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Eilenburg Schicke Autos, teure Wohnung, Schulden: Betroffener erzählt vor Eilenburger Schülern
Region Eilenburg Schicke Autos, teure Wohnung, Schulden: Betroffener erzählt vor Eilenburger Schülern
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09:00 25.06.2016
Beim Antischuldenprojekt "Leeres Portmonee tut weh" von Beraterin Brigitte Noack in Eilenburgs Tschanter-Oberschule erklärt Jan Ziesing (rechts), wie er in die Schuldenspirale geriet. Quelle: Heike Liesaus
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Eilenburg

Es steht schwarz auf gelben Zetteln: „selber schuld“, „arm dran“ oder „finanziell zu unterstützen“. Brigitte Noack, Beraterin bei der Awo, lässt sie als Denkanstöße in die Mitte des Stuhlkreises flattern. „Wie würdet Ihr den Satz ’Wer Schulden hat ...’ ergänzen?“, fragt sie die Schüler der 9. Klasse aus der Tschanter-Oberschule. „Alles vielleicht?“, sagt einer. Beim fächerübergreifenden Projekt geht’s um die Schuldenfalle.

Brigitte Noack ist schon etwas stolz auf ihre Idee mit dem Projekt „Leeres Portmonee tut weh“, das Thema Schülern dieser Tage in Bad Düben und Eilenburg nahe zu bringen. „Die Überschuldungsquote liegt gerade bei unter 30-Jährigen besonders hoch: 15 Prozent. Tendenz steigend.“ Online-Handel, Handy-Verträge, aber auch Verlust des Arbeitsplatzes, Trennung, Tod eines Partners. Alles können Auslöser für die Schuldenspirale sein, erklärte sie den Jugendlichen.

Jan Ziesing kennt sich damit aus. Der mittlerweile 30-Jährige durchlebte die Misere auf mehreren Stufen. Nun erzählte er den jungen Eilenburgern seine Geschichte. Er würde das „selbst schuld“ durchaus ans Ende des Wer-Schulden-hat-Satzes stellen. Für ihn begann es mit der Lehre. Ob Handy oder Laptop. „Das Teuerste, Schickste musste es sein.“ Als angehender Anlagenmechaniker in einer Spezialrichtung hatte er relativ gutes Azubi-Gehalt. Andere hatten schließlich weniger. Doch die Ansprüche waren größer als sein Einkommen. Er ließ sich das Kostgeld von der Mutter stunden, dann zahlte er die Raten für die Finanzierungen nicht. „Denkt nie, mal einen Monat knapper leben, dann wird das schon“, so seine Erfahrung. Der Schuldenberg wuchs. Dazu gravierende Einschnitte: Mit 19 Vater geworden, bei den Eltern rausgeflogen. Bei der großen Wohnung, die das junge Paar mietete, wurde nicht überlegt, ob sie mit den Einkommen tragbar ist. Dann setzt ihn die Freundin auf die Straße. Er steht vor dem Nichts.

Immerhin hat er die Ausbildung mit einer glänzenden Zwei abgeschlossen. Doch er wollte selbstständig sein. Und tatsächlich: Mit der Autoglasbranche ließ sich sehr gut Geld verdienen. Der Kontostand wuchs innerhalb von ein paar Monaten auf eine sechsstellige Zahl. Also wieder: Schick essen gehen, schickes Auto, schicke Wohnung. Doch eines Tages passte der Schlüssel nicht mehr. Der Vermieter hatte das Schloss ausgewechselt. Mietrückstand. „Wir haben zwei Nächte unter freiem Himmel zugebracht.“ Nicht nur deshalb hält er es für ein Wunder und großes Glück, dass die Frau, die er einige Wochen zuvor kennengelernt hatte, heute noch an seiner Seite ist. Denn er hatte auch sie ins Geschäft und damit in die Schuldenspirale einbezogen.

Und es ging weiter. Neue Filialen wurden eröffnet. „Alles Subunternehmer, die eventuell damit in die Schuldenfalle geraten sind“, bedauerte er. Wieder Aufschwung, wieder Crash: Ein falscher Freund, der die Konten plünderte. Jede Menge Schulden bis hin zum Bußgeld wegen nicht gezahlter Krankenversicherung. „Wir haben uns dann Hilfe geholt.“ Das war Brigitte Noack. Heute haben beide einen bezahlten Job. Er als Taxifahrer. „Ich war seit fünf Jahren nicht mit der Miete im Rückstand“, sagt er. „Ich habe gelernt, mit dem Geld auszukommen, das ich verdiene.“

Silke Gans, Filialdirektorin der Sparkasse in Bad Düben, erklärte den Schülern später wie ein Konto funktioniert: „Wir reden über Geld. Zum Beispiel darüber, abzusichern, dass immer ein Guthaben da ist. Jugendliche dürfen ihr Girokonto nicht überziehen.“ Auf andere Art wurde das Thema mit den Sächsischen Erprobungs- und Ausbildungskanälen beleuchtet: „Es geht um Apps, um Berechtigungen, die man als Nutzer erteilt“, so Nicole Hendrich. Es ist so ähnlich wie beim Kleingedruckten auf den Verträgen: „Im Normalfall kaum durchgelesen, aber wenn es hart auf hart kommt ausschlaggebend“, verdeutlichte Brigitte Noack.

Von Heike Liesaus

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