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Eilenburg Renft-Mitglied übers wechselvolle Verhältnis zum Beat in DDR-Zeiten
Region Eilenburg Renft-Mitglied übers wechselvolle Verhältnis zum Beat in DDR-Zeiten
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15:40 19.05.2015
Bei der Zugabe greift Christian Kunert zur Gitarre. Quelle: Heike Liesaus

Deshalb sei das, was er als ehemaliges Mitglied der Rockgruppe Renft, rüberbringen könne, etwas für "den kleinen Kreis". So forderte er im Eilenburger Museum zu optischen Bekundungen auf, falls Unmut hinsichtlich seiner Präsentation aufkommt. - Und so war auch ein Abend in Clubatmosphäre zur Finissage der aktuellen Ausstellung des Stadtmuseums "All you need is beat", die sich dem wechselhaften Verhältnis der DDR-Regierung zur Beatmusik widmet, angekündigt. Noch bis 3. Oktober wird die Schau im Stadtmuseum gezeigt.

Kunert hatte sehr intensiv erfahren, was dieses "wechselvolle Verhältnis" fürs persönliche Leben bedeuten konnte, denn für ihn war die Beat-Musik die "große Liebe, nur Anita spielte sonst noch eine große Rolle". Die Renft-Combo war seit der Gründung 1958 geduldet, verboten, gefördert und dann wieder verboten worden. Und für Christian Kunert, Jahrgang 1952, der im Leipziger Thomaner-Chor sang, begann die große Beat-Liebe im zarten Alter von zwölf Jahren. Und gerade all die Verbote hätten diese Musik für ihn noch viel wichtiger gemacht, hätten sie ihn viel intensiver erleben lassen. "Wir schlichen schon als Kinder an diese Gruppen heran, an die Langhaarigen, die mit Kofferradios an den Straßenecken standen."

Es sei schwierig genug gewesen, an die geliebten Songs heranzukommen. Im Publikum ein allgemeines Ja-so-war's-Nicken bei der Beschreibung: Die richtigen Sendungen auf rauschenden Mittelwellensendern abpassen und auf Tonband aufnehmen. Das hatten damals alle so gemacht.

Das "Help" der Beatles hatte elektrisierende Wirkung nicht allein in der DDR. Kunert zitiert den Mann, der heute in Moskau ein Beatlesmuseum betreibt: "Diese Musik war unsere Rettung, durch sie waren wir keine Sklaven mehr."

Indessen leuchtete ein Beamer-Bild an der Wand: Menschenmassen auf dem Berliner Alexander-Platz. 20 000 feierten das Konzert der Renft-Combo, zu der Kunert 1971 als Keyboarder gestoßen war, bei den Weltfestspielen 1973. Die DDR-Mächtigen hatten im Vorfeld für eine Blüte des Ostrocks gesorgt. Es sollte ja jemand die Bühnen jugendgemäß bespielen können. Das was allerdings zu kritisch tönte, wurde dann auch wieder gejätet. Ein Jahr später seien Christian Kunert und Gerulf Pannert an genau dieser Stelle verhaftet worden. Die beiden wurden nach mehrmonatiger Haft in die Bundesrepublik ausgebürgert. Gegen ihren Willen.

Doch Kunert wirft den Blick nicht im Zorn zurück, eher mit unterschwelligem Humor: Das Beat-Verbot Jahre zuvor habe ihm zur Karriere verholfen, andere müssten sich da heutzutage in Castingshows zum Affen machen. Andererseits habe das Verbot des größten Teils der Leipziger Bands 1975 den Lebensinhalt genommen. "Sie nehmen dem Baby das Spielzeug weg. Was macht es? Es schreit", erklärte er die Situation. So sei es im Oktober zur Beatdemo gekommen. 2000 junge Leute auf dem Leipziger Leuschner-Platz, ohne Spruchbänder. Vielleicht wären sie einfach nach einiger Zeit wieder auseinandergegangen, aber die Polizei rückte mit Wasserwerfern und Hunden an. Schickte diejenigen, die sie als Rädelsführer ausmachte, "in ihren Sonntagsklamotten für vier Wochen in die Braunkohle". Die Ja-so-war's-Blicke gibt es auch, als Kunert die deftige Szenerie in den kleinen Dorf-Sälen beschreibt - die kritische Musik war teils aufs Land, wo es weniger Kontrolle gab, emigriert. Es habe Konsens geherrscht in der Lust auf Lärm, den Staat Scheiße finden und darüber, dass sich die Gespräche ums F...en und um Tripper zu drehen hatten. "Und Luft war's nicht, was man dort zum Atmen verwendete."

"Renft wurde verboten, vor allem wegen der Texte. Wenn man die heute ansieht, weiß man nicht mehr warum", stellte Christian Kunert fest. Manche der junge Leute heutzutage hätten Lehrer, die Renft-Fans sind, und sie müssen Arbeiten drüber schreiben und senden ihm Mails, in denen sie bitten, das mal zu erklären. - "Die Partei hatte nur ihre Linie. Es gab einen Haufen Aufriss wegen dieser paar lottrigen Musiker aus der Provinz. Zum Totlachen. Dabei wollten wir nur fröhlich sein und singen", erklärt er, um launig anzufügen: "Weiber, saufen und die Welt verbessern - hat alles geklappt. Außer Welt verbessern." Doch er schreibt an Texten, die vielleicht zu einem Buch werden könnten, keine Autobiografie, betont er, wenn ihm auch der Held immer ähnlicher werde.

Jedenfalls gab's am Abend der Finissage weder optische noch akustische Unmutsäußerungen, sondern Applaus. Er ließ sich zur musikalischen Zugabe überreden. Ihm sei aufgefallen, dass es n der Nähe auch ein "Gotha" gibt und hatte ja nach der Wiedervereinigung einen Song über die gleichnamige Stadt geschrieben, wo der "Lodar" im neuen "Tojoda" hinfährt, weil da jetzt richtig die Post abgeht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 30.09.2013

Heike Liesaus

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