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Geithain Bochmanns aus Kohren-Sahlis restaurieren jetzt Weltkulturerbe
Region Geithain Bochmanns aus Kohren-Sahlis restaurieren jetzt Weltkulturerbe
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05:00 12.01.2018
In der Stadtkirche Penig: Thomas Bochmann bei der Nachintonation einer Gemshorn-Pfeife. Quelle: Fotos: Andreas Döring
Kohren-Sahlis

Thomas Bochmann klettert auf der Leiter an der Kreutzbach-Orgel empor – und steht in einem Pfeifenmeer. Es sind Hunderte. Dicke und dünne, große und kleine, fünf Meter oder auch drei Zentimeter hoch. Der 53-jährige Orgelbauer zieht eine Pfeife, so lang wie sein Arm, aus der Rastervorrichtung der Windlade und bläst hinein, sie klingt wie eine Trompete. Andere ahmen Geigen, Flöten, Posaunen nach. Sie können weich und hart ertönen. „Jede Orgel ist anders, je nachdem wer sie gebaut hat und wo sie steht“, sagt der Fachmann.

Dieses Instrument in der Peniger Stadtkirche erschuf der bekannte Orgelbaumeister Urban Kreutzbach (1796-1868) aus Borna. Thomas Bochmann kennt desen Orgeln inzwischen bestens. Nicht nur, weil viele davon in der Region zu finden sind und seine Firma sie regelmäßig restauriert oder reinigt. Sein Lehrmeister, Vater Gerd-Christian, ist Profi mit jahrzehntelanger Erfahrung – auch die Kreutzbach-Orgel und ihre Besonderheiten kennt er wie seine Westentasche.

Im Schülerjob Begeisterung für späteren Beruf

Bis heute ist der 74-Jährige in der Firma in Kohren-Sahlis aktiv, wo neben Sohn und Vater noch drei Mitarbeiter beschäftigt sind. „Die Orgel wird nicht umsonst die Königin der Instrumente genannt – sie ist es wirklich“, sagt der Seniorchef lächelnd. Ihn fasziniere stets, was den Orgelbauer in jedem einzelnen Fall angetrieben hat, das Instrument in dieser oder jener Kirche so zu bauen und mit dem ganz speziellen Klang auszustatten.

Zu seinem Beruf kam er durch einen Schülerjob. Sein Vater war Lehrer und Kantor in Frohburg. Wenn ein Orgelbauer in der Kirche an dem Instrument zu tun hatte, sollte der Junge helfen „Tasten halten und Werkzeug reinreichen zum Beispiel, das gefiel mir“, erinnert er sich. Einmal kam er mit einem Meister aus Rochlitz ins Gespräch, der ihm erzählte, dass ein Orgelbauer viel auf Montage ist. Und auch das gefiel dem jungen Mann.

Zu DDR-Zeiten Auftragsbücher für zehn Jahre gefüllt

Zunächst lernte er Ende der 1950er Jahre Tischler, „weil es keine richtige Berufsschule dafür im Osten gab“. Dann ging er zum Orgelbaumeister Hermann Lahmann nach Leipzig. Er wurde Geselle und später selbst Meister. An Arbeit war kein Mangel, die Auftragsbücher waren oft für zehn Jahre im voraus ausgebucht. Nur das Material fehlte: Leder, Zinn, Filze, „das hat hinten und vorne nicht gereicht“. Über Kirchenpatengemeinden aus Westdeutschland und komplizierte Einfuhrgenehmigungen bemühten sich die Handwerker um Nachschub.

Sein Chef Lahmann, Jahrgang 1905, sagte immer zu ihm: „Später übernimmst du mal meinen Betrieb.“ 1987 war es dann so weit, doch für dieses Metier war es zu DDR-Zeiten mit der Selbstständigkeit nicht so einfach. Da hörte der Nachfolger Sätze wie: „Da wird nischt draus. Wir brauchen Bauern und Bäcker und Leute, die in der Grube arbeiten. Orgelbauer aber brauchen wir nicht.“ Trotzdem gab er nicht auf. „Auch Gewerberaum zu finden war ein großes Problem“, sagt Gerd-Christian Bochmann.

Im Osten viele historische Orgeln, deren Rettung jetzt möglich ist

Schließlich wurde er in Kohren-Sahlis fündig. Er verließ Leipzig mit einem guten Kundenstamm und begann zunächst als Ein-Mann-Betrieb im Gebäude schräg gegenüber von seiner damaligen Wohnung in einer Werkstatt. Später wuchs die Firma und der Sohn, heute Tischlermeister und Orgelbauer, stieg mit ein.

Mit der Wende gab es genügend Material und auch viele Orgeln, die auf eine Wiederbelebung warteten. Eine Besonderheit von Ostdeutschland sei bis heute, dass es so viele schöne alte Orgeln gibt. Im Westen dagegen war es einige Jahre schick, die alten Instrumente durch neue zu ersetzen. „Das Bewusstsein für historische Orgeln hat sich glücklicherweise inzwischen durchgesetzt“, so der Alt-Meister. „Heute wird wieder so restauriert, wie es ursprünglich gedacht war.“

Schimmel in Kirchen großes Problem für Königin der Instrumente

Was nicht heißt, dass alles immer einfach ist. Kopfzerbrechen bereiten seiner Zunft zum Beispiel verstärkter Holzwurmbefall der alten Instrumente und Schimmelbildung in den Kirchen. Moderne Sanierungsmethoden und zu wenig Nutzung und damit zu wenig Lüftung der Gotteshäuser könnten Gründe sein, doch selbst aufwendige Studien leuchten das Problem nicht klar aus. Auch die Fördermittelvergabe sei für diesen Handwerkszweig mitunter schwierig. So schnell könne gar kein Leim trocknen, wie die Fördermittel verbaut werden müssen, scherzt der Firmenchef.

Guter alter Knochenleim wird bis heute bei ihm verwendet, wenn seine Firma historische Orgeln, die manchmal nur noch als Torso in einer Kirche stehen, wiederbelebt. Aber auch Reparaturen und Reinigungen in ganz Mitteldeutschland stehen regelmäßig an. In den letzten Zügen liegen Bochmanns in der Stadtkirche Penig. Nach der Sanierung der farbigen Kassettendecke war eine Säuberung des Instruments notwendig.

„Dabei wird die Orgel komplett auseinander genommen und jede einzelne Pfeife gereinigt“, erklärt Sohn Thomas. Danach gilt es, das Instrument zu intonieren und zu stimmen. Es gibt Register, in denen mancher Ton drei bis vier Pfeifen hat, die exakt aufeinander abgestimmt werden. Das dauert Tage. Auch wenn es derzeit in Kirchen recht kühl ist, intonieren und stimmen die beiden Orgelbauer geduldig jede einzelne Pfeife, bis sie so klingt, wie sie klingen soll. Gerd-Christian Bochmann: „Wenn es dann dem Organisten gelingt, mit seinem Spiel auf diese Orgel einzugehen, dann kann das Instrument genau so tönen wie es vom Baumeister einst gedacht war.“

Von Claudia Carell

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