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Arbeiter und Chronist der Textildruckerei Frohburg: Karl-Heinz Zschunke wird 80

Heimatgeschichte Arbeiter und Chronist der Textildruckerei Frohburg: Karl-Heinz Zschunke wird 80

Als Arbeiter versteht sich Karl-Heinz Zschunke. Die Arbeit in der Frohburger Textildruckerei war über Jahrzehnte sein Leben. Längst Rentner, sieht sich der Mann, der am Dienstag 80 wird, in der Verantwortung als Zeitzeuge und Chronist einer von Arbeit geprägten Welt, die bis in die Gegenwart wirkt.

Diese Tafeln konnte Karl-Heinz Zschunke bei der Abwicklung der Textildruckerei retten. Der Mann, der am Dienstag 80 Jahre alt wird, befasst sich sehr intensiv mit dem Werk.

Quelle: Jens Paul Taubert

Frohburg. Die Frohburger Textildruckerei war sein Lebenswerk: Mehr als vier Jahrzehnte fand Karl-Heinz Zschunke dort Auskommen und Bestätigung – und wäre die Wende nicht gekommen und mit ihr die Schließung des Werkes, gern wäre er noch ein paar Jahre geblieben. Auf stolze 47 hatte es sein Vater hier gebracht, der Großvater auf 27; Letzterer hatte den Gründer der Mousseline- und Kattundruckerei Ernest Schmitt noch kennengelernt. Schmitt war, wie die Braunsbergs, die die Textildruckerei in den Zwanzigerjahren nach einer Stilllegung wieder nach vorn brachten, jüdischer Unternehmer. Dass an diese Wurzeln, vor allem an Hermann und Hugo Braunsberg, deren Familien von den Nazis umgebracht wurden, sofern die Flucht ins Ausland nicht gelang, heute erinnert wird, ist Zschunkes Verdienst. Der Mann, der am 20. September die 80 vollendet, hat sich dem Weitertragen von Geschichte verschrieben, benutzt ein Wort dafür, das aus den Zeiten gefallen scheint: Verpflichtung. Ebenso überkommen auch das: Vermächtnis.

„Hier lebt die Textildruckerei weiter.“ Karl-Heinz Zschunke hat säuberlich beschriftete Alben mit Fotografien auf dem Tisch gestapelt. Fotos auch auf zwei Schautafeln, die ihm der letzte Direktor der Textildruckerei in Verwahrung gab. Als Zschunke nach 40 Jahren und einem im Betrieb gehen musste, Vorruheständler werden musste mit 55, war das eine Verwundung, an der er bis heute trägt. Er entschied sich, „Geschichte aufzuarbeiten. Wer sonst sollte das denn machen?“ Geschichte, die ein Stück eigenen Lebens war, mit der Frohburg verwoben war, seit Schmitt 1883 seine Manufaktur eröffnete, ein Betrieb, der expandierte, bis er zwischen 1916 und 1924 zum Erliegen kam.

Dass er dort überhaupt arbeiten würde, hatte Zschunke nicht geplant. Den Lehrbrief für die Frohburger Mechanischen Werkstätten schon in der Tasche, musste er kurz vor seinem 14. Geburtstag umdisponieren, denn die Werkstatt hatte Konkurs angemeldet. Statt Dreher wurde er Maschinenschlosser in der Textildruckerei, wo der Vater es vom Färber bis zum Heizer und Turbinenwärter gebracht hatte. „Da war ich unter alten Kollegen, die den Ersten und den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten.“ Er lernte, sich durchzusetzen, erfuhr, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind: „Ich musste beweisen, dass ich was kann.“ Es gelang, er wurde bester Lehrling und vorzeitig Geselle.

Anfang der Siebzigerjahre holte ihn Werkleiter Erwin Fischer ins Büro: „Für dich haben wir was anderes: Ordnung, Sicherheit, Brandschutz, Gesundheits- und Arbeitsschutz.“ Ein Job, in den Zschunke sich hineinkniete, wohl wissend, sich nicht nur Freunde zu machen. 27 Meisterbereiche, ein Betrieb, der über Jahrzehnte immer wieder erweitert wurde, eine brandgefährdete Teerpappen-Landschaft, Maschinen, die Improvisationsgeschick am Laufen hielt, in den Heizhäusern Kohlestaub, hochexplosiv. Als 1955 ein Kessel hochging, zwei Mann ihr Leben verloren, war er als junger Geselle mit der Reparatur befasst. Später trug er als Inspektor Verantwortung. „Da duften Sie keine Kompromisse machen. Da hatten Sie es sogar mit manchem Meister und Ingenieur schwer.“ Als die Traglufthalle voller Fertiggewebe, Unterwäsche und Strümpfe niederbrannte, war das keine Havarie, sondern Brandstiftung; der Verursacher kriegte 13 Jahre.

„Als ich 20 war, habe ich mir gesagt: Von Dir muss was bleiben“, erinnert sich Zschunke. Fortan fotografiert er alles im Werk; mitunter verbirgt er das Objektiv unter der Wattejacke. Ergänzt mit Bildern alter Kollegen, aus Archiven und Familienalben ist eine Chronik entstanden, die ihresgleichen nicht findet. Leser der LVZ-Heimatgeschichtsseite kennen seine Beiträge, die – natürlich – die Textildruckerei betreffen. In den Ruhestand verbannt, legte er die Hände nicht in den Schoß. Recherchierte, versuchte Nachkommen der Braunsbergs aufzuspüren, fand sie in den USA. Und obgleich er kein Englisch spricht, gelang es ihm, Nachfahren nach Frohburg zu holen. 2013 erreichte er, dass Braunsbergs, den Gründern des Stadtbades 1936, dort ein Stein gesetzt wurde. Ein Jahr später verlegte Gunter Demnig erste Stolpersteine für die jüdische Familie; Frohburger Oberschüler und der Leipziger Verein Erich-Zeigner-Haus unterstützten das Projekt. Mehrfach wurden die Messingplatten im Gehweg der Bahnhofstraße seither beschmiert: „Da bin ich abends mit dem Fahrrad hin und habe ne halbe Stunde geschrubbt.“

Wenn die Glocken der Michaeliskirche läuten, dann weil Karl-Heinz Zschunke Ende der Siebzigerjahre seine Hände im Spiel hatte. Engagiert im Kirchenvorstand, funktionierte er Betonmischer-Getriebe um, damit die Glocken wieder bewegt werden konnten.

Zu seinem Leben gehören aber auch Schicksalsschläge: der Tod seiner Frau, der einer seiner drei Töchter. Verluste, die er nie wirklich verwinden konnte. Sich in Geschichte zu vertiefen, sie publik zu machen, Jüngeren nahezubringen – darum kümmert er sich seither umso intensiver. Zu genießen, vergisst er darüber nicht ganz: Seit 49 Jahren ist er Stammgast der Schwindsaal-Konzerte in Rüdigsdorf, hört gern dem Leipziger Symphonieorchester in Borna zu, und auch unter dem Bad Lausicker „Schmetterling“ trifft man ihn, zuletzt als die Sächsische Bläserphilharmonie, von ihm sehr geschätzt, musizierte.

Von Ekkehard Schulreich

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