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Geithain Bau des Geithainer Freibades freut Silvester Poschmann noch immer
Region Geithain Bau des Geithainer Freibades freut Silvester Poschmann noch immer
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00:27 02.01.2016
Silvester Poschmann mit einem Familienbild. Quelle: Juliane Poschmann
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Geithain

Dass er so heißt wie der letzte Tag eines Jahres, nach einem Heiligen benannt, verdankt er einem Tipp des Pfarrers an die Eltern: Silvester Poschmann sollte an eben diesem Tag anno 1925 auf die Welt kommen. Das 13. Kind streng gläubiger Katholiken hatte es indes ein bisschen eiliger – so dass Poschmann seinen 90. Geburtstag bereits am vergangenen Sonntag feiern konnte. Die ganze Familie – zu ihr gehören unter anderem drei Söhne, sieben Enkel, sechs Urenkel – kamen in großer Runde zusammen. Und manch älterer Geithainer gratulierte, war Poschmann doch ein Vierteljahrhundert lang, von 1959 bis 1984, Bürgermeister dieser Stadt.

Wissen, was geschieht: für Poschmann, den Mann mit den flinken, wachen Augen ein Muss. Die Zeitungslektüre ist ihm unverzichtbarer Bestandteil des Vormittags. Im Sessel jenes Zimmers, das er seit ein paar Jahren im Seniorenheim Am Stadtpark bewohnt, hat er die Ruhe dazu. Das Fenster geht hinaus in den Park. Und er selbst rollt gerne in die Stadt; ein Elektro-Rollstuhl macht ihm, nach einem Schlaganfall körperlich eingeschränkt, solche Ausflüge möglich. Darüber hinaus hält er via Internet und Skype Kontakt zu Verwandten und Freunden. 2014 hat er einen Laptop gekauft, den er intensiv nutzt: „Nach ein paar Wochen kam ich fabelhaft zurecht.“ Poschmann ist dankbar, dass er den Abend seines Lebens derart umsorgt genießen kann. Mit Sorge dagegen beobachtet er, was sich tut in der großen Welt, in der Politik. Denn die lässt ihn, der Amtsträger war, Funktionär, in den Nachkriegsjahrzehnten Verfechter eines anderen Gesellschaftsmodells, nicht los.

„Es gibt kein besseres System als die Demokratie. Dazu stehe ich“, sagt Silvester Poschmann. Eine aus Lebenserfahrung gespeiste, erarbeitete Erkenntnis. Kein Persilschein für diese Bundesrepublik, vielmehr Fazit eines von Hingabe und Ent-Täuschung, Erfolgen und Widersprüchen, Gemeinschaftserleben und Diktat gekennzeichneten Prozesses, in dem der heute 90-Jährige Lenker und Gelenkter zugleich war. Was ihn bis heute ärgert, war „diese Diktatur der Partei. Alles wurde kontrolliert, alles vorgeschrieben. Wir hatten keinen Spielraum“. Sagt Poschmann, in Ostpreußen geboren, durch den Krieg mit schwerer Verwundung nach Sachsen verschlagen, Arbeiter in Espenhain, Funktionär der Freien Deutschen Jugend, beherzt den Aufbau einer neuen Gesellschaft angehend, FDJ-Chef des 1952 gegründeten Kreises Geithain, von seinen Genossen seiner unproletarischen Herkunft – die Eltern hatten eine Landwirtschaft verloren – gemaßregelt, „zur Bewährung in die Produktion geschickt“ des Bad Lausicker Silikatwerkes. Fachschule für Handel, für Landwirtschaft, Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft im Auftrag der Partei, der führenden, die ihn 1959 in Geithain zum Bürgermeister wählen ließ.

Gestalten wollen und verwalten müssen, ein lebenslanger, kaum aufzulösender Widerspruch. Auf der Haben-Seite als Bürgermeister sieht Poschmann den Bau des Geithainer Freibades („Das haben wir vor allem durch die vielen freiwilligen Arbeitsstunden, die alle leisteten, geschafft.“), den Umbau des häufig überfluteten Sportplatzes zum Stadion („Geld war da, aber sonst nichts: kein Material, keine Baukapazitäten.“ – wieder packen Einwohner, Handwerksbetriebe, große Unternehmen zu) und die Errichtung zweier Wohnhäuser am Beginn der Louis-Petermann-Straße. Die hieß seinerzeit nach Ernst Thälmann, und die Platten, Überplanbestände aus dem Leipziger Wohnungsbauprogramm, wurden schließlich mit vereinter Kraft zu zwei Gebäuden zusammengefügt.

„Den Bürgermeister-Posten bin ich einfach nicht wieder losgeworden“, blickt Silvester Poschmann zurück, zufrieden mit dem, was gemeinschaftlich gelang, ermüdet von den bürokratischen Mühlen. Eine schwere Erkrankung, mehrere Operationen, schließlich die Invalidisierung 1982 sorgten dafür, dass die Partei ihn freigab. Seine wechselvolle Geschichte, beispielhaft für eine ganze Generation, hat er auf 365 Seiten aufgeschrieben. In zwei Dutzend Exemplaren vervielfältigt, ist sie Lektüre für die Familie, für Freunde und Weggefährten. Die DDR, daraus macht er keinen Hehl, ist ureigener Teil seines Lebens. „Es gab viel Gutes, aber es gab auch Unrecht“, sagt er. Die Wahrheit sitzt wie so oft zwischen allen Stühlen.

Dass Frank Rudolph (UWG), seit dem Sommer Bürgermeister in Geithain, sich Anfang der Woche eine Stunde Zeit nahm für ein Gespräch, freute den Jubilar: „Ich will einfach wissen, was los ist. Ich bin süchtig nach Informationen.“

Von Ekkehard Schulreich

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