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Eilenburg Tierische Superstars aus Eilenburg
Region Eilenburg Tierische Superstars aus Eilenburg
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14:00 19.05.2015
Bei einer Veranstaltung auf dem Pferdehof im Sommer stellte Dieter Telligmann mit einem Vierspänner die Überfallpassage aus dem Film "Der Medicus" nach. Der Film kam Ende 2013 in die Kinos. Quelle: Steffen Brost

Eilenburg. Der Meister ist trainieren. Sagt Kamil, während er eine Kutsche ins Freie zieht. Die Anstrengung steht dem jungen Polen ins Gesicht geschrieben. Sein Chef hat es leichter. Zwei Pferde ziehen den Wagen, auf dem Dietmar Telligmann und dessen Ehefrau Agnes sitzen. Von der B 107 nähern sie sich in gemächlichem Tempo. Nach hartem Training sieht das aber nicht aus? Telligmann reagiert irritiert. Mit Ein- und Zwei-Spännern ist er für eine Neuverfilmung des Klassikers Heidi, der in der Schweiz, in Thüringen und Sachsen-Anhalt entsteht, gebucht: "Training heißt, raus mit den Pferden, auf die Straße. Die Tiere dürfen vor nichts Angst haben." Sie traben, ziehen die Kutsche. Viel mehr müssen sie nicht tun, viel weniger aber auch nicht. Auf Kommando, wenn es heißt: "Kamera läuft." Bei Wind und Wetter. Auf ebenen Wegen oder holprigem Grund.

Jetzt haben die Rösser Pause. Hier in Wedelwitz, einem Eilenburger Ortsteil, betreibt Dietmar Telligmann seit über 20 Jahren seine Tierschule, es gibt sie aber schon länger. Rund 80 Tiere leben hier. Pferde, Hunde, Schafe, Katzen, Ziegen, Esel, Bullen, Rentiere, ein Papagei und mehr. Neben Kamil helfen Vater und Schwiegermutter, die Ehefrau hat auf dem Areal eine Tierarzt-Praxis. 1987 ging es in Leipzig mit einem Fuhrunternehmen los. Nach der Wende kaufte er die Schweinemastanlage, baute sie zu einem Reiterhof um und zog mit seinen Pferden 1998 an den Rand der Stadt. Erste Engagements führten ihn an die Felsenbühne Rathen, wo er als Tiertrainer arbeitete, an Theater und Oper, später zum Film.

Die Tiere bestimmten schon zuvor sein Leben. Telligmann stammt aus Mecklenburg, die Eltern hatten eine Gastwirtschaft, dazu eine kleine Landwirtschaft mit ein paar Tieren. Der Sohn verschrieb sich dem Military, dann dem Springreiten: "Ich entschied mich aber für die Pferde." Der Sport erschien ihm zu hart, weil die Tiere zu Leistungsmaschinen wurden. Das war nicht mehr in seinem Sinn.

Pferde haben andere Talente. Dietmar Telligmann, der auch zehn Jahre als Obertierpfleger arbeitete, verdankt diese Erkenntnis Wallach Karino. Ein Bekannter vertraute ihm das Tier an, weil er nicht klarkam. Telligmann stellte fest, dass das Pferd unterfordert war. Als er es straff an die Zügel nahm, legte sich Karino wie auf Kommando hin. Nach und nach lernten die beiden sich und neue Tricks kennen. Was bei Karino klappte, sollte doch bei dessen Artgenossen oder gar anderen Tieren funktionieren ... Es funktionierte. Eine Ausbildung als Dompteur oder Dresseur hat er dabei nie gemacht. Das Verständnis für die Tiere und der Wille, sie als solche zu behandeln, bestimmen das tägliche Sein. Natürlich ziehen seine Pferde nicht nur Kutschen. Sie können sich auf Befehl hinlegen und mit dem Reiter auf dem Rücken wieder aufstehen, sie kommen aus vollem Galopp zum Stehen, bedanken sich bei den Zuschauern mit einem Kopfnicken. Was alle Tiere zudem brauchen, ist die Gewöhnung an Kamera, Licht, Musik, Ton, an die typische Geräuschkulisse, die es am Set gibt.

Immer wieder werden diese Abläufe auf heimischem Gelände simuliert. Auch "Feuer" ist ein Unterrichtsfach. Wer die Pferdenacht im Sommer erlebt hat, kann erahnen, was es heißt, wenn Flammen lodern, Donnerschlag die Luft erschüttern lässt, Schüsse ertönen, Maschinen für Nebel sorgen. Für Otto-Normaltier wäre es Horror, für Schauspielertiere ist es ein Muss. Da ist es wichtig, ein Verhältnis zu schaffen, das dem Tier hilft, zwischen Instinkt und Vertrauen zum Menschen zu gewichten. "Sie brauchen die Abwechslung, sind aber keine Zirkustiere. Sie sind da, um das zu sein, was sie sind: Tiere", sagt er klipp und klar.

Im Jahr sind Telligmann und seine Schützlinge bei 20 bis 30 Filmen oder TV-Produktionen wie "Terra X" oder "Die Geschichte Mitteldeutschlands" dabei. Gerade erst ist er von einem Dreh in Österreich zurück: "Die wilde Kaiserin". "Es gab keine zahmen Ziegen, so waren meine dabei. Vor Ort kam die Frage, ob ich mit Rindern arbeiten könne. Ich hab mir sechs ausgesucht, los gings. Momente im Gewitter, Sturm, mit Blitz, Regen. Das wird bestimmt eine schöne Szene." Zweimal 90 Minuten hat das Werk. Läuft es gut, könnte es eine Serie werden.

Gezählt hat Telligmann die zahllosen Aufführungen, Dreh- und Theatertage nicht. Die Drehbücher komplett zu lesen, oder sich regelmäßig die fertigen Streifen anzusehen - hat er sich abgewöhnt: "Das schaff ich nicht. Wenn ich es zufällig sehe, freue ich mich. Oder ich werde mal zu einer Premiere eingeladen." Die Regisseure schreiben ihm die Passagen heraus: "Ich muss mich darauf konzentrieren, was die Tiere können müssen." Das kostet immens viel Zeit.

Die scheinbare Distanz zu "den Leuten von Film" sei schon spürbar. Darüber reden mag er aber nicht. Warum auch? Zumal die positiven Erinnerungen überwiegen. An Drehtage wie die in Österreich, an das Miteinander, das Gefühl, in einer großen Familie zu sein. Ähnlich wie bei "Goethe" mit Henry Hübchen und Moritz Bleibtreu, in dem seine Pferde ihren großen Auftritt hatten. Das war die bisher aufwendigste Produktion. Schafe, Enten, Gänse, Hühner, Affe reisten mit an den Set nach Weimar. Auch Filmesel Mario war dabei.

Mit berühmten Namen könnte er ein ganzes Buch füllen. Mit Jürgen Prochnow hat er gearbeitet oder Gerhard Olschewski. Detlev Buck kennt er von der "Vermessung der Welt": "Das hat unwahrscheinlich Spaß gemacht." Beeindruckt hat ihn Philipp Stölzl und dessen Regieassistent Andi Lang: "Bei Goethe, da waren ja Hunderte Leute. Und die haben das Gespür, diese Menschen immer bei guter Laune zu halten." Helene Fischer hat er bei ihren Anfängen ebenso begleitet wie Florian Silbereisen bei seiner Premieren-Sendung "Der schönste Tag in meinem Leben." Oder Mathias Schweighöfer bei dessen ersten Schritten vor der Kamera. Mit Peter Greenaway machte er drei Streifen: "Er war zu Beginn meiner Laufbahn einer der ersten, mit dem ich zu tun hatte. Das waren für mich Lehrfilme. Was er auf der Leinwand produziert, das sind Gemälde."

Tierschulen gibt es viele in Deutschland. Was hat er, was andere nicht haben? "Pferde. Die meisten haben ihre abgeschafft. Es gibt zu wenig Aufträge vom Film. Ich versuche, es noch anzubieten, dass ich, wenn ich jetzt so einen Auftrag wie Heidi erwische, ihn auch erfüllen kann." Mit 65 Pferden ging es einst los. "Heute undenkbar", sagt Telligmann. Nicht mal mehr die Hälfte ist noch da. Mit seiner Tierschule unterliegt er strengen gesetzlichen Regelungen. Tieragenturen, die Hund und Katze von Privatpersonen buchen, müssen dies nicht, sind billiger zu haben. Er hat nichts gegen Tierschutzregelungen, sagt: "Sie könnten gar noch schärfer sein. Aber sie müssen von den Veterinärämtern kontrolliert werden". Den Tiertrainer kommt diese Entwicklung in der Konsequenz teuer zu stehen: "Unser Beruf ist hundertprozentig dem Untergang geweiht."

Keiner hat so zahmes Geflügel wie Telligmann. So wie Hahn Mizzi, mit dem er am Theater der Jungen Welt in Leipzig war, drei Jahre lang in Hitlers "Mein Kampf." Oder die Gänse. Agatha ist die bekannteste, spielte in der neuesten ZDF-Verfilmung der Goldenen Gans mit. Stroh aus Gold spinnen kann sie nicht. Doch sie läuft und schnattert, setzt sich hin, schläft - wenn der Trainer es will. Dabei war der Vogel einst widerborstig, sollte als Weihnachtsbraten in der Pfanne landen. Wie Ehefrau Agnes und er es geschafft haben, bleibt Berufsgeheimnis. Zumindest eine Trainingsmethode lässt Telligmann am Beispiel des Federviehs gucken: "Agatha bleibt bei allem, was sie tut, Gans. Ich verlange nichts, was sie nicht auch wirklich macht." Er setzt auf Anerkennung: "Machst du es mit Gewalt, geht nichts, machst du es mit Lob, machen sie es immer wieder gern." So einfach ist es also. Da ist es normal, dass Gans-Mann Rüdiger bei den Dreharbeiten dabei war. Alles zum Wohl der Gans.

Dass es das bleibt, muss der Profi den "Leuten vom Film" immer mal wieder klar machen. Meist akzeptieren sie, dass er weiß, was seine Schützlinge können und was nicht. "Spätestens dann, wenn Wünsche aufkommen, das Tier möge so auftreten wie im Trickfilm, muss ich sagen, Leute das geht nicht", kann er darüber aber auch lachen.

Träume? - "Nein. Ich habe das Schönste gemacht, was es gib - Goethe." Er werde aber nie aufhören, mit Pferden zu arbeiten, gute als Springpferde zu trainieren, "aber es wird schöner werden, wenn ich alles etwas ruhiger angehen kann. Wenn noch zehn Pferde da sind und das Geflügel." Sagt es und spannt die Rösser wieder an. Er muss trainieren.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.10.2014
Kathrin Kabelitz

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