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Geithain Barock, Rokoko, Tudor: Leipziger Investor will Rittergut Sahlis vor Verfall retten
Region Geithain Barock, Rokoko, Tudor: Leipziger Investor will Rittergut Sahlis vor Verfall retten
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14:13 11.03.2018
Rittergut Kohren-Sahlis. Hier Außenansicht des Herrenhauses. Foto: Andreas Döring MTL BOG Quelle: Andreas Döring
Frohburg/Kohren-Sahlis

Dass der Kaufmann Georg Leberecht Crusius das Rittergut Sahlis übernahm und ein barockes Schloss errichten ließ, liegt mehr als ein Vierteljahrtausend zurück. Das großzügige Anwesen, zu dem neben dem Herrenhaus und ausgedehnten Wirtschaftsgebäuden ein Rokoko-Park gehören, hat Umbrüche wirtschaftlicher und politischer Art überstanden.

Immobilien-Unternehmer aus NRW mit ambitionierten Plänen

Seit den 90er-Jahren in wechselnder Hand weitgehend ungenutzt, ist die noch immer beeindruckende Bausubstanz von Verfall gezeichnet. Thomas Fischer, Landwirt und Immobilien-Unternehmer aus Nordrhein-Westfalen, will das Ensemble retten. Der 45-Jährige erwarb die Immobilie, die im vergangenen Jahr zum zweiten Mal zur Zwangsversteigerung aufgerufen war, um sie zu sanieren. Anfang Januar begannen die Arbeiten mit dem Beräumen des Schlosshofes und dem Abbruch von zwei in den 70er-Jahren errichteten Anbauten. Im Frühjahr soll das Schloss eingerüstet werden, damit Dach und Fassade erneuert werden können.

Das Rittergut in Kohren-Sahlis soll zum zweiten Mal zwangsversteigert werden.

Gepostet von LVZ Leipziger Volkszeitung am Donnerstag, 25. August 2016

„Ich habe dieses wunderschöne Objekt seit drei Jahren im Blick. Bei uns im Münsterland habe ich ein großes herrschaftliches Anwesen ruinös erworben und zu einer repräsentativen Anlage umgebaut“, sagt Thomas Fischer. Vergleichbares plane er in Kohren-Sahlis. Selbst hier zu wohnen, sei nicht seine Absicht: „Ich möchte das Gut entwickeln und vermieten.“ Er hoffe, das Schloss bereits in diesem Jahr komplett unter ein neues Dach zu bringen, den Verfall zu stoppen und die über weite Strecken erhaltene historische Substanz zu sichern. „Mein ganz persönliches Ziel ist, dort im kommenden Herbst erstmalig mit meiner Familie und meinem Hund vor dem Kamin sitzen zu können, ohne die Sorge zu haben, dass uns die Decke auf den Kopf fällt.“

Das 60000 Quadratmeter große Areal des Rittergutes Kohren-Sahlis aus der Vogelperspektive. Quelle: Mathias Pinkert

Eine Mammutaufgabe nennt Fischer, Vater von vier Kindern, was er in Sahlis in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Leipzig und mit Unterstützung des Landes Sachsen stemmen möchte. „Was es kosten wird, um das Objekt zu einer Vollvermietung zu führen, ist derzeit nicht seriös bestimmbar“, sagt er. Auch zeitlich sei schwer abzuschätzen, wann man am Ziel sei. Damit das ambitionierte Vorhaben gelinge, habe er das Leipziger Architekturbüro Torsten Hentsch an seine Seite genommen und Mathias Pinkert als Projektleiter eingesetzt, mit dessen Leipziger Büro BF-Project er seit Langem zusammenarbeite.

Kosten der Vollsanierung nicht abschätzbar

„Der Sanierungsbedarf ist enorm, keines der Gebäude wirklich in Ordnung“, sagt Pinkert bei einer Runde über das weitläufige, 60 000 Quadratmeter umfassende Gelände. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Crusius’sche Landwirtschaftsbetrieb via Bodenreform enteignet. Das Anwesen wurde Volkseigenes Gut, im Schloss wurden bis zur Wende Lehrlinge untergebracht. Zwar sind Ein- und Umbauten der Neuzeit im Gebäude sichtbar, doch viel Substanz aus der barocken Erbauungszeit und späterer Überformungen, etwa in neobarockem und Tudorstil, sind vorhanden.

Blick in die einst prachtvollen Räume des Rittergutes. Quelle: Töpfermuseum

Die Pracht des großen Saals mit seinem Stuck, den Spiegeln und dem großzügigen Blick in den – zugewachsenen, unter dem Wildwuchs aber bewahrten – Rokoko-Garten beeindruckt noch immer – auch wenn aufgrund von Schäden im Dach die Decke an zwei Stellen herunterbrach. „Das ganze Haus hat Charme, hat Geschichte. Wir wollen es in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen“, sagt Pinkert, spezialisiert auf derartige Herausforderungen. Dabei gehe man in enger Abstimmung mit den Denkmalbehörden auf Kreis- und Landesebene vor.

Region verknüpft Hoffnungen mit dem Investor

„Dass ich vor Ort freundlich aufgenommen wurde, hat mich bestärkt, das Objekt zu erwerben und mich seiner Rettung zu stellen“, sagt Thomas Fischer. Ihm sei bewusst, dass das geschichtsträchtige Gut, vor allem der einst reizvolle Park, im Bewusstsein vieler sei.

Noch zu Beginn des Jahrtausends hatte die Stadt mit Hilfe einer geförderten Maßnahme versucht, den lange öffentlich zugänglichen Park herzurichten. Ab 2004 gehörte das Anwesen einen bundesweit bekannten Rechtsextremisten, der hier Schweine züchtete und für Sanierungsarbeiten Fördermittel des Freistaates bezog. Der Abwasserzweckverband Wyhratal strengte wegen offener Forderungen seit 2016 die Zwangsversteigerung an.

Ob und in welchem Maße er das Gut später erneut für eine interessierte Öffentlichkeit zugänglich mache, habe er noch nicht entschieden, sagt Fischer: „Meine Sorge ist eher, das mehrfach schon ungebetene Gäste Sachbeschädigungen begingen, Materialien und Werkzeuge entwenden.“ Eine Öffnung des Parks etwa könne er sich durchaus vorstellen.

Kommune will Vorhaben unterstützen

„Ich bin sehr froh, dass wir nun einen Eigentümer in Sahlis haben, der offenbar zu den Machern in unserem Lande gehört“, sagt Siegmund Mohaupt, bis zu Jahresbeginn Bürgermeister, jetzt Ortsvorsteher von Kohren-Sahlis. Er spricht von einem „Glücksfall für das Kohrener Land“. Er hoffe, dass die Investitionen zu einer Wiederbelebung dieses geschichtsträchtigen Ortes führten und weithin positiv ausstrahlten. Die Kommune stehe dem Investor im Rahmen ihrer Möglichkeiten gern zur Seite.

Historische Daten

1350 wird Sahlis als Herrensitz aufgeführt

Mitte des 15. Jahrhunderts verlegt Hildebrand von Einsiedel den Herrensitz von Kohren nach Sahlis

1596 brennen aufgebrachte Lutheraner das Herrenhaus des Calvinisten Einsiedel nieder

1602 kauft Wolf von Löser das Gut, baut ein neues Herrenhaus, von dem bis heute ein achteckiger Turm erhalten ist

1754 kommt Sahlis an die Chemnitzer Unternehmerfamilie Crusius

1756 Bau des barocken Schlosses

1771 Anlage des Gartens mit Wasserspiel und Skulpturen

1856 bis 1863 Umbau des Schlosses im Tudorstil

1891 Errichtung der Orangerie

1905/06 Anna und Börries von Münchhausen erweitern das Schloss, gestalten neobarocke Hoffassade

1945 Enteignung der Familie Crusius/von Münchhausen im Zuge der Bodenreform

1949 Umwandlung in ein Volkseigenes Gut

nach 1990 Treuhand-Verwaltung, mehrfache Verkäufe, mehrfache Zwangsversteigerungen

zum Nachlesen: Matthias Donath, Schlösser in Leipzig und Umgebung

Von Ekkehard Schulreich

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