Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Geithain Alles Müller: Bad Lausicker mit bewegter Familienchronik
Region Geithain Alles Müller: Bad Lausicker mit bewegter Familienchronik
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 23.07.2018
Eberhard Hallier mit jener Schützenscheibe, die die Mühlenwerke Uhlig & Weiske zeigt. Sie hat einen Ehrenplatz in seinem Haus. Quelle: Jens Paul Taubert
Bad Lausick

Bad Lausicker Ideal, Kurperle, Firnenglanz, Bad Lausicker Stolz: Spezialmarken jener Mehle waren das, die einst die Mühlenwerke Uhlig & Weiske verließen. Die Silotürme sind noch immer Landmarke. Das letzte Getreide indes wurde vor einem Vierteljahrhundert gemahlen: Im Mai 1993 endete eine Tradition. Seither gab es verschiedene Ideen, Gebäude und Gelände neu zu nutzen. Umgesetzt wurde bisher keine.

Eberhard Hallier (78) fühlt sich mit der Mühle bis heute eng verbunden. Beinahe sein gesamtes Berufsleben brachte er hier zu. Er kennt die Geschichte des 1872 als Familien-Aktiengesellschaft gegründeten Unternehmens wie kein anderer.

Mehrere Generationen Müller

Wenn einer Müller heißen sollte, dann er und seine Ahnen: Eberhard Hallier steht für mehr als 200 Jahre Müller-Tradition, war es doch sein Urgroßvater, der Anfang des 18. Jahrhunderts in Mecklenburg diese Profession erlernte. In der Neumark, heute Polen, baute er eine Windmühle. „Seine fünf Enkel wurden allesamt Müller wie sämtliche Cousins.“ Eberhards Vater Max auch, keine Frage. Auf der Flucht vor der vorrückenden Roten Armee musste der die Leitung der Görlitzer Mühle östlich der Neiße aufgeben. Die Familie fand in Bad Lausick neuen Boden, wo Otto Hallier, ein Onkel, die Mühlenwerke bis 1945 führte und die Funktion an Max überging. Was der 14-jährige Eberhard lernen würde, stand damit fest: Getreidemüller. Zudem wurde er Industriekaufmann. Beides kam ihm Zeit seines Lebens zupass – in der Mühle selbst und in den Jahren seit der Wende, da er zum Steuerbevollmächtigten umsattelte.

Fern Wind- und Wasserkraft wurden die Mühlenwerke am nördlichen Stadtrand erbaut. Die Kraft lieferte – Dampf, die Kohle kam aus dem nahen Leipziger Südraum. Erst 1966 wurde auf Elektrobetrieb umgestellt. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg brannten große Teile ab. Binnen eines Jahres wurde neu gebaut. Das Produktionsgebäude mit dem vielgeschossigen Dach, das die Mahlwerke und die Abfüllung beherbergt, stammt aus dieser Zeit. Die Getreide-Silos wurde 1934 ergänzt. Die Walzenstühle „aus Kaiser Wilhelms Zeit“ wurden erst Mitte der achtziger Jahre im Zuge eines langwierigen Umbaus ersetzt – durch eine Technik, die im Vergleich zu bundesdeutschen Mühlen damals bereits als historisch gelten musste, erinnert sich Hallier.

In guten Zeiten 60 Tonnen Mehl pro Tag gemahlen

Er erlebte die Entwicklungen aus der Unmittelbarkeit: die auferlegte staatliche Beteiligung 1959, die Umbildung zum VEB, zum Volkseigenen Betrieb, die Eingliederung unter das Dach des VEB Getreidewirtschaft Leipzig. Die Bad Lausicker Mühle, der in den siebziger Jahren die kleine Zedtlitzer angegliedert wurde, zählte zu den bedeutendsten im Bezirk. 60 Tonnen Mehl am Tag wurden hergestellt. Geliefert wurde es ab Werk vor allem in die Stadt Leipzig, ihr Umland und ins Erzgebirge. Ein Teil wurde vor Ort in Ein-Kilo-Tüten abgefüllt. Eine Besonderheit war der Bahnanschluss, aus Material der 1946 demontierten Querbahn Neukirchen – Großbothen gezimmert: Nicht nur Kohle wurde per Schiene geliefert, auch das Getreide.

Bis 1977 war Hallier Leiter der Mühle mit ihren knapp 40, in drei Schichten tätigen Mitarbeitern. Nach einem Brand, der Monate Stillstand verursachte – die Stilllegung während des Umbaus in den Achtzigern dauerte sogar Jahre! – wurde er abgelöst und Hauptbuchhalter. Das blieb er bis zur Wende. Als er dann, die Grenze war offen, einen Cousin, Müller in Braunschweig, besuchte, war ihm klar: „Auf einem Bruchteil der Fläche ein Vielfaches an Leistung! So wie wir produzieren, haben wir keine Chance.“

Wende bedeutet das Aus für die Mühle

Er sollte Recht behalten. Das Kombinat zerfiel. Die Alteigentümer der Mühlenwerke, einige waren in Bad Lausick geblieben, andere in die Bundesrepublik gewechselten, strebten die Reprivatisierung an. „Die dauerte sehr lange, weil man sich nicht einigen konnte. Man wollte verkaufen, doch die Interessenten sprangen nach und nach ab.“ An einen Weiterbetrieb der Mühle hat aber ohnehin keiner ernsthaft gedacht, so Hallier: „Es ging darum, die Kundschaft zu übernehmen.“ Letztlich übernahm die Wurzener Mühle die Regie. Die Mehlproduktion wurde an die Mulde verlagert; einige der letzten Mitarbeiter gingen mit. Die Tradition der Mühlenwerke Uhlig & Weiske endete.

Da war Eberhard Hallier bereits dabei, sich über mehrere intensive Jahre als Steuerbevollmächtigter zu qualifizieren. ZHP heißt die Kanzlei im Kurviertel, für die er bis heute tageweise noch immer tätig ist. „Das Steuerrecht war mir ja keinesfalls fremd, und Umsatzsteuer habe ich noch gerechnet, solange die Mühle noch privat war.“

Unternehmen prägt Bad Lausicker Industriegeschichte

Das Ende der Mühlenwerke brachte auch einen Umzug mit sich, hatten seine Frau Annelies und er doch auf dem Areal in einer dem Obermüller zugedachten Wohnung gelebt – nicht in der markanten Fabrikanten-Villa an der Badstraße, sondern in einem Ausbau über den Garagen. Annelies Hallier hatte ab den achtziger Jahren ebenfalls in der Mühle gearbeitet. Sie vollzog den beruflichen Wechsel ihres Mannes mit und steht ihm so auch heute zur Seite.

Welchen Stellenwert die Mühle bei Eberhard Hallier, Stadtverordneter von 1990 bis 1994, einnimmt, erkennt der Besucher auf den ersten Blick: Im Flur hängt eine bemalte Ehrenscheibe der Privilegierten Schützengilde Bad Lausick, deren (Wieder-)Mitbegründer und Schatzmeister er ist. Sie zeigt die Mühle in ihrer Blütezeit. Wenn er die Geschichte der einzelnen Gebäude erläutert, erzählt er ein großes Stück seines Lebens – und ein bedeutendes der Bad Lausicker Industrie- und Stadtgeschichte.

Von Ekkehard Schulreich

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die anhaltende Trockenheit hat nicht nur die Erträge verdorben. Auch die Ernte des notreifen Getreides wird zur Herausforderung. Aus Angst vor Flächenbränden postieren die Landwirte im Muldental sowie zwischen Borna und Geithain Wasserwagen am Feldrand.

26.07.2018

Die Horch-Klassik, gestartet am Horch-Museum in Zwickau, machte am Sonntag auch in Prießnitz Station. Fans alter Autos ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, und nahmen die Oldies eingehend unter die Lupe.

22.07.2018

Bewegende Momente am Sonnabend am Fliegerdenkmal in Syhra. Die aus der Ukraine kommende Enkelin eines der 1966 bei einem Absturz ums Leben gekommenen Piloten legte am restaurierten Ehrenmal Blumen nieder.

23.07.2018