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Geithain Bad Lausicker „Sonne“-Kinder wollen sich nach Jahrzehnten wiedersehen
Region Geithain Bad Lausicker „Sonne“-Kinder wollen sich nach Jahrzehnten wiedersehen
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07:00 17.04.2016
Sigmar Liebe hält die Erinnerungen an die „Sonne“ hoch. Quelle: Ekkehard Schulreich
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Bad Lausick

Unfertig sieht aus, was Sigmar Liebe in seinen Händen hält: ein Kocher aus Stein, aus dem feuerfesten Material, das eine Spezialität des Bad Lausicker Silikatwerkes war. Ohne Abdeckung ist ein Glühwendel verlegt, rustikal auch die Anschlussbuchse für das Stromkabel. Diese Heizplatte, eines der ersten Friedensprodukte aus der Silika nach dem Zweiten Weltkrieg, markiert für den 85-Jährigen ein Stück Lebens- und Familiengeschichte zugleich.

Sigmar Liebe mit einem Kocher aus feuerfestem Stein – ein Produkt aus dem Silikatwerk Bad Lausick. Quelle: Ekkehard Schulreich

Denn für die elektrische Ausrüstung des Gerätes zeichnete Kurt Haupt verantwortlich. Der betrieb im Saal des einstigen „Gasthofes zur Sonne“ in Reichersdorf eine Ankerwickelei für Motoren. Vorletzter Wirt war Karl Liebe, Sigmars Großvater. Der Enkel, seit Jahrzehnten von diesem in den vergangenen Monaten abgerissenen Ensemble nur durch die Breite der Reichersdorfer Straße entfernt, verbindet viele Erinnerungen damit. Und in der Silika, die den Gasthof schließlich zu Werkswohnungen umbaute, verbrachte er alle 45 Berufsjahre.

Als die LVZ kürzlich über den Abriss der „Sonne“ berichtete und die Geschichte der einst gut frequentierten Vergnügungsstätte umriss, weckte das bei zahlreichen älteren Lesern Erinnerungen. „Meine Eltern haben Großvater bei der Bedienung geholfen“, sagt Sigmar Liebe, gebürtiger Ballendorfer, seit 1930 Reichersdorfer. Nach Karl Liebe betrieb Ernst Weigelt, zugleich ein Optiker, die „Sonne“, ehe sie schloss. Und der Unterbringung von kriegsgefangenen Engländern, zur Zwangsarbeit gepressten Polen und aus anderen Ländern umgesiedelten Deutschstämmigen diente. Der halbwüchsige Sigmar sieht noch vor sich, wie die Briten im Saal, unter bizarren Kunst-Tropfsteinen, campierten, versorgte sie in den letzten Kriegsmonaten mit Nachrichten: „London haben wir zu Hause gehört – klar!“ Erst nach einem Zwischenspiel der Firma Haupt sei der Saal schließlich zu Wohnungen umgebaut worden.

Sigmar, der in der Silika Modelltischler lernte und 32 Jahre lang Formen baute, unterrichtete später Polytechnik im Werk: Siebtklässler formten aus Blech Lada-Ersatzteile, Achtklässler bauten im Rahmen der Konsumgüter-Produktion Kinderschubkarren.

Sigmars Großvater Karl Liebe gestaltete den Saal seines „Gasthofes zur Sonne“ in den 20er-ahren in einer Grotte mit künstlichen Tropfsteinen um. Quelle: Archiv Sigmar Liebe

Angefacht wurde seine Erinnerungen an den Opa, der später die Bahnhofswirtschaft in Colditz betrieb und auch in der Muldestadt starb – weit nach der Wende. Seine Enkelin hatte auf einem Flohmarkt in Mannheim eine Ansichtskarte mit der „Sonne“ entdeckt. Darauf eine Nachricht Karl Liebes an einen Schwager in Leipzig anno 1928 – und zugleich die Klarstellung, dass er Karl hieß, nicht Carl, wie in anderen Quellen häufig zu lesen.

Als eines der „Sonne“-Kinder gab sich Veronika Helmholz zu erkennen. Sie lebte von 1949 bis 1954 im ehemaligen Gasthof. Der Vater, zurück aus der Kriegsgefangenschaft, hatte in der Silika Arbeit und deshalb die Unterkunft bekommen. Sie wohnten im einstigen Saal, nutzten ein Gemeinschaftsbad im Keller, hatten wie alle eine kleine Parzelle mit Hasenstall hinter dem Haus, wo einst der Biergarten war. Zwei Dutzend Schulkinder, sagt die 72-Jährige, lebten damals unter demselben Dach, lernten und spielten gemeinsam, feierten nicht nur Weihnachten in großer Runde. „Sonne-Kinder sind wir bis heute geblieben“, sagt Helmholz. Deshalb werde es allerhöchste Zeit, sich einmal wieder zu treffen. In diesem Jahr werde das geschehen; einen Termin aber gebe es noch nicht.

Von Ekkehard Schulreich

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