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Eilenburg Nordsachsens Kommunen setzen flotte Slogans gegen Sog der Großstadt
Region Eilenburg Nordsachsens Kommunen setzen flotte Slogans gegen Sog der Großstadt
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00:17 22.10.2016
Mit „Das Beste an Leipzig“ wirbt Eilenburg für sich. Quelle: Wolfgang Sens
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Nordsachsen

Irgendwann waren die Verluste nicht mehr tatenlos zu ertragen. Schlimm genug schon, dass speziell im ländlichen Raum das Durchschnittsalter hoch ist, dass es mehr Sterbefälle gibt als Neugeborene. Doch nun macht überdies auch noch eine benachbarte Großstadt zu schaffen, die sich zu einem wahren Darling umzugswilliger Bundesbürger entwickelt hat. Leipzig, Hypezig, Schwarmstadt. Die große alte Dame flirtet auf der Überholspur. Für die Kleinen ringsum Grund genug, nun ebenfalls eine Charmeoffensive zu starten. Noch nicht alle, aber immer mehr Gemeinden geben sich verstärkt Mühe, Einwohner zu gewinnen. „Eilenburg – das Beste an Leipzig“ trommelt etwa die Muldestadt seit Neuestem, während Oschatz aufs Heimweh der verlorenen Seelen setzt: „O Schatz, komm zurück“ lautet die Botschaft einer Online-Werbeoffensive. „Es wird Zeit, dass wir einen selbstbewussten Auftritt entwickeln“, sagt auch Steffen Schwalbe (parteilos), Bürgermeister von Rackwitz. Er ist gerade mit einem neuen Logo an den Start gegangen, das jetzt auf einer Wohnblockfassade im Neubaugebiet prangt. „Gutes Wohnen in Rackwitz – gemeinsam, zentral, naturnah“. Die Leipzig-Rand-Gemeinde will sich als Alternative zur Schwarmstadt etablieren.

Abwanderung nach Leipzig

Zum Schwärmen zumute ist den Nachbarkommunen nur bedingt. Zwar kann die Messestadt bei ihrem Umland durchaus punkten – als Arbeitsort, Einkaufsmeile, touristischer Identifikationspunkt. Doch sie hat einen recht einnehmenden Charakter. Scharenweise verlassen vor allem junge Einwohner dörflicher Regionen ihre Heimatorte und lassen sich in Leipzig nieder. Einen Beleg dafür liefert eine Studie, die die Spitzenverbände der sächsischen Großvermieter im Sommer veröffentlichten. Der Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften (VSWG) und der vdw Sachsen, der regionale Ableger des Verbandes der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, wollten den Bevölkerungsströmen im Freistaat auf die Spur kommen. Sie beauftragten das Berliner Empirica-Institut mit einer Schwarmanalyse: Woher kommen all die Menschen, die nach Leipzig und Dresden ziehen? Da die beiden Ballungszentren stark wachsen, die Gesamteinwohnerzahl Sachsens jedoch leicht sinkt, wurde eine erhebliche Umverteilung innerhalb des Freistaates angenommen. Die Studie bestätigt das: Die allermeisten der untersuchten Kommunen haben teils erhebliche Verluste durch Abwanderung. Wobei Gemeinden in der Nähe von Leipzig vornehmlich an die Großstadt verlieren.

Delitzsch, die Stadt der Türme, hat Höhe-Punkte zu bieten. Quelle: Wolfgang Sens

Beispiel Delitzsch: Aus der Großen Kreisstadt sind laut Studie in den Jahren 2010 bis 2014 insgesamt mehr als 300 Einwohner in die Schwarmstadt abgewandert. Das deutlich kleinere Eilenburg verzeichnete einen Abgang gen Leipzig in ähnlicher Größenordnung. Noch härter traf es Oschatz: Etwa 400 Einwohner zogen in den fünf Jahren bis 2014 Richtung Leipzig. Torgau allerdings ist in der Riege nordsächsischer Kommunen mit mehr als 10 000 Bürgern am stärksten gebeutelt. Außer den etwa 480 Wegzüglern gen Messestadt gingen weitere 400 Leute verlustig, die nicht nach Leipzig, aber in andere Kommunen wollten.

Empirica nutzte für diese Erhebung Daten des Statistischen Landesamtes sowie eigene Berechnungen. Und die Sozialforscher schauten nicht nur in die Vergangenheit, sondern projizierten die analysierte Fünf-Jahres-Entwicklung in die Zukunft. „Sie haben dabei die Annahme zugrunde gelegt, dass es in den nächsten Jahrzehnten so weitergeht wie im Untersuchungszeitraum“, erklärt Alexander Müller, Pressereferent beim vdw Sachsen. Mit dem Ergebnis, dass auf den Großteil Nordsachsens düstere Zeiten zukommen. Wie die meisten ländlichen Gegenden im Freistaat wird laut Studie auch der Landkreis im Wesentlichen eine – so wörtlich – „ausblutende Region“ sein.

Die Verlierer-Kategorie

Die Demografen ordnen die betroffenen Gemeinden der sogenannten Verlierer-Kategorie zu. Kommunen, die in alle Richtungen Einwohner verlieren. Auf der anderen Seite dieser demografischen Spaltung stehen – abgesehen von den Schwarmstädten Leipzig, Dresden, Freiberg und Chemnitz – einige „Wachstumsstädte“, die an Bevölkerung zulegen. Dazu zählen in Nordsachsen die suburbanen Zentren Taucha und Schkeuditz. Und die Studie entwirft noch eine weitere Kategorie: die „versteckten Perlen“. Gemeint sind damit Städte, die zwar unterm Strich zu den Verlierern der Schwarmwanderung zählen, aber einen Teil der Verluste mit Bevölkerungs-Gewinnen aus der ländlichen Umgebung kompensieren können. In Nordsachsen sind das Delitzsch und Eilenburg. Die Loberstadt konnte demnach in den Jahren 2010 bis 2014 knapp 300 Zuzügler aus anderen Gemeinden für sich begeistern. Die Muldestadt begrüßte mehr als 200 umgesiedelte Neubürger. Auch Wurzen, Döbeln und Borna werden als „versteckte Perlen“ typisiert.

Die idyllische Gemeinde Doberschütz wirbt mit dem kurzen Weg in die Natur. Quelle: Wolfgang Sens

Für Empirica-Vorstand Professor Harald Simons sind die Perlen wertvolle Schmuckstücke, die es im Sinne einer sinnvollen Siedlungsentwicklung zu polieren gilt. „Sie sind Ankerpunkte in ansonsten ausblutenden Regionen. Ihre Position im regionalen Gefüge muss weiter gestärkt werden.“ Die kleineren Perlen würden gebraucht, um die rasant wachsenden Schwarmstädte zu entlasten. Die Macher der Studie bezeichnen Delitzsch, Eilenburg & Co. als attraktive Kristallisationspunkte in Schrumpfungsregionen, in die gezielt investiert werden müsse. Den sogenannten ausblutenden Gemeinden hingegen machen sie wenig Hoffnung. Da keine Trendumkehr zu erwarten sei, empfehle sich für die Verlierer nur noch eine – im übertragenen Sinne – „palliativ-medizinische Behandlung“. Simons: „Ziel der Landespolitik muss es sein, die Härten, die mit dem Aussterben der Gemeinden für die noch vorhandenen Bewohner verbunden sind, zu mindern, ohne dabei falsche Hoffnungen zu wecken.“

Chancen auch für Verlierer

Eine kategorische Sichtweise, die von den Spitzenverbänden der Großvermieter so nicht geteilt wird. „Auch Kommunen, die in der Studie als Verlierer benannt sind, haben Chancen, sich langfristig positiv zu entwickeln“, betont Alexander Müller vom vdw Sachsen. Und Vivian Jakob vom Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften ergänzt: „Die Studie überspitzt bewusst, um die nötige Aufmerksamkeit für Denkanstöße zu bekommen.“ Zweifelsohne bestehe Handlungsbedarf, um angesichts der Bevölkerungsentwicklung passende Strukturen zu schaffen. „Doch die Vermieter und Kommunen haben es ein Stück weit selbst in der Hand, den Wandel zu gestalten“, so Jakob.

Nach der charmanten Kurstadt Bad Düben im Norden des Landkreises ist eine ganze Heidelandschaft benannt. Quelle: Wolfgang Sens

Das passiert bereits – in Eilenburg, Oschatz und Rackwitz. Und nicht nur dort. Diverse Gemeinden treten mit flotten Slogans auf, die Lust aufs Kennenlernen machen sollen. „Leben im grünen Herzen Deutschlands“, wirbt Laußig für sich, verweist dabei auf eine „gut ausgebaute Infrastruktur“ mit Grundschule, Kitas, medizinischer Versorgung und zahlreichen kleinen und mittelständischen Unternehmen. Die Gemeinde nebenan nennt sich „Löbnitz am See“, will mit dem großen Gewässer am Ortsrand punkten, das für Naherholung vorgesehen ist. Doberschütz präsentiert sich als „Das Tor zur Dübener Heide“. Immer wieder ist es die Natur-Idylle, verbunden mit einer gewissen Großstadtnähe, die die nordsächsischen Kommunen als Stärke hervorheben. Zentrale Botschaft: Wer für Leipzig schwärmt und dennoch in der Natur sein will, ist im Landkreis richtig.

Investitionen in Mittelzentren

Für eine spürbare Trendumkehr braucht es allerdings mehr als Worte, darin sind sich die Vermieter-Verbände einig. Innovative Projekte sind gefragt, altersgerecht und kinderfreundlich, mit individuellem Charakter, sagt Rainer Seifert, Direktor des vdw Sachsen. „Wenn es solche Angebote nur noch in den Ballungsräumen gibt, wird sich der Trend der Landflucht verstärken. Das muss verhindert werden.“ Dafür brauche es auch die Hilfe der Politik mit entsprechend ausgerichteten Förderprogrammen.

Dass den „versteckten Perlen“, wie Delitzsch und Eilenburg, eine besondere Rolle zukommt, darin sind sich die Verbände mit den Verfassern der Studie einig. „In diese Mittelzentren muss verstärkt investiert werden. Doch die Dörfer sind deshalb nicht abzuschreiben. Sie müssen angebunden werden, zum Beispiel mit Mobilitätsangeboten für Schüler und Senioren“, sagt Vivian Jakob. Breitbandausbau gehöre ebenfalls dazu. Der vdw fordert politische Weichenstellungen für Sozialwohnungsbau – „nicht nur in Leipzig, sondern auch in Delitzsch und Eilenburg“, unterstreicht Alexander Müller. Nur mit adäquaten Angeboten könne sich der ländliche Raum gegenüber der Schwarmstadt positionieren. Und mit Offerten, die herausragen. Der Verweis aufs Bier, wie im Krostitzer Slogan, ist da sicher nicht der schlechteste Ansatz. „Idylle, Großstadtnähe, Gerstensaft und viel mehr“, wirbt die Gemeinde um Zuneigung. Wohl bekomm’s.

Von Kay Würker

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