zugenommen. Davon sind vor allem wild lebende Insektenarten betroffen, aber auch an der Honigbiene geht diese Entwicklung nicht vorbei“, so Insektenkundler Nuß. Das Schlagwort Bienensterben ist dabei inzwischen zu einem populären Thema geworden. „Unter dem Bienensterben verstehen wir heute eine ganz Menge Faktoren. Das sind die Krankheitsgefahren, die von der Varoa-Milbe ausgehen, die vor Jahren aus Ostasien nach Europa eingeschleppt wurde. Das sind die mangehaften Futterverhältnisse für Bienen im Sommer durch Monokulturen in der Landwirtschaft. Das ist der großflächige Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der industriellen Landwirtschaft und seit zehn Jahren kommt noch das Phänomen CCD dazu“, erläutert Nuß.

Gift für die Biene

Gift für die Biene: Insektizide

Quelle: Hagen Rösner

CCD heiß Colonie Collaps Disorder und bezeichnet ein Abfliegen von vielen Bienen aus einem scheinbar intakten Volk, was zu einem völligen Verlust des Volkes führen kann. Während sich in Deutschland CCD noch in Grenzen hält, hat es in den USA bei einigen Imkern schon totale Bestandsverluste gegeben. „Das schwierige ist, dass es keine äußerlichen Symptome gibt, die vorher auf CCD hinweisen. Innerhalb kurzer Zeit ist der Bienenstock leer oder die Bienenmasse so gering, dass das Volk nicht mehr überlebensfähig ist“, sagt Nuß. Er und viele seiner Forscherkollegen haben eine ganz bestimmte Art von Insektiziden in Verdacht, CCD auszulösen: die sogenannten Neonikotinoide.

Das sind neuartige synthetisch hergestellte Insektizide, die bereits in geringsten Mengen für Bienen hochgiftig sind. Die Vergiftungen der Bienen waren aufgrund der extrem geringen wirksamen Konzentrationen der Neonikotinoide lange Zeit nur schwer nachzuweisen. „Würden wir über den Bereich der Humanmedizin sprechen, dann müssten wir über homöopathische Mengen von Gift reden, die für so kleine Organismen wie bei den Bienen schnell tödlich werden. Dazu kommt, dass Neonikotinoide Gifte sind, die das Nervensystem angreifen.

Erdrückende Beweislast

Inzwischen gibt es hunderte Veröffentlichungen zum Thema, die eine erdrückende Beweislast zusammentragen und trotzdem werde an den entsprechenden Stellen in den Ämter nicht oder nur schleppend auf die neuen Forschungsergebnisse reagiert. Für Nuß sind die neuen Forschungsergebnisse auch nicht überraschend. „Diese Pflanzenschutzmittel sind dazu entwickelt worden, Insekten zu töten. Das Wirkprinzip lässt sich auf alle Insekten übertragen. Deshalb kann man auch erwarten, dass es erhebliche Auswirkungen auf die Honigbiene gibt“, so der Insektenforscher.

Umso erstaunlicher findet es der Imker und Bienensachverständige Henry Seifert, dass es 2014 in Sachsen offiziell nur neun Verdachtsfälle auf Bienenvergiftung gegeben hat. Dabei wurde nur in einem Fall eine hohe Konzentration an Pflanzenschutzmitteln für ein Völkersterben nachgewiesen. Als Seifert die 50 nordsächsischen Imker fragt, wer 2014 einen ähnlichen Verdacht im eigenen Bestand ausgemacht hat, schnellen im Saal mehrere Arme nach oben. „Bitte nicht mehr als neun Leute melden, sonst machen wir die sächsische Statistik kaputt“, schmunzelt Seifert. In seinen Augen ist das Meldeverfahren bei Bienenvergiftungen im Freistaat so gestaltet, dass möglichst wenige Fälle registriert werden. „Wir müssen davon ausgehen, dass es eine extrem hohe Dunkelziffer gibt und es vielen Imkern fast unmöglich ist, den Tod eines eigenen Bienenvolkes aufzuklären“, so Seifert.

Diskussion um Glyphosat

„Ich denke, dass wir nicht nur mit Blick auf die Bienen mit den Pflanzenschutzmitteln ein ernstes Problem haben. Wir weisen inzwischen schon Stoffe im Grundwasser nach. Glyphosat, ein Unkrautvernichtungsmittel, kann bei zahlreichen Menschen nachgewiesen werden und auch Muttermilch und Bier sind bereits belastet. Ich würde mir wünschen, dass wir weniger Forschung einsetzen müssten, um die Gefährlichkeit von Mitteln nachzuweisen, sondern mehr Forschung für die Suche nach Alternativen“, sagt Matthias Nuß.

„Die Diskussion, Neonikotinoide oder auch Glyphosat zu verbieten, ist eine Diskussion, die in die falsche Richtung geht. Dann würde es nur darum gehen, ein bestimmtes Mittel durch ein anderes Mittel zu ersetzen. Es würde sich an der Situation nichts ändern. Perspektivisch sollten Wissenschaftler ihre Kraft darauf verwenden, zu forschen, wie kann man einen Prozess in der Landwirtschaft beeinflussen, dass wir zu einer Verringerung des Pestizideinsatzes kommen. Und die große Frage bleibt: Wie gesund werden wir dabei am Ende sein“, so Nuß.

Von Hagen Rösner

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