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Ebersbacher schwärmt für Lene Voigts sächsische Gedichte

Ebersbacher schwärmt für Lene Voigts sächsische Gedichte

Ebersbach. Sächsische Poesie hat es Roland Kirsten angetan. Lyrisch-Herzhaftes von Lene Voigt rezitiert der 71-Jährige, der als Schuljunge kaum ein Gedicht auswendig konnte, mit Vorliebe.

. Nicht nur bei Festen in der Familie oder seinem Heimatdorf tritt er damit auf. Als Rezitator bewarb er sich schon mehrfach um die „Gaffeeganne" der Leipziger Lene-Voigt-Gesellschaft.

 

 

Roland Kirsten ist Brückenbauer. Mehr als drei Jahrzehnte war der Diplom-Ingenieur für Bauwesen in Dresden mit Tragwerken für die Eisenbahn beschäftigt. Dass Gedichte Brücken bauen können zu anderen Menschen, das merkte der gebürtige Ebersbacher, der heute wieder mit seiner Frau im Hause seiner Eltern lebt, erst sehr spät. „Ein Gedicht auswendig zu lernen, das ist mir ungeheuer schwergefallen in der Schule", sagt er und lacht. Da war seine Urgroßmutter, die in seiner Kinder- und Jugendzeit unter demselben Dach lebte, von anderem Kaliber: „Die hatte mit 87 noch mehr als Hundert Kirchenlieder parat."

Die Wortkunst, die ihm am Herzen liegt, weil aus dem Herzen spricht, ist ohnehin eine andere: Die sächsische Mundart-Dichterin Lene Voigt hat es ihm angetan. Um die Wende vor 20 Jahren herum war es, als Kirsten in der Schmiede der Brückenbau-Werkstatt seine Kollegen mit der „Säks‘schen Lorelei" überraschte: „Ich weeß nich, mir isses so gomisch / un ärchendwas macht mich verschtimmt. / S‘is meechlich, das is anadomisch, / wie das ähmd beim Mänschen oft gimmt..." Was ihn dazu trieb, er weiß es nicht mehr, er weiß nur: Die Begeisterung war erheblich, und er war auf den Geschmack gekommen. „Ich habe ihm ein Lene-Voigt-Buch geschenkt", sagt seine Frau Christine, die das Mundartliche schätzt wie er.

Auf der Silberhochzeit von Christines Schwester hatten beide, kostümiert, einen ersten gemeinsamen Auftritt. Vor allem aber sieht Christine Kirsten ihre Aufgabe darin, ihren Mann bei der Auswahl der Texte zu beraten, für die Ausstaffierung zu sorgen und seine Textsicherheit zu begutachten. Organisiert der Ebersbacher Heimatverein, in dem Roland mitwirkt, eine Veranstaltung, dann lassen sich Kirstens nicht lange bitten: Roland agierte beim jüngsten Rentner-Grillfest solistisch, seine Frau Christine und Christine Block warteten mit Spielszenen auf.

„Ein Gedicht lernen, das bringt die Nerven in Schwung, besser als Kreuzworträtsel oder Sudoku", sagt Roland Kirsten heute. Fehlt ihm nachts der Schlaf, dann lernt er und deklamiert. Es ist nicht nur der Klang des sächsischen Idioms, der ihn fasziniert; es ist die Weltsicht, die aus Voigts Gedichten spricht, die Gemütlich-, die Aufmüpfigkeit und die Weisheit des Alterns. „Da finde ich mich wieder", sagt er. Die Vorliebe der Kirstens für das Kabarett, seinerzeit in Dresden, heute in Leipzig, führte sie in das Kabarett „Sanftwut" und von dort geradewegs zur Lene-Voigt-Gesellschaft, die alljährlich im Herbst die Rezitatoren zum Wettstreit einlädt.

Dreimal schon war Roland Kirsten dabei, mit einem hochdeutschen und einem sächsischen Text. Und es bereitet ihm kaum noch Bauchgrummeln, vor eine Menschenmenge aufzutreten. „Wenn der Funke überspringt, dann geht das Herz auf", sagt er. Da ist ein kein Wunder, dass er kürzlich bei einem Kuraufenthalt in Bad Gottleuba am Ende des Abends plötzlich neben dem Mundart-Interpreten auf der Bühne stand und zwei Beiträge nachschob: „So was stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Aber es muss passen."

Ekkehard Schulreich

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