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Ein Franzose auf den Spuren seines Vaters in Kolka und Theusdorf

Ein Franzose auf den Spuren seines Vaters in Kolka und Theusdorf

Syhra/Ossa. Jean-Lou Cueff aus Frankreich weilt noch bis morgen zu einem Besuch in der Region. Sein Vater Francois Cueff arbeitete im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangener in Theusdorf, war in Kolka untergebracht.

. Sein Leben lang hat er seinen Kindern von dieser Zeit erzählt. Deshalb war es für seinen jüngsten Sohn, heute 54 Jahre alt, ein ergreifender Moment, die Orte zu sehen, Familien zu treffen, die er aus den Erzählungen des Vaters schon so gut kannte.

1941 schrieb seine Verlobte an Francois Cueff nach Deutschland, dass auf dem Hof bald ein Fohlen geboren würde. „Nenn’ es Theusdorf", schrieb er ihr nach Frankreich zurück. Seinen Hund nannte er später, als er wieder zu Hause war, Kolka.

Im Juni 1940 war er in Frankreich in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten, wurde im Oktober mit dem Zug nach Oschatz gebracht. „Schrecklich" sei diese siebeneinhalbstündige Fahrt gewesen, erzählte er oft. Besonders hart waren für ihn die darauf folgenden Monate, in denen er in einer Fabrik arbeiten musste. Die Ankunft in Kolka im Februar 1941 bezeichnete er in einem Brief als einen seiner schönsten Tage als Gefangener, denn er war Bauer.

Mehrere Kriegsgefangene waren in Kolka, heute ein Ortsteil von Ossa bei Geithain, untergebracht, wurden zur Arbeit jeweils nach Syhra, Theusdorf und Ossa gebracht. Im April 1945 verließ Francois Cueff Kolka, musste noch einen Monat lang mit deutschen Soldaten unterwegs sein, bevor er im Mai befreit wurde, später von Erfurt aus nach Hause fliegen konnte.

Da war Francois Cueff 30 Jahre alt und – bis auf sechs Monate – schon neun Jahre lang von seiner Verlobten Germaine getrennt. Im Februar 1946 heiratete das Paar, er arbeitete wieder als Bauer. Seinen drei Kindern erzählte er oft von der Zeit in Kolka und Theusdorf. Nein, das Leben hier sei nicht schrecklich gewesen, schwer war die Trennung von der Familie, sagt Jean-Lou Cueff. Er fand die Geschichten seines Vaters immer besonders interessant und spannend und beschloss, als er zehn Jahre alt war, eines Tages nach Kolka zu fahren.

Im Januar 2010 schrieb er eine E-Mail an Pfarrer Johannes Möller, der in Syhra wohnt. Auch Fotos seines Vaters und von Theusdorf fügte er an. Im Ossaer Museumskreis war schnell klar, dass sein Vater einst bei Herbert Sporbert in Theusdorf gearbeitet hat. Dessen Schwiegertochter Gabi Sporbert kennt ebenfalls einen Teil der Geschichten, denn Herbert Sporbert und Francois Cueff schrieben sich nach Cueffs Rückkehr regelmäßig – jeder in seiner Muttersprache, Verwandte und Freunde halfen beim Übersetzen der eintreffenden Post. „Wir waren immer neugierig auf die Briefe in Französisch mit Namen von Theusdorfern darin", erinnerte sich Gabi Sporbert.

1987 verstarb Herbert Sporbert, 1991 Francois Cueff. Sein Sohn hat die Briefe alle aufgehoben, wie auch den Briefwechsel zwischen seinem Vater und dessen Familie aus der Kriegszeit. Er sammelt Material, Bilder, Daten, Namen, will ein Buch schreiben über seinen Vater. Dessen Freund Etude de Jean Enard hat bereits ein Buch über seine Zeit von 1939 bis 1945 in Kolka veröffentlicht. Als es 2005 erschien, war er 85 Jahre alt und besuchte Kolka noch einmal.

Jean-Lou Cueff traf mit seiner Frau Odile und weiteren Verwandten am Mittwoch in Syhra ein. Pfarrer Möller gestaltete eine Andacht in der Kirche. Das war auch für Ilona Denecke, die bis zu ihrem Ruhestand das Geithainer Seniorenheim Am Stadtpark leitete, ein sehr bewegender Moment. „Wir haben noch einmal in der Kirche gesessen, wo unsere Väter zusammen waren." Denn auch ihr Vater, ein französischer Zivilarbeiter, hatte in jener Unterkunft in Kolka gewohnt, war 1945 nach Frankreich zurückgegangen. Gern würde die heute 65-Jährige ihre Wurzeln väterlicherseits kennenlernen. Seit jener Mail von 2010 aus Frankreich steht sie mit Cueff in Kontakt, seit letztem Jahr wurde der Besuch geplant.

Zahlreiche angeregte Gespräche und Begegnungen gab es, auch gestern in Ossa. Heute steht ein Besuch in Dresden auf dem Programm. „Das ist ein sehr guter Tag für mich, es ist ein großes Vergnügen, die Menschen zu treffen, die Orte zu sehen, von denen ich schon so viel gehört habe", sagte Jean-Lou Cueff Mittwochabend in der gemütlichen Grill-Runde im Syhraer Pfarrgarten.

Er wohnt mit seiner Familie in Landivisiau bei Brest in der Bretange, arbeitet als Finanzmanager in einem Gymnasium, seine Frau im Rathaus. Auch ihre drei Kinder, 28, 26 und 20 Jahre alt, seien an den Geschichten von Kolka sehr interessiert, erzählte der Gast. „Ich finde das auch interessant", bestätigte Annekatrin Sporbert. Die 27-Jährige ist die Enkelin von Herbert Sporbert.

Inge Engelhardt

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