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Weltfrieden im Klassenzimmer

Weltfrieden im Klassenzimmer

Zwei junge Frauen laufen gut gelaunt die Treppe im Rinckart-Haus herunter. Sie unterhalten sich in gebrochenem Deutsch. Die eine trägt eine Baby-Tragetasche, die andere einen Beutel, aus dem der Kopf einer Porreestange lugt.

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Jochen Sternkopf in Aktion.

Quelle: Wolfgang Sens

Eilenburg. Kommen sie gerade vom Deutschkurs, der hier in der Volkshochschule stattfand? Beim Herrn Sternkopf? Sie nicken. "Ja. Sehr gut", sagt die eine. "Sprechen", zeigt sie mit den Fingern, wie ein schnelles Mundwerk geht. Ein solches hat Jochen Sternkopf, der dann im Unterrichtsraum anzutreffen ist, tatsächlich. Ein Mann voller Tatendrang. Die Begeisterung, Menschen die Grundzüge der deutschen Alltagssprache beizubringen, ist sofort spürbar. "In der Masse können die meisten nur erst einmal nur 'Hallo' sagen. Das versteht hier zwar jeder. Aber es ist ja noch nicht einmal Deutsch", stellt der promovierte Germanist und Sprachwissenschaftler fest.

Der Landkreis finanziert außerhalb seiner Verpflichtungen 150 Stunden für Asylbewerber. Eine Vorstufe für die eigentlichen Deutsch-Integrationskurse. Das Ziel: Sprache lernen, um sich hier einigermaßen zurecht zu finden.

"Da sitzen Leute mit ganz verschiedenen Bildungsstufen vor mir: die Frau, die ihr Vater einst nach der vierten Klasse von der Schule nahm, ebenso wie der Arzt", beschreibt Sternkopf. Die ersten Schritte in der neuen Sprache: Sagen, wie man heißt, wo man wohnt. Selbst für die Benutzung des Lehrmaterials muss erst einmal die sprachliche Basis geschaffen werden. "Sonst sitzen die Teilnehmer davor, ohne zu wissen, was sie tun sollen. Denn da steht nun mal 'Fügen Sie die Endung an'' oder 'Bilden Sie die Sätze'", erzählt der 59-Jährige. Ganz wichtig: Unterricht zwei Mal pro Woche. Damit alles im Lernfluss bleibt. "Ehrlich: Am Anfang ist es schwierig. Aber ich stelle mir vor, wie es für mich wäre, mit 50 nochmal Persisch zu lernen. Und trotzdem sehe ich wöchentlich Fortschritte."

Sternkopf arbeitet sonst als Honorardozent und unterrichtet Deutsch bei angehenden Erziehern. Hier, in den Kursen für Asylbewerber, kann er sich noch in Englisch und Russisch verständlich machen. Hilft das nicht, müssen Wörterbücher und Anschauungsmaterial weiterhelfen. Manchmal, der Unterricht in Eilenburg findet nachmittags statt, sind die Kinder dabei, die bereits in die Schule gehen. Sie können dann schon ein wenig für ihre Eltern übersetzen. "Doch zuerst stehen Teilnehmer oft vor mir und haben Zettel aus der Schule in der Hand: Da ist den Kindern dieses und jenes mitzugeben, werden Termine angekündigt. Anfangs bin ich dann die einzige Hilfe. Später klappt das von allein." Die manchmal aufkeimende Hoffnung, dass er auch Einfluss auf die Bewilligung von Asylanträgen nehmen könnte, muss er enttäuschen. Er ist nun mal kein Mann vom Amt. "Aber ehrlich gesagt, ich würde am Ende wohl alle behalten."

So kann er "nur" helfen, den Alltag im fremden Land zu bewältigen. "Heute hatte eine Schülerin vorher eingekauft. Sie zeigte mir eine Porreestange und fragte, was das für ein Gemüse ist. Danach haben wir den Inhalt des Beutel ganz durchgenommen. Daran lässt sich jede Menge Sprachliches lernen: Zitronen sind sauer. Schokolade ist süß", erzählt der Dozent. Nie ist ganz klar, wie die drei Unterrichtsstunden tatsächlich ablaufen. Das sei spannend. Sternkopf findet noch mehr Erfreuliches: "Bei uns sind Asylbewerber zusammen aus Regionen, in denen es viele Probleme zwischen einzelnen Volksgruppen gibt. Ich hatte zum Beispiel mal eine Familie, die ist ein Leben lang nur vor Granaten hergerannt. Und dann sitzen hier sieben Nationalitäten zusammen und es funktioniert. Das ist doch der Weltfrieden im Klassenzimmer."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.01.2015
Von Heike Liesaus

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