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Briefe machen Geschichte lebendig

Briefe machen Geschichte lebendig

"Briefgeschichte(n)" hat der Geithainer Gottfried Senf das Buch genannt, das auf fast 200 Seiten den ersten Teil eines über zwei Jahrzehnte währenden Briefwechsels enthält, den er seit 1990 mit John Ulrich Sommer geführt hat und weiterhin führt.

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Gesprächsrunde zum Buch in der Geithainer Stadtbibliothek mit Gottfried Senf (M.), Dietmar Fischer (l.) sowie (v. l.) Ute Fischer, Ramona Kratz und LVZ-Redakteurin Inge Engelhardt.

Quelle: Jens Paul Taubert

Geithain. Der ist gebürtiger Geithainer und lebt seit den 1950er Jahren in Kanada. Bei einer Gesprächsrunde in der Geithainer Stadtbibliothek fragte die LVZ Menschen, die an der Entstehung des Bandes Anteil hatten, was sie bei der Lektüre besonders interessant fanden.

 

 

Für ihn als Geithainer sei das Buch ein guter Aufhänger, um die Geschichte der Stadt an Beispielen und Gesprächen deutlich zu machen, sagt Dietmar Fischer. "Wenn man sich interessiert, länger drüber nachdenkt, mit Leuten spricht, stößt man immer wieder auf Berührungspunkte zum eigenen Leben." Seine Tante beispielsweise sei mit dem Bruder von John Ulrich Sommer in die Paul-Guenther-Schule gegangen, berichtet er. Das Buch gäbe viele Anregungen, um weiter zu denken und zu bewerten. "Vieles, was man an anderer Stelle liest, bekommt eine andere Einordnung." Den persönlichen weltanschaulichen Ansichten Sommers könne er in vielem folgen.

 

 

Als ihr Mann das Buch las, habe er sie neugierig gemacht auf die Lektüre, erzählt Ute Fischer. "Wir sind an Kultur, an Regionalgesschichte interessiert", erklärt sie. Das Buch habe sie angeregt, sich näher mit dem Schicksal ihrer Mutter zu befassen. Gleichzeitig handele es sich bei der Veröffentlichung auch um "sehr schönes Material für den Unterricht in Deutsch oder Ethik", sagt die Lehrerin im Ruhestand. Sie liest gern Biografien und findet auch den Lebensweg Sommers sehr interessant - "ein beeindruckendes Schicksal".

 

 

John Ulrich Sommers Eltern gehörte in Geithain der seit 1913 existierende Sommerhof, der im Herbst 1945 enteignet wurde. Der Sohn wanderte 1954 aus. Lange Zeit habe er Verbitterung, auch Hass auf die Verhältnisse im Osten verspürt, erzählt Gottfried Senf, der langjährige Vorsitzende des Geithainer Heimatvereins. Ihn fasziniert schon immer, wie sich große nationale Geschichte in einem Dorf, einer Stadt, einer Familie widerspiegelt. Sommer wäre nach seinem ersten Besuch 1990 wahrscheinlich nie wieder nach Geithain gekommen, hätte es nicht die im Anschluss geknüpften Kontakte gegeben, vermutet der 78-jährige Geithainer. Senf und Sommer haben seit Juni 1990 Briefe gewechselt, lernten sich 1991/92 persönlich kennen. 1995 war John Ulrich Sommer offizieller Ehrengast der Stadt zu den Jubiläumsfeierlichkeiten der 1925 geweihten Paul-Guenther-Schule. Ehrengast war auch Virginia Vanderbilt, die Enkelin des Schulstifters Paul Guenther. Der Leser des Briefwechsels erfährt, wie sie nach aufwendiger Suche in den USA, England und der Schweiz gefunden wurde.

 

 

Senf hat sich intensiv mit dem Leben und Wirken Guenthers befasst. Anlass sei gewesen, dass dieser in der Stadtchronik zur 800-Jahr-Feier Geithains im Jahre 1986 mit keinem Wort erwähnt gewesen sei. Daraufhin hätte er gemeinsam mit Karlheinz Oertelt, beide in der AG Stadtgeschichte des Kulturbundes aktiv, im damaligen Veteranenclub vorgetragen, was sie über den Schulstifter wussten. John Ulrich Sommer habe ihn in den 90er Jahren angeregt, seine Forschungen zur Geithainer Geschichte zu veröffentlichen, berichtet Senf.

 

 

Ende 2012 sei erstmals die Idee einer Veröffentlichung des Briefwechsels aufgetaucht, erinnert er sich. Nicht nur Fischers und Franziska Drews haben Senf in dieser Idee bestärkt, sondern auch Bibliothekarin Ramona Kratz. Sie findet besonders interessant, was Senf in seinen Briefen nach Kanada über die Wendezeit in Geithain berichtet. "Ich war auch dabei - habe ich gedacht." Doch offensichtlich habe sie damals mit Ende 20 nicht so viel reflektiert, wie der Ältere, erzählt sie. Was Senf, eine Generation weiter, über die 90er schreibe, sei hochinteressant. Als Zeitdokument, als Tagebuch habe er die Geschichte festgehalten. Sehr interessant sei es, jemanden wie Sommer durch seine Briefe kennenzulernen. Beeindruckend sei dessen Möglichkeit, sich auszudrücken, jeden mit einzubeziehen, sagt Ramona Kratz. "Man kann die Wege gehen", hebt die Geithainerin die Authentizität der Orte in der Stadt hervor. Die heutige Gaststätte "Zum Sommerhof" war früher der Pferdestall des Gutes. Seit der Lektüre des Buches wisse er endlich, warum es "Sommerhof" heißt, erzählt Manfred Kirchhoff. Als geschichtsinteressierter Leser fand er die Schilderung der Zeit von 1945 bis 1950 am interessantesten. "Faszinierend dieser Blick auf die Dinge, die so nicht in den Geschichtsbüchern stehen - weder in denen der DDR noch in heutigen." Besonders interessant fand er aber auch die Sichtweise von ganz außen - von Kanada aus - auf die Wendezeit hierzulande.

 

 

John Ulrich Sommer, heute 87 Jahre alt, freut sich, dass die Gegend draußen an der Tautenhainer Straße immer noch "Sommerhof" genannt wird. In einem Brief schrieb er: "Ich wünsche mir, dass dieser Stadtteil eine richtige ,Gemeinde' wird, mit Einwohnern, die sich gute Nachbarn sind. Vielleicht lesen sie diese Geschichte und erinnern sich ohne Vorwurf an die Menschen, die dort einmal von 1919 bis 1945 gelebt haben."

 

 

Handschriftlich lagen die Briefe vor, Heidi Flint und Alexandra Glück haben sie in den Computer abgeschrieben. John Ulrich Sommer freue sich sehr, dass das Buch vorliegt, berichtet Senf. Ob es zur Veröffentlichung des zweiten Teils dieses Gedankenaustausches kommen wird, darüber sollen weitgehend die Leser entscheiden, sagt er. "Ich finde es interessant, es sollte weitergehen", steht für Ute Fischer fest. "Unbedingt fortsetzen", ist das auch für Dietmar Fischer keine Frage. Ganz genauso sieht das Ramona Kratz. Im Herbst soll es in der Geithainer Stadtbibliothek eine Lesung und Gesprächsrunde zum Buch geben. Erhältlich ist es in der Geithainer Buchhandlung.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.06.2014
Inge Engelhardt

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