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"Das hätte brenzlig werden können"

"Das hätte brenzlig werden können"

Heute vor 25 Jahren haben Demonstranten unter Führung von Bernhard Weiser erstmals das Gebäude der damaligen Staatssicherheit in Geithain betreten. Eine Staatsanwältin hat Schränke und Behältnisse versiegelt.

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Unter Leitung von Bernhard Weiser ist am 5. Dezember 1989 die Stasi-Dienststelle in Geithain besetzt worden. Das Gebäude (hinten) ist schon lange Privathaus.

Quelle: Jens Paul Taubert

Geithain. Was damals geschah, davon erzählte Weiser, heute 67 Jahre alt, gestern Schülern der Klasse 9 am Internationalen Gymnasium Geithain. Gemeinsam gingen sie wichtige Orte vom Herbst 1989 in Geithain ab. An der Nikolaikirche machte der Geithainer vor den Stufen an der Eingangstür halt. Irgendwo hier draußen hatte er gestanden beim ersten Friedensgebet in Geithain am 31. Oktober 1989. Der Schlosser im Kraftwerk Thierbach hatte Spätschicht, konnte etwas eher weg, doch da war kein Reinkommen mehr in die überfüllte Kirche. "Für Geithain war es ein Wahnsinn."

Später wurde in der Stadt jeweils dienstags demonstriert, berichtete er den Gymnasiasten. Meinungen seien erst auf dem Markt kundgetan worden, dann auf dem Saal vom ehemaligen "Haus Altenburg" und später im Speisesaal der Wäscherei. Besonders lustig sei es gewesen, wenn Joachim Weinrich seine Ansichten in Versen vortrug, erzählte der Geithainer, der selbst mehrfach das Wort ergriff.

 

 

Er hatte über einen Kollegen Kontakt zum Neuen Forum in Leipzig geknüpft, von dort sei Anfang Dezember der Auftrag gekommen, die Dienststellen der Staatssicherheit zu versiegeln. Als er das am 5. Dezember im "Haus Altenburg" bekannt gab, seien alle Demonstranten Feuer und Flamme gewesen, ein Knistern habe es gegeben. Er sei zur Volkspolizei gegangen, die damals im Gebäude des heutigen Rathauses saß, um Adresse und Telefonnummer der Staatsanwältin zu bekommen. "Die haben mich nur hingehalten, von einem zum anderen geschickt", erzählte Weiser. Als er nach etwa einer Stunde endlich beides hatte, rief er die Staatsanwältin Wolf in Bad Lausick an. "Gut, holen Sie mich ab!", habe sie gesagt. Er fuhr mit seinem Wartburg nach Bad Lausick und zurück.

 

 

Viele Teilnehmer der Demo wollten mit in das Stasi-Gebäude in der Schillerstraße, etwa sechs seien am Ende reingegangen, berichtete Weiser. An die 200 Menschen sollen draußen gestanden haben. Anschaulich beschrieb er den etwa zwei Meter hohen verblendeten Zaun, der das Haus von der Straße abschirmte. Ein Schiebetor gab es und ein kleines Tor mit einer Sprechanlage daneben. "Die haben sich richtig eingekapselt, das sah hässlich aus", erzählte der Geithainer. In den Zimmern und Schränken habe es nur belanglose Dinge gegeben, mal eine Pistole, ein paar Dienstanweisungen. Weiser wollte nach seiner Stasi-Akte sehen. Er wusste, dass es eine geben musste, weil er schon zu DDR-Zeiten in den Westen zu Verwandten fahren durfte. "Immer ein ganz schöner Zirkus."

 

 

Doch an Akten fand sich überhaupt nichts mehr. Oben auf dem Boden habe es einen Bretterverschlag gegeben, wo einige Aktenordner standen - alle leer. Spuren im Staub erzählten davon, dass Menschen dort oben tagelang hin und hergelaufen sein müssen. Eine Frau, die damals direkt gegenüber wohnte, habe ihm später berichtet, dass immer große Wolken aus dem Schornstein des Stasi-Gebäudes gekommen seien. Offensichtlich ist Aktenmaterial verbrannt worden.

 

 

Seinen Augen traute Bernhard Weiser nicht, als er damals in den Keller des Gebäudes kam. Dort hätten rund 25 Mitarbeiter der Staatssicherheit in einem Raum gesessen. "Die haben nur auf uns gewartet." Er vermutet, dass er bei der Polizei so lange aufgehalten wurde, damit man die Mitarbeiter zusammentrommeln konnte. Doch seine Frage, ob man sie erwartet habe, sei verneint worden. "Wenn die Situation draußen eskaliert wäre, hätten sie eingegriffen. Das hätte brenzlig werden können", vermutet er. Gerüchte behaupteten, es gäbe einen begehbaren Tunnel zwischen dem Stasi-Gebäude in der Schillerstraße und der damaligen SED-Kreisleitung in der Eisenbahnstraße. Einen Versorgungstunnel habe man gefunden mit Gas- und Wasserleitung. "Man hätte durchkriechen können", erzählte der Geithainer.

 

 

Er erklärte den Schülern auch, was inoffizielle Mitarbeiter (IMs) waren. Das sei wohl der schlimmste Teil der Staatssicherheit gewesen. "Man kannte eigentlich keinen von ihnen, wenn sie sich nicht selber geoutet haben."

Die Kreisdienststelle Geithain hatte 1989 insgesamt 26 hauptamtliche Beschäftigte und darüber hinaus 291 inoffizielle Mitarbeiter verpflichtet. Der Umfang der überlieferten Akten von hier betrug 60,50 laufende Meter. Die Bestände seien komplett erschlossen, hatte Regina Schild bereits 2009 auf LVZ-Nachfrage erklärt. Sie leitet die Außenstelle Leipzig der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.

 

 

Bernhard Weiser hat dort zweimal selbst Akteneinsicht beantragt, einmal tat es die Kommune für alle Mitglieder der neu gewählten Stadtverordnetenversammlung, unter ihnen Weiser - immer vergeblich. "Fast kein Geithainer kann seine Stasi-Akte einsehen" resümierte der Akteur des Wendeherbstes gestern. "Die Stasi-Versiegelung hätte damals eher stattfinden müssen", ärgert er sich. Bürgerrechtler Hartmut Rüffert hatte kürzlich im LVZ-Interview erklärt, dass sich erst Ende November 1989 der Generalstaatsanwalt der DDR von der SED losgesagt habe. Rüffert: "Erst damit war die Justiz auf unserer Seite, haben Staatsanwälte Bürgerrechtler begleitet und Stasi-Räume versiegelt."

 

 

Auch die Versiegelung von Räumen und Unterlagen im Gebäude der ehemaligen SED- beziehungsweise PDS-Kreisleitung am 5. Januar 1990 sei ähnlich unergiebig gewesen, was Akten betraf, erzählte Weiser. Er hat mit am runden Tisch der Stadt Geithain gesessen, dort wurde im Januar 1990 diskutiert, wie das Gebäude in der Schillerstraße künftig genutzt werden soll. Gemeinsam mit Geithains damaligem Pfarrer Helmut Scholz sei er viel in Leipzig beim Bürgerkomitee gewesen, erzählte Bernhard Weiser. Er war in den Übergangskreistag berufen und zeigte den Gymnasiasten seinen mit Schreibmaschine getippten Ausweis vom 23. Februar 1990. Er war als Mitglied der unabhängigen Untersuchungskommission des Kreises Geithain berufen und befugt "in Ausübung der Tätigkeit Einzelpersonen sowie notwendige Kader zu befragen und wenn unabdingbar, in entsprechende Dokumente Einsicht nehmen zu können." Unterzeichnet ist das formlose Dokument vom damaligen Vorsitzenden des Rates des Kreises, Lutz Helm.

 

 

Bernhard Weiser saß für das Neue Forum in der ersten frei gewählten Stadtverordnetenversammlung in Geithain. "Damals war alles im Umbruch, und wir haben versucht zu gestalten", blickt der 67-Jährige zurück. Zu den Exponaten der aktuellen Sonderausstellung "Wir sind das Volk" im Geithainer Heimatmuseum gehört auch Weisers Vorstellung in der Leipziger Volkszeitung als Kandidat für die damals bevorstehende Wahl. Noch bis Jahresende könnten Interessenten die Schau zum Umbruch vor 25 Jahren in der Region besuchen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.12.2014
Inge Engelhardt

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