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Wolf in Nordsachsen zwischen Naturschutz und Furcht

Wolfstag Wolf in Nordsachsen zwischen Naturschutz und Furcht

Am Sonnabend findet in Bad Düben der Wolfstag statt. Dann soll auch darüber diskutiert werden, ob der Mensch und das Raubtier miteinander leben können. Denn die Meinungen sind gespalten. Während beispielsweise Wolfsexperte Heiko Anders froh über die Rückkehr der Tiere ist, sorgt sich Sebastian Strehlitz um seine Schafe.

Sebastian Strehlitz sorgt sich um seine Schafe.

Quelle: Kristin Engel

Nordsachsen. Eine eventuelle Wolfssichtung hat erst vor wenigen Tagen in Wermsdorf für Diskussionen gesorgt. Ob es sich tatsächlich um einen Wolf handelte, ist aber ungewiss. „Oft vermuten die Leute, einen Wolf gesehen zu haben, und am Ende stellt sich heraus, dass es gar keiner war“, spricht Wolfsexperte Heiko Anders aus Erfahrung. Er betont aber auch, dass Sachsen ein Bundesland sei, in dem Wölfe durchaus in nahezu allen Regionen auftauchen können. „Zum einen kann es sich um abwandernde Wölfe handeln. Das sind junge Tiere, die sich ein neues Revier suchen müssen. Oder es ist ein Tier aus einem nahegelegenen Revier, das einfach einen großen Radius schlägt.“ In der Gohrischheide bei Zeithain, nur wenige Kilometer entfernt von Wermsdorf, gibt es ein solches etabliertes Rudel. Und Heiko Anders war derjenige, der durch seine Arbeit für das Institut Lupus dieses Rudel nachweisen konnte.

Streng geschützte Tierart

Als streng geschützte Tierart werden Wölfe in Europa überwacht. Das nennt man Monitoring. Daher sind Fakten über den Bestand und die Lebensweise der Tiere sehr gut bekannt. Sachsen sei im Monitoring durch die einzelnen Fachleute sehr gut aufgestellt, erzählt Heiko Anders. Über Genetikproben kann man Herkunft beziehungsweise Verbreitung bestens nachvollziehen und überprüfen. Sachsen hat mittlerweile 19 bestätigte Wolfsterritorien. „Ein Wolfsrudel besteht aus zwei Alttieren, dem Rüden und einer Fähe. Sie haben ein festes Revier von circa zwölf mal zwölf Kilometern. In diesem Gebiet leben sie Zeit ihres Lebens und ziehen ihre neugeborenen Welpen auf. Diese Welpen wandern mit ein bis zwei Jahren, selten mit drei Jahren, ab und müssen sich dann ein freies Revier suchen. Sind die Nachbarreviere besetzt oder nicht geeignet, suchen sie so lange, bis sie etwas finden. Notfalls auch viele tausend Kilometer entfernt. Dadurch kann es nie zu viele Wölfe geben. Von den neugeborenen Welpen sterben über ein Drittel schon in den ersten Jahren, viele im Straßenverkehr, besonders auf der Suche nach einem eigenen Revier. Eine Übervölkerung durch Wölfe ist also unmöglich“, betont Heiko Anders und sagt weiterhin, dass Wölfe als Lebensgrundlage drei Dinge benötigen: „Hauptfaktor ist das wildlebende, vorhandene Schalenwild, also Rehe, Hirsche und Wildschweine. Sie brauchen ein Rückzugsgebiet zur Aufzucht ihrer Welpen und die Toleranz der dort lebenden Menschen. Sinkt die Zahl der Schalenwildbestände, reguliert die Fähe ihre Anzahl der Welpen nach unten. Die Natur ist völlig selbstständig in der Lage, diesen Ausgleich vorzunehmen. Eine Bejagung der Wolfspopulation würde Rudelstrukturen zerstören und sogar einen Anstieg der Welpen hervorrufen.“

Schäfer sieht Raubtiere als Problem

Mit dem Thema Wolf beschäftigt sich seit drei Jahren auch Sebastian Strehlitz. Er ist Schäfer in der achten Generation und sieht die Rückkehr der Raubtiere als Problem. Er ist froh, dass er und seine 600 Mutterschafe noch keine Erfahrungen mit dem Wolf machen mussten. Dennoch wartet er nicht untätig ab. Die ersten Vorkehrungen wurden getroffen. Einige weitere sollen folgen. „Es ist aber alles auch eine finanzielle Frage und zudem ein enormer zeitlicher Aufwand, was uns an unsere Grenzen stoßen lässt“, so der 41-jährige Schäfer. Die meisten Zäune wurden bereits aufgerüstet. Dabei werden diese um 40 Zentimeter erhöht und unter Strom gesetzt. Ein Flatterband am oberen Ende des Zauns soll zusätzlich für Abschreckung sorgen. „Der Zaun wird zu 80 Prozent gefördert. Das ist für uns also auch machbar. Um die Zäune ab- und aufzubauen, benötigen wir jetzt jedoch doppelt soviel Zeit, da die Zäune nur einzeln versetzt werden können. Das ist bei einer Weidefläche von mehreren 1000 Quadratmetern pro Koppel natürlich immer ein großer Aufwand. Ich bezweifle außerdem, dass diese Zäune helfen, wenn ein Wolf tatsächlich auf Nahrungssuche ist.“ Zwar werde der Wolf vermutlich nicht in den abgesperrten Bereich eindringen. „Ich denke aber, dass der Wolf die Schafe in eine Ecke treiben wird. Wenn die Tiere Panik kriegen, reißen sie die Zäune um, versuchen zu fliehen und sind somit leichte Beute für einen Wolf.“

Herdenausbruch durch Panik

Dass Schafe in Panik die verrücktesten Dinge anstellen können, musste der Bad Dübener erst vor Kurzem erfahren. Der Grund für den Herdenausbruch im Juni dieses Jahres ist bisher aber ungeklärt. Natürlich könnte es ein Wolf gewesen sein, wahrscheinlicher seien jedoch ein freilaufender Hund oder ganz andere Gründe. 30 Schafe waren damals in die Mulde gefallen. „Die Tiere würden nicht einfach runterspringen. Irgend etwas muss sie in Panik versetzt haben.“ Bis auf eines konnten alle Schafe mit vereinten Kräften, Netzen und Seilen in einer großen Rettungsaktion geborgen werden.

Dass ein Angriff auf ungeschützte Nutztiere möglich ist, weiß auch Heiko Anders. „Ein optimaler Herdenschutz, der in Sachsen auch zum Teil in voller Höhe subventioniert wird – vom Freistaat und der Heinz Sielmann Stiftung –, besteht aus einer Kombination entsprechender Elektrozäune und mehrerer Herdenschutzhunde. Der Herdenschutz in Sachsen funktioniert hervorragend, nahezu beispielhaft. Natürlich ist in neubesiedelten Gebieten der Region immer die Angst der Nutztierhalter am Größten.“

Laufendes Radio als Schutz

Sebastian Strehlitz hat schon von vielen Schutzmaßnahmen gehört. „Ein Kollege hat sogar ein laufendes Radio in der Herde stehen. Ich denke aber, dass das nur am Anfang wirkt. Die Wölfe gewöhnen sich an diese Geräusche. Und auch mit einem erhöhten Zaun fühle ich mich nicht sicher. Eine gute Lösung wäre natürlich ein Herdenschutzhund. Wir haben zwar zwei Schäferhunde, aber die sind nur darauf trainiert, die Schafe beisammenzuhalten und auf Befehle zu hören. Ein echter Herdenschutzhund wird inmitten der Schafe geboren, wächst dort auf und hat den Instinkt, sie zu beschützen. Ein ausgebildetes Tier kostet um die 4000 Euro und es bedarf einer sehr langen Zeit, unsere Schafe an den Hund zu gewöhnen. Trotz allem werden wir wohl diesen Schritt gehen und uns bald einen solchen Herdenschutzhund anschaffen.“

Sebastian Strehlitz versteht nicht, warum sich der Wolf wieder in deutschen Wäldern ansiedeln soll. „Der Wolf gehört nicht mehr in diese Zeit. Das ist meine Meinung. Unsere Vorfahren waren froh, als er weg war. Ihn wieder hier anzusiedeln, kostet vor allem den Steuerzahler viel Geld.“ Der Schäfer besitzt neben den 600 Schafen auch noch 35 Mutterkühe. Auch hier sorgt er sich um die Kälber. Eine Förderung zum Schutz von Rindern gäbe es nämlich nicht. „Wir leben von den Tieren. Sie sind unsere Existenzgrundlage.“ Sebastian Strehlitz beschäftigt einen Angestellten und einen Lehrling.

Schon selbst freilaufende Wölfe beobachtet

Heiko Anders, der Tauraer Wolfsexperte und Tierfotograf, hat hier einen ganz anderen Blickwinkel. „Die Steuerkosten für Naturschutz und Wolf sind nahezu lächerlich im Vergleich zur Subventionierung unserer Landwirtschaft. Unglaublich dass gerade die Empfänger dieser Gelder, die Ausgaben im Naturschutz anmahnen! Alle Tiere, die irgendwelchen Landnutzern in der Natur in den letzten 100 Jahren nicht gepasst haben – Biber, Fischotter, Wölfe, Luchs, Bär und viele andere – wurden fast oder ganz ausgerottet. Jetzt, wo sich erste kleine Erfolge im Naturschutz einstellen, schreien die gleichen Landnutzer schon wieder nach der Waffe. Eines muss man mal klar sagen: Presse, Fernsehen und Politik haben sich wegen eines Rückgangs um circa eine Million Schafe ohne Wölfe in zehn Jahren nicht interessiert und reagiert, doch reißt ein Wolf drei Schafe, steht er im Mittelpunkt des Wahlkampfes oder der Medienberichterstattung. Es ist unglaublich, dass nach fast zwei Jahrzehnten nach der Rückkehr der Wölfe noch immer eine ungebremste Lawine einer medialen Hetzkampagne läuft. Die öffentliche Darstellung der Wölfe durch Einflussnahme von Interessengruppen und die Wahrnehmung in der Gesellschaft haben meine Einstellung komplett verändert. Es erinnert doch stark an meine erste Lebenshälfte in der DDR.“ Heiko Anders ist entsetzt von der Einstellung einiger, den Wolf ausrotten zu wollen. Der 49-Jährige konnte selbst bereits knapp 200 Mal freilebende Wölfe in den Wolfsrevieren in Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt beobachten, filmen und fotografieren. Seine Erfahrungen und sein Wissen gibt er auch gerne in entsprechenden Vorträgen weiter.

Alle Meinungen werden gehört

Sicher ist, dass auch Sebastian Strehlitz am Sonnabend zum großen Thementag „Wolf und Mensch“ im Naturpark Dübener Heide gehen wird. „Ich denke, es ist wichtig, auch mal die andere Seite zu hören. Viele Laien können sich die Konsequenzen nicht vorstellen. Es geht nicht darum, eine finanzielle Entschädigung für gerissene Schafe zu erhalten. Die Schafe sind nach einem solchen Vorfall auch traumatisiert. Sie sind verängstigt und schreckhafter als sonst. Es kann zur Verlammung, also zu Totgeburten kommen. Beim Tod des Muttertieres werden ja auch die Lämmer gefährdet. Daher möchte ich dabei sein, um auch von diesen Konsequenzen durch die Rückkehr der Wölfe zu berichten.“

So soll zum Wolfstag das Thema in seiner ganzen Breite beleuchtet werden – alle Meinungen sollen Gehör erhalten. In anspruchsvolle Beiträgen renommierter Experten soll die Frage diskutiert werden, ob Wolf und Mensch in einer Landschaft nebeneinander leben können.

Von Kristin Engel

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