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25 Jahre später: Flößberger erinnern sich an ihren Schulaufsatz

Unser Dorf 2050 25 Jahre später: Flößberger erinnern sich an ihren Schulaufsatz

Frühjahr 1992 – Grundschule Flößberg: Lehrerin Christine Lochen stellt den Schülern der vierten Klasse die Aufgabe, einen Aufsatz darüber zu schreiben, wie sie sich ihr Heimatdorf im Jahr 2050 vorstellen. 25 Jahre nach der Hausaufgabe hat die LVZ fünf der Schüler und die Lehrerin wieder getroffen.

Schüler aus Flößberg schrieben über unser Dorf 2050.

Quelle: Jens Paul Taubert

Frohburg/Flößberg. Nicole, Romy, Katrin, John, Steven und zweimal Thomas: Sieben Kinder waren die gesamte 4. Klasse, die im Frühjahr 1992 in der Flößberger Schule einen zukunftsweisenden Aufsatz schrieb. „Unser Dorf im Jahr 2050“ hatte Deutschlehrerin Christine Lochen als Thema gesetzt und damit die Fantasie der Zehnjährigen befeuert.

Nicole setzte auf fliegende Autos und Kontakte zu Marsmenschen. Steven wollte in Flößberg in den ICE einsteigen. Thomas Walter ließ die Schule, die sich im Schloss, dem Rittergut oberen Teils befand, zum Altersheim werden, John zu einem Museum. Recht hatten beide darin, dass die Schule keine Zukunft hatte: Im Sommer 1997 wurde sie geschlossen. Da waren die vorausschauenden Viertklässler längst an die Oberschule oder das Gymnasium gewechselt.

Der bis heute für die Leipziger Volkszeitung arbeitende Fotograf Jens Paul Taubert fotografierte die sieben Kinder und ihre Lehrerin damals für eine Reportage. Auszüge aus den Aufsätzen erschienen im Mitteilungsblatt für die Kreise Borna und Geithain. Ein Vierteljahrhundert später eine Spurensuche. Die fällt nicht schwer. Die meisten Schüler wohnen noch im Dorf, in der Region. Katrin aber starb als Heranwachsende bei einem Verkehrsunfall, was für ihre Mitschüler ein Schock war und ihnen bis heute nahe geht. Mit fünf Schülern hat die LVZ jetzt erneut über das Jahr 2050 gesprochen.

Christine Lochen

Christine Lochen vor dem Flößberger Schloss, in dem bis vor 20 Jahren die Schule und wo sie Lehrerin war

Christine Lochen vor dem Flößberger Schloss, in dem bis vor 20 Jahren die Schule und wo sie Lehrerin war.

Quelle: Jens Paul Taubert

Die Schule im Flößberger Schloss war ihre allererste: Christine Lochen (55), in Flößberg geboren, kehrte 1982 frisch vom Studium als Lehrerin zurück in ihr Heimatdorf. „Die Atmosphäre war wunderbar, alles war familiär. Wir hatten sogar eine eigene Küche. Da gab es frisch gekochtes Essen mit Zutaten, die wir im Schulgarten geerntet haben.“ Mit ihren Schülern per Aufsatz einen Blick in die Zukunft zu wagen, lag Anfang der 90er-Jahre, einer Zeit großer Umbrüche, auf der Hand. „Die waren Feuer und Flamme, das weiß ich noch. Das war ja auch etwas anderes, als ein Fahrrad zu beschreiben – was der Lehrplan vorsah.“

1993 bereits wechselte Lochen ins benachbarte Prießnitz, leitete die Grundschule dort. Dass jene in Flößberg geschlossen wurde, nahm sie dennoch mit einiger Bewegung wahr. 2001 war es in Prießnitz an ihr, für alle Zeiten zuzuschließen. Heute unterrichtet sie im kaum entfernten Frankenhain. Die Schüler von einst trifft sie auf den Flößberger Straßen. Einen, Steven, auch in Frankenhain: Als Hausmeister kümmert er sich um mehrere Schulen.

Schüler aus Flößberg schrieben über unser Dorf 2050

Schüler aus Flößberg schrieben über unser Dorf 2050.

Quelle: Jens Paul Taubert

Thomas Walter

„In der Zukunft zu schwelgen, war eine spannende Angelegenheit“, erinnert sich Thomas Walter an den Aufsatz. Über die Zukunft habe man sich viel unterhalten. „Der Aufsatz dokumentiert in gewisser Weise vor allem die damalige Zeit, unseren Gemütszustand, die für uns wichtigen Themen und vielleicht auch die Sorgen und Ängste, die uns beschäftigten.“ Traurig mache ihn beim Wiederlesen, „dass unserer Freundin und Mitschülerin Katrin, ihren Eltern und ihrer Schwester die Möglichkeit genommen wurde, in ähnlicher Weise über die vergangenen 25 Jahre nachzudenken. Betroffen macht mich dabei in erster Linie der Gedanke an ihre Eltern, die den von Ihnen zu schreibenden Artikel lesen und so hoffe ich, auch an die schönen und unbeschwerten Momente unserer gemeinsam verbrachten Kindheit denken werden.“

Thomas Walter (35), arbeitet heute als Lehrer in Zwickau

Thomas Walter (35), arbeitet heute als Lehrer in Zwickau.

Quelle: Andreas Döring

Die Limousine, von der er damals schwärmte, „lässt weiter auf sich warten, wenn wir unsere Autos und die Fahrräder hintereinander stellen, kommen wir eventuell auf die 15 Meter“. Lothar Matthäus sei damals der überragende Fußballer für ihn gewesen wie Thomas Müller, Marco Reus oder Mario Götze für die heutige Generation. „Ich könnte es aber verkraften, wenn wir uns nicht treffen.“

Thomas Walter, der mit Familie in Borna lebt, arbeitet als Grundschullehrer im fernen Wilkau-Haßlau. „Ich hätte mir keinen schöneren Ort zum Aufwachsen vorstellen können als Flößberg. Ich verbinde diesen Ort mit Heimat, die umliegenden Wiesen, Felder und Wälder haben uns einen unglaublichen Raum zur Entwicklung, fernab städtischer Hektik, gegeben. Ich würde meinen Kindern ähnliches wünschen.“ Sportverein, Feuerwehr und der neue Dorfgemeinschaftsverein seien heute wichtige Fixpunkte. „Viele Dinge haben sich positiv entwickelt. Bauplätze für junge Familien könnten die Attraktivität weiter steigern.“

Romy Schweder (geb. Dietrich)

Sehr amüsant sei es, die Aufsatztexte heute erneut zu lesen, sagt Romy Schweder, die damals Dietrich hieß: „Welch Ideenreichtum und Kreativität für unser Heimatdorf doch damals in uns steckte. Soweit ich mich erinnern kann, hat mir das Schreiben damals auch Spaß gemacht. Man durfte spinnen und Reales und Unrealistisches verknüpfen.“ Aus dem Konsum sei leider kein Fitnessstudio geworden, dennoch hielten sich die Flößberger in vielfältiger Weise fit. Neben Sportverein, Geschichtswerkstatt und nun auch einem Dorfverein bleibt das Dorf stets umtriebig und in Bewegung. Einen dorfeigenen Vergnügungspark mit Achterbahn und Co. – wie seinerzeit erträumt – gebe es in Flößberg nicht. Einen Spielplatz in der Dorfmitte gebe es indes seit geraumer Zeit – und Belantis sei ja nicht weit.

Romy Schweder (35) ist heute Chefin einer Klavierschule in Leipzig

Romy Schweder (35) ist heute Chefin einer Klavierschule in Leipzig.

Quelle: Andreas Döring

„Auch wenn ich mit meinem Mann und den beiden Kindern heute in Leipzig wohne, besuchen wir sehr gern etablierte Festlichkeiten wie das Maibaum-Setzen, das Sportfest oder das Dorffest“, sagt Schweder, die das Studium nach Leipzig verschlug und die heute eine Klavierschule für Kinder, Jugendliche und Erwachsene betreibt. „Mit Flößberg verbinde ich sehr viel: Unseren Familienhof mit meinen Eltern und meinem Bruder, der wieder hingezogen ist, Freunde, tolle Erlebnisse und Erinnerungen. Flößberg ist dynamisch und jung – auch durch seine Einwohner – geblieben. Das finde ich toll.“ Auch wenn Leipzig neuer Lebensmittelpunkt sei, „mit den Kindern sind wir oft bei den Großeltern und genießen die Landluft“.

Steven Kwiezinski

Mit dem Intercity-Zug 2051 von Flößberg nach Köln fahren: Davon träumte der zehnjährige Steven Kwiezinski vor einem Vierteljahrhundert. „Ich wusste noch, dass wir damals diesen Aufsatz geschrieben haben, aber was da drin steht...“ Dass Köln das Ziel der Reise sein sollte, liegt für den heute 35-Jährigen auf der Hand: „Nicht wegen des Fußballs. Wir hatten Bekannte dort.“ Der im Aufsatz gepäppelte Traum eines Telefonanschlusses erfüllte sich bald; die Schule allerdings wurde (noch) nicht zum Schwimmbad.

Steven Kwiezinski arbeitet 25 Jahre später als Hausmeister der Grundschule Frankenhain

Steven Kwiezinski arbeitet 25 Jahre später als Hausmeister der Grundschule Frankenhain.

Quelle: Jens Paul Taubert

In Flößberg lebe er gern, sagt Kwiezinski, als Installateur- und Heizungsbaumeister bei der Stadt Frohburg angestellter Hausmeister und damit unter anderem für die Frankenhainer Grundschule zuständig. Seine Frau Isabel hat sich ebenso dem Handwerk verschrieben: Sie leitet die Flößberger Bäckerei. Die Familie wächst; Kind zwei ist unterwegs. „Der Zusammenhalt im Dorf ist gut, er wird gestärkt durch unseren Verein Dorfgemeinschaft, den wir vor wenigen Tagen erst gründeten“, sagt Kwiezinski. Er ist dessen Vorsitzender, zudem stellvertretender Jugendfeuerwehrwart. Was bald – nicht erst 2050! – geschehen müsste: „Mit DSL sieht es dünn aus. Die Telefonleitung sollte dringend ausgebaut werden.“

Nicole Schumann (geb. Jakobi)

Der „Hund der Mitternachtsstunde“, er spukt heute ebenso wenig, wie Marsmenschen den Flößbergern Besuche abstatten: Nicole Schumann, damals Jakobi, ließ beim Blick in die Zukunft ihrer Fantasie freien Lauf. „Zu sinnieren, was mit unserem Dorf passieren könnte, das hat Spaß gemacht“, sagt sie heute, da sie selbst als Lehrerin in Penig vor einer Grundschulklasse steht. Ihre Schützlinge anno 2017 einen ähnlichen Aufsatz formulieren zu lassen, betrachtet sie als „schöne Idee. Die werde ich vielleicht mal aufgreifen.“

Nicole Schumann ist heute selbst Lehrerin der Grundschule Erich Kästner in Penig

Nicole Schumann ist heute selbst Lehrerin der Grundschule Erich Kästner in Penig.

Quelle: Jens Paul Taubert

Nicole Schumann lebt mit ihrer Familie in Frohburg. Flößberg ist inzwischen Teil dieser Stadt; hier sind noch die Eltern zu Hause. „Flößberg hat sich ganz positiv entwickelt“, sagt sie, auch wenn sie selbst vieles nur noch aus der Mittelbarkeit wahrnehme. Wichtiger als die Erinnerung an den Schulaufsatz von 1993 ist ihr die an ihre damalige winzige Klasse: „Das war ein sehr schönes Lernen. Wir haben uns sehr gut verstanden. Es war einfach eine tolle Zeit.“

Thomas Eydner

Ein Atomkraftwerk wurde in Flößberg bisher nicht gebaut. Dass das je geschehen wird, ist unwahrscheinlich. Ein Disney-Land Richtung Frohburg gibt es ebenso wenig; allerdings hätten es Thomas und Co. nicht weit bis zum Belantis-Erlebnispark, der im längst nicht mehr kohlegeplagten Leipziger Südraum entstand. Und ein Sieben-Sterne-Hotel, ein Restaurant in der Dorfkirche, ein Zoo im einstigen Indianerwäldchen?

Thomas Eydner 25 Jahre später beim Vorbereiten einer Simmentaler Färse für das Bundesfärsen Championat

Thomas Eydner 25 Jahre später beim Vorbereiten einer Simmentaler Färse für das Bundesfärsen Championat. Heute arbeitet Eydner als Landwirt.

Quelle: Jens Paul Taubert

Ein Vierteljahrhundert später schmunzelt Thomas Eydner über die Wünsche des Zehnjährigen, der er damals war: „Da war ja eine ganze Portion Fantasie im Spiel!“ Dass er 1992 diesen Aufsatz schrieb, war ihm entfallen. Ihn heute erneut zu lesen, amüsiert ihn. Flößberg ist nach wie vor sein Dorf: „Es hat sich eine ganze Menge getan.“

Thomas Eydner ist Landwirt, bodenständig, führt den nach der Wende wiedergegründeten Familienbetrieb. Er betreibt Ackerbau und hat sich auf die Zucht des Simmentaler Rinds spezialisiert. Und das sehr erfolgreich, denn schon zwei Bundessieger stammen aus dem Eydnerschen Stall: ein Jungbulle und eine tragende Färse.

„Ich wünsche mir, dass das Leben im ländlichen Raum nicht ganz einschläft“, sagt Thomas Eydner. Anders als in manchen Ecken Brandenburgs oder Mecklenburgs sei die Gefahr im Leipziger Umland nicht akut und gerade Flößberg mit Sportverein, Feuerwehr und dem in Gründung befindlichen Verein Dorfgemeinschaft ein überaus lebendiger und lebenswerter Ort. „Das merken auch junge Familien, die genau deshalb in unser Dorf ziehen.“ Diese positive Entwicklung voranzubringen, liege in der Verantwortung der Schüler von einst. Zu den Klassenkameraden gebe es noch immer engen Kontakt, auch wenn man sich aus beruflichen Gründen und familiär bedingt nur unregelmäßig sehe: „Aber es gibt eine Verbundenheit. Die zu spüren, tut gut.“

Von Ekkehard Schulreich

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