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Sonderausstellung im Eilenburger Museum

Sonderausstellung im Eilenburger Museum

Eigentlich hatte Andreas Linke das alles schon fast vergessen. 20 Jahre sind eine lange Zeit und es ist viel passiert. Die Einladung des ehemaligen Krippehnaer Pfarrers Friedemann Steiger zu einer Erinnerungsveranstaltung Anfang November und nun ein Anruf in der LVZ wecken die Erinnerungen bei dem 51-Jährigen Ex-Eilenburger.

Eilenburg. „Bei der Kofferaktion, von der in der Ausstellung im Museum die Rede ist, war ich nicht dabei. Wir haben etwas anderes gemacht“, sagt er am Telefon.

Dann, beim Treffen in der Schau, die derzeit unterm Dach des Roten Hirschs zu sehen ist: Nachdenklich schaut Andreas Linke sich die Bilder an, die die Stasi 1985 von den einzelnen Akteuren gemacht hatte. Sie hatten sich mit Reisegepäck, an das jeweils ein Papierblatt mit einem Wort geheftet war, auf dem Markt versammelt. Zusammen gelesen ergab sich der Satz: „Wir wollen in die BRD/Gießen“. Auf den Fotos sind die Augen abgedeckt. Die Behörde der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) achtet auf Datenschutz. „Da erkenne ich erst einmal niemanden“, sagt Linke. Zeit, seine eigene Geschichte zu erzählen. „Meine Frau und ich hatten am 31. Dezember 1986 beschlossen, wegzugehen.

Den Antrag haben wir dann auch im Januar 1987 gestellt.“ 28 Jahre waren die beiden jung. Der Schock bei Eltern und Schwiegereltern sei groß gewesen. Denn eine ständige Ausreise aus der Deutschen Demokratischen Republik bedeutete, dass man seine Verwandten für Jahrzehnte nicht sah. Erst im Rentenalter hätten die Eltern ihre Kinder im Westen besuchen können.

Er sei nicht zum Studium gelassen worden, konnte seinen Meister nicht machen, weil er sich weigerte, in die SED einzutreten, so Linke. „Das lag vielleicht am Betrieb. Aber es war nun mal so.“ Agrochemiker hatte er im Agrochemischen Zentrum Laußig gelernt. „Das hat Spaß gemacht. Das verpasste Studium hat letztendlich nicht den Ausschlag gegeben, den Ausreiseantrag zu stellen. Die Reisefreiheit, wie es hier auf den Bildern auf den Plakaten steht, war uns auch nicht das Wichtigste. Wir waren einfach an Grenzen gestoßen. Wir wollten mehr aus unserem Leben machen.“

Doch die Behörden ließen sich Zeit. Deshalb kam es zu den Aktionen, mit denen insgesamt 18 Freunde Aufmerksamkeit herausfordern wollten. „Wir gingen paarweise im Abstand von 15 Metern und schwarz gekleidet vom Rat des Kreises über die Leipziger und die Torgauer Straße zum Kugelfang“, erinnert sich Linke. „Auf der Straßenseite gegenüber gab es ständige Begleitung von Stasi-Leuten. Später saßen sie auch in der Gaststätte.“

Am Tag darauf habe er gar nicht erst seine Arbeit beginnen müssen. Er sollte gleich zum Rat des Kreises kommen. Das Gespräch dort dauerte dann vier oder fünf Stunden. Die Ausreise wurde trotzdem nicht bewilligt. Mit einem befreundeten Paar fuhren die Linkes nach Berlin. „Wir hatten den Eltern bei solchen Aktionen immer eine Vollmacht dagelassen, dass sie für unsere damals zweijährige Tochter Josephine sorgeberechtigt seien. Falls uns etwas passiert, falls wir verhaftet werden.“ Jedenfalls seien die vier im Ministerium des Inneren vorstellig geworden.

 „Da waren zwei Herren. Der eine brüllte uns gleich an: Was wir hier suchen, schließlich würde beim Rat des Kreises über den Antrag entschieden. Daraufhin sind wir zum Gebäude des Ministerrats. Dem Mann an der Pforte haben wir gesagt, dass wir einen Verantwortlichen sprechen wollen, um Anzeige zu erstatten, weil wir so schlecht behandelt worden sind. Der wurde immer kleiner. Dann kamen plötzlich noch zwei Männer im Schrankformat dazu. Irgendwann war einfach klar, der kapiert uns nicht. Wir sind wieder retour. Als wir uns umsahen, merkten wir auf einmal, dass acht bewaffnete Männer hinter uns waren“, beschreibt Linke die gespenstisch-skurrile Situation.

Beim Krippehnaer Pfarrer hatte die Gruppe schon in dieser Zeit immer ein offenes Haus und Unterstützung gefunden, obwohl die Linkes zum Beispiel nicht kirchlich gebunden waren.

Linke besieht sich eine Skizze in der Wende-Ausstellung, die zeigt, wo damals die Eilenburger Stasi-Stelle untergebracht war. „Die hatten es nicht weit, bis zu unserem Wohnhaus in der Schreckerstraße“, sagt er. Seine Nachfrage bei der BStU förderte eine dicke Akte zu Tage. „Betroffen war ich vor allem, weil es so viele waren, die sie als IM auf uns ansetzten. Ich hätte nicht gedacht, dass die uns für so wichtig halten. Zwölf Leute insgesamt. Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen.“ Er habe ihnen allen heute verziehen. Aber Lust, mit denjenigen zu sprechen, verspüre er auch nicht. „Wir grüßen uns.“

Die Informationen, die er in seiner Akte las, seien auch größtenteils eher harmloser Natur gewesen: „‘Er kommt pünktlich auf Arbeit’ und Ähnliches. Eines hätte uns allerdings wirklich schaden können. Es da wurde berichtet, dass wir Münzen und Meißner Porzellan kauften. Wir wollten ja nicht völlig mittellos anfangen und viel mitnehmen konnte man nicht. Aber letztendlich hat uns eine gute Bekannte, die beim Rat des Kreises arbeitete, auch geholfen, dass wir die Wertsachen mit in den Westen nehmen konnten.“

1989, am Himmelfahrtstag, war die Ausreise genehmigt. Da hätten die DDR-Behörden die Familie regelrecht außer Landes gejagt. „Wir sind bei Bekannten untergekommen. Ich hatte sofort Arbeit. Donnerstag waren wir da. Montag ging’s los als Lkw-Fahrer.“ Niemals hätte er geglaubt, dass sich die Dinge so schnell ändern könnten. Als dann im November die Mauer fiel, sei einer seiner ersten Gedanken gewesen: „Schade – die paar Monate hätten wir’s auch noch ausgehalten.“

Die Eltern sah er dann schon zu Weihnachten wieder, als sie Kinder und Enkeltochter im nordrhein-westfälischen Nettetal besuchten. Zu Ostern gab es eine Reise in den Osten. „Ansonsten haben wir uns keine Zeit genommen. Wir wollten eine neue Existenz aufbauen.“ Vielleicht würden die Linkes immer noch in NRW wohnen. Doch dann wechselte Andreas Linke unter die Vermögensberater, sah Anfang der 90er-Jahre seine beruflichen Möglichkeiten wieder in der Heimatstadt. „Meine Frau war erstmal traurig. Sie hatte dort einen guten Job in der Behindertenbetreuung und hier keinen. Heute arbeitet sie in ihrem Traumberuf als Erzieherin.“

Die persönlichen Wenden seien auch in den Jahren nach der deutschen Einheit nicht ausgeblieben. „Doch für uns hat sich alles zum Guten entwickelt.“ Seine Bilanz: „Wir können mitreden in der Welt, denn wir haben beides erlebt, Diktatur und Demokratie.“

Heike Liesaus

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