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"Die Familie ist größer geworden"

"Die Familie ist größer geworden"

"67 Jahre hat es gedauert, um sich zu finden", sagt die Geithainerin Ilona Denecke. So alt war sie 2012, als sie die Familie ihres Vaters kennenlernte. Er war im Zweiten Weltkrieg französischer Kriegsgefangener, Ilona Denecke hat ihn nie kennengelernt.

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Gesprächsrunde auf der Museumsterrasse, links Ilona Denecke (stehend)

Quelle: Inge Engelhardt

Geithain. Der Wunsch, etwas über ihre Wurzeln väterlicherseits zu erfahren, begleitete sie Jahrzehnte ihres Leben. Sie hatte nur einen Namen und eine Adresse in Paris. Mit ihrem Mann hat sie schon einmal vor diesem Haus in Frankreichs Hauptstadt gestanden, doch es war unbewohnt.

 

 

Im April 2011 kam Jean-Lou Cueff aus Frankreich nach Syhra, der auf den Spuren seines Vaters war. Francois Cueff arbeitete im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangener in Theusdorf, war in Kolka untergebracht. Sein Leben lang hatte er seinen Kindern von dieser Zeit erzählt. Deshalb war es für seinen jüngsten Sohn ein ergreifender Moment, die Orte zu sehen, Familien zu treffen, die er aus den Erzählungen des Vaters schon so gut kannte (die LVZ berichtete). Bei diesem Besuch lernte Jean-Lou Cueff auch Ilona Denecke kennen. Zurück in Frankreich, probierte er im Telefonbuch den Namen ihres Vater durch, bis er dessen Familie ausfindig machen konnte. Er stellte den ersten Kontakt zur Familie her, ihr Vater war 1995 verstorben.

 

 

Cueff organisierte ein Treffen in der Bretagne mit sechs französischen Kindern, deren Väter als Kriegsgefangene in der Region Kolka/Theusdorf/Syhra gearbeitet hatten und einem deutschen "Franzosenkind": Ilona Denecke. Er hatte die französische Presse eingeladen. "Das war sehr berührend", so die Geithainerin. Sie sei herzlich aufgenommen worden, freundlich, nett, interessiert. Seitdem weiß sie, dass sie drei Halbgeschwister hat, zwei Schwestern und einen Bruder, alle jünger. Eine Halbschwester wünscht keinen Kontakt, die beiden anderen Geschwister, Francoise Alligni und Gerardet Morizet, waren 2013 in Deutschland zu Besuch. Dieses Jahr im August reisten Deneckes nach Frankreich, besuchten den Halbbruder. Vor seinem Haus wehten an je einem Fahnenmast die deutsche sowie die französische Flagge. Auch dieses Treffen sei sehr bewegend gewesen. Die Deutsche lernt nun französisch und ihr Halbbruder deutsch. "Die Familie ist größer geworden. Wir passen zusammen vom Herzen her, als wären wir schon Jahrzehnte zusammen", erzählt Ilona Denecke. Erstaunlich findet sie, wie ähnlich sie sich in ihren Gesten sind, in der Art des Kontaktes zu anderen.

 

 

Sie ist bei weitem nicht die einzige, die dieses Thema bewegt. Als das Geithainer Heimatmuseum jetzt zu einer Gesprächsrunde zum Thema "Franzosenkinder" eingeladen hatte, kamen weit über 20 Teilnehmer - nicht nur aus Geithain und Umgebung, auch aus Rötha, Ballendorf, Leipzig, Mittweida... Die ehemaligen Kriegsgefangenen seien heute zwischen 95 und 100 Jahre alt, deshalb sei es wichtig, neue Kontakte zu knüpfen, erklärte Carmen Schmidt vom Museumsteam. Jean-Lou Cueff schreibt ein Buch über französische Kriegsgefangene in Deutschland, sei sehr interessiert, weitere Informationen zu bekommen. Er bemühe sich, dass sein Buch dann auch ins Deutsche übersetzt wird.

 

 

Als er 2011 nach Geithain kam, hatte er die Aufzeichnungen eines anderen ehemaligen Kriegsgefangenen mitgebracht. Sie trugen den Titel Arbeitskommando "Kolka" Ortsbeschreibung. Kolka ist ein Ortsteil von Ossa, bei Geithain gelegen. Im Text heißt es unter anderem: "Für uns, die ehemaligen Kriegsgefangenen, ist es schwer zu vergessen. Übrigens haben wir auch nicht das Recht dazu; wir dürfen nicht vergessen bevor unser Leben endet. Wir müssen helfen, die Erinnerungen wachzuhalten. Wir müssen aber auch zeigen, dass wir verziehen haben." Und an anderer Stelle: "Es waren fast fünf Jahre der Hoffnungslosigkeit, die wir in Deutschland verbrachten. Unter Bombenhagel in elenden Quartieren eingepfercht in Durcheinander und in der Anonymität. Was waren das für Demütigungen."

 

 

Übersetzt haben das umfangreiche Manuskript Renate Höhne und Angelika Klement, sie hätten "aus Freude an der schönen Sprache" einen Französischkurs belegt, erzählte Angelika Klement. Die Leipzigerin kennt Carmen Schmidt schon lange, denn diese war einst der erste Lehrling ihres Mannes, der Uhrmachermeister war. Lange haben die Frauen an der Übersetzung gesessen. "Das hat mich sehr berührt, es ist toll geschrieben", erzählte Klement. Wer den Text einsehen möchte, kann sich an das Heimatmuseum wenden.

 

 

Jeden in der Gesprächsrunde berührte das Thema anders. Antje Richter aus Mittweida hat mit 40 erfahren, dass ihr Vater Franzose war. "Mich würde interessieren, wo meine Wurzeln sind. Ich habe weder ein Bild noch sonst etwas", erzählte sie. Über das Rote Kreuz hat sie Dokumente auf französisch erhalten, hat aber noch keinen Übersetzer gefunden.

 

 

René Chacun Simon de la Vinence war der Großvater von Janet Donner aus Königsfeld. Er sei Pilot gewesen, war im KZ Buchenwald bevor er zur Zwangsarbeit in die Region kam. In ihrer Familie sei das eher totgeschwiegen worden, erzählte die 46-Jährige. "Ich möchte mehr über ihn, über die Familie erfahren, wie sein Schicksal weiter verlief, ob es weitere Angehörige gibt", erzählte sie. Gerade hat sie einen Brief geschrieben an den Bürgermeister der Gemeinde an der Atlantikküste, wo er gelebt hat.

 

 

Auch in Wickershain hatte es im Zweiten Weltkrieg ein Lager gegeben, in dem ab 1941/42 französische Kriegsgefangene lebten, die in der Landwirtschaft arbeiteten. Der Wickershainer Gottfried Fritsche erinnert sich noch genau. Der 84-Jährige hatte Bilder mitgebracht. "Unser Franzose hat erst auf dem Hof gearbeitet, dann in der Industrie", berichtete er.

 

 

Rund 30 Mann werden in dem Lager gelebt haben, schätzt Siegfried Graichen. Früh seien sie als Kolonne mit einem Posten gekommen und dann auf die jeweiligen Höfe abgebogen. Auch auf den Hof seiner Eltern arbeiteten ab 1943 zwei von ihnen. Wenige Tage vor Ende des Krieges seien sie zu Fuß abtransportiert worden. "Das ging ganz schnell. Als ich aus der Schule kam, waren sie weg", so der Wickershainer.

Später geschahen drei große Zufälle, die ihn heute noch verblüffen. 1966 erhielten seine Eltern einen Brief von einer Frau Gertrud Veser aus Westdeutschland, die den einstigen Kriegsgefangenen auf dem Hof der Graichens, Eusebe Gueguen, zufällig bei einer Frankreich-Fahrt kennengelernt hatte. Er würde sich sehr freuen, von ihnen zu hören, übermittelte sie. Einige Briefe gingen hin und her, doch die Sprachbarriere war hoch. Nach dem Tod der Eltern setzte Siegfried Graichen die gelegentliche Korrespondenz fort. Eusebe Gueguen schrieb in einem seiner Briefe, den ihm jemand ins Deutsche übersetzte: "Zuweilen denke ich noch an Wickershain, an die guten und die schlechten Erinnerungen, die vergisst man nicht."

 

 

Bei dem Treffen mit Jean-Lou Cueff 2011 in Syhra lernte Siegfried Graichen einen Franzosen kennen, dessen Vater der beste Freund von Eusebe Gueguen gewesen war. "Diese Begegnung hat mich sehr berührt", erzählte der Wickershainer. Am Abend des Treffens holte er die alten Briefe hervor und stellte fest, dass Gueguen genau an diesem Tag 100 Jahre alt geworden wäre. Der neunfache Großvater war 2000 verstorben. Er hatte Siegfried Graichen einmal geschrieben: "Denkst Du noch daran, als ich Dich im Schlitten mit den schwarzen Pferden zur Schule gefahren habe?"

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 11.09.2014
Inge Engelhardt

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