Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Reporterlegende Oertel zu Gast in Eilenburg

Reporterlegende Oertel zu Gast in Eilenburg

Jahrzehnte legte er seinen Stimmteppich unter die Sportübertragungen des DDR-Fernsehens. Reporterlegende Heinz-Florian Oertel war am Sonnabend in der Eilenburger Bader-Galerie zu erleben.

Eilenburg. 83 Jahre ist er alt. Was macht da die Stimme? Sie klang wie immer. Haltung: sportlich-gerade. Frisur: zeitlos.

Manfred Schlöbe, langjähriger Geschäftsführer des Kreissportbundes, der immer gerufen wird, wenn in der Bader-Galerie oder in der Scheune Sportliches über die Bühne geht, hatte auch diesmal seine Moderation gewissenhaft vorbereitet: Bücher gewälzt. Details gesammelt. Viel davon verwenden konnte er nicht. Das hatte der Altmeister den gerademal 70-Jährigen gleich vor dem Start zu verstehen geben: „Erzählen Sie nur nicht aus meinem Leben.“ In Eilenburg war er jedenfalls noch nicht. Wie viele Einwohner hat die Stadt? Um die 20000, 22000 – das habe er einmal gehört. Lang ist’s her. „17000“, kam aus dem Publikum. Schon war er wieder in Fortpflanzungsfragen unterwegs: „Ich möchte Sie im Namen des Oberbürgermeisters auffordern: Mehren Sie sich.“ Immerhin hatten die meisten in den Reihen vor ihm noch seine Aufforderung im Ohr, Söhne Waldemar zu benennen, als Waldemar Cierpinski am 1. August 1980 bei den Olympischen Spielen als Sieger über die Ziellinie lief. Dass der nach seinem Erfolg 1976 erneut siegen könnte, sei nicht zu erwarten gewesen. „Ich hatte ihn auch nicht gefragt. Er hätte garantiert gesagt: Mensch, ich kann doch nicht zweimal gewinnen. Und sehr auskunftsfreudig sei Cierpinski nie gewesen: „Vier Sätze in der Viertelstunde.“ Doch dann habe er auf dem Monitor in der Reporterkabine gesehen, wie der Mann plötzlich einsam an der Spitze lief, die letzten fünf Kilometer, die schwersten beim Marathon, in 14:45 Minuten zurücklegte. Und Oertel habe die ganze Zeit, während er  noch die Hochsprungwettkämpfe kommentierte, überlegt: Was sag‘ ich. Ich kann doch nicht nur Bravo rufen.“ Noch 200 Meter, 180 Meter. Da sei ihm dann das Liedchen eingefallen, mit dem er seine Stimme testete: „Und er hieß Waldemar, als es im Wald geschah.“ Den Test führte er immer mal wieder durch. Auch in der Baderscheune: „Wer heißt denn hier Waldemar? Hat jemand seinen Sohn Waldemar genannt?“ Keine Hand hob sich. „Da sehen sie, was ein Reporterwort wert ist.“ Zu erfahren war an jenem Abend auch, wie er zu seinem speziellen Stil kam. Er lauschte, wenn er nicht selbst zu sprechen hatte, gern vor den Kabinen seiner internationalen Kollegen. Immerhin waren weder das Medium Fernsehen, noch das Radio sehr alt. Besonders imponierten die Brasilianer, die zu zweit oder dritt kommentierten. Vor allem interessierten ihn natürlich die Deutschsprachigen, die Schweizer und Österreicher. Die größte Faszination übte Heribert Meisel aus., von dem Sätze wie „Schaun’s, dort, an der Mittellinie, die Depperten“, oder das verzweifelte „Dumm, dümmer, Fußballer“ zu hören waren. Etwas ganz anderes als der deutsche Stil: „Angriff auf dem rechten Flügel.“ Ein Oertel habe sich gesagt: „Wie ein Preuße, wie ein Feldwebel, willst du nicht sprechen. Es geht um Sport, nicht um Krieg.“ Nun lagen zwei Bücher vor ihm auf dem Tisch: Seine aktuellen Werke  „Gott sei Dank, Schluss mit der Schwatzgesellschaft“ und „Pfui Teufel“. Er sei neben seiner Arbeit als Reporter immer auch als Autor tätig gewesen, habe aber stets einen Anlass gebraucht. Für „Gott sei Dank“ war das Peter Hahnes „Schluss mit lustig, das Ende der Spaßgesellschaft“ gewesen. Er habe versucht, sich mit Hahne auszutauschen, erhielt aber immer Absagen. Die Teilung zwischen Ost und West existiere immer noch. Und er wendet viel Zeit auf, wie in seinem Buch noch einmal zu erklären, dass sich die Gesamtdeutschen diese Teilung selbst zuzuschreiben hatten, weil sie nun mal den Zweiten Weltkrieg begannen. Er jedenfalls, das betonte er gleich am Anfang, könne nur seine eigene Meinung vertreten, seine eigenen Ansichten, die nun mal aus dem eigenen Erleben resultierten, zu dem auch die einjährige Kriegsgefangenschaft als 17-Jähriger gehörte. In der Pause nutzte Henning Neidhardt wie viele andere die Gelegenheit, ein Autogramm in die frisch erworbene Lektüre setzen zu lassen. Das sei für seinen Freund Manfred Walther, der heute wegen einer runden Geburtstagsfeier nicht kommen konnte, erklärte er Oertel. Und richtete Grüße aus. Immerhin habe man schon mal zu dritt in der Sauna gesessen. Der Reporter sei immer, wenn er in Leipzig war, rund ums Gelände der Leutzscher Fußballer gejoggt, wo er auch aktiv war. Und so saß man irgendwann gemeinsam im Schwitzkasten. Oertel konnte sich zwar nicht mehr erinnern. Neidhardt dafür umso mehr: „Es war der lustigste Saunagang meines Lebens. Er war schon immer sehr unterhaltsam.“ Das fanden am Ende des Abends wohl alle, als nach Schlöbe- und Zuschauerfragen Doping, seine Promotion, eine Olympia-Uhr, die Reihe Porträt am Telefon, der Sonntagmorgen in Spreeathen und das Buch Vancouver 2010 zur Sprache gekommen waren.  Oertel verabschiedete sich mit einem Kästner-Epigramm: „Was immer auch geschieht, so tief dürft Ihr nie sinken, dass Ihr den Kakao, durch den man Euch zieht, auch noch selber trinkt.“

Heike Liesaus

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Eilenburg
  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Geld für Vereine der Region
    Mikrologo Angestust

    Mit der Aktion „Angestupst“ unterstützen LVZ und Sparkasse Leipzig die Vereine der Region. Die nächste Runde läuft - jetzt mitmachen und bewerben! mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr

Blättern Sie in der prall gefüllten Veranstaltungsbeilage und entdecken Sie die Termine aus den Städten und Gemeinden. mehr

Fußball in Nordsachsen
  • Fußball in Nordsachsen
  • Jahrtausendflut 2002

    Entlang von Mulde, Elbe und Pleite brach im August 2002 eine verheerende Flutkatastrophe herein. Die LVZ zeigt eine Bestandsaufnahme. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2017

    "Sport frei!" heißt es auch 2017 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Gutes von hier

    Das regionale Schaufenster mit Produkten und Dienstleistungen aus dem Leipziger Raum - von traditionell bis innovativ. Gutes von hier eben! mehr