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Ein Macher ist gegangen

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Mit mehr als 200 Mitarbeitern ist das Unternehmen Elektro-Lehmann größter Arbeitgeber in Bad Lausick und der Region. Völlig unerwartet starb der Firmengründer und Inhaber Anfang August.

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Gerd Lehmann am Schreibtisch. Meist aber war er draußen, vor Ort.

Quelle: Archiv

Bad Lausick. 500 Menschen begleiteten ihn auf seinem letzten Weg. Einen Mann, der in der Stadt nicht nur als Unternehmer geschätzt war, sondern auch als Mensch. Seine Tochter Sandy Michael stellt sich der Herausforderung, sein Lebenswerk fortzusetzen.

Die obligatorische Runde jeden Morgen gegen sechs. Der Blick in Werkstätten und Büros: Wie ist die Lage? Seit zwei Wochen ist alles anders. Gerd Lehmanns Mitarbeitern fällt es schwer zu akzeptieren, dass das Guten Morgen des Chefs Geschichte ist, unwiederbringlich. Der 61-Jährige starb völlig unerwartet, wurde herausgerissen aus einem Leben, das er vor allem mit Arbeit übersetzte. „Sein Unternehmen, das war sein Leben. Er war mit Recht stolz auf das, was er sich aufgebaut hat, und es war schon lange sein Wunsch, dass sein Lebenswerk von der Familie fortgeführt und nicht in fremde Hände gegeben wird", sagt seine Tochter Sandy Michael, die sich plötzlich an der Spitze des 200 Mitarbeiter zählenden Bad Lausicker Unternehmens sieht. Die Mitarbeiter konnten die Nachricht von seinem Tod genauso wenig fassen wie sie. „Sie trauern mit uns und stehen für das Unternehmen ein, jeder auf seine Weise. Da ist so viel Unterstützung da, auf die man sich verlassen kann", sagt die 36-Jährige, die seit Mitte der neunziger Jahre im Betrieb arbeitet und die Stück für Stück in die Verantwortung hineinwuchs. Die Diplomingenieurin für Elektrotechnik leitete zuletzt die Abteilung Notstromaggregate, neben der Elektroinstallation das wichtigste Geschäftsfeld des vor allem in der Region, aber auch deutschlandweit, zum Teil sogar international aktiven Unternehmens.

„Er war früh der Erste und abends der Letzte", sagt Steffen Richter über seinen Chef Gerd Lehmann. Der habe sich für seine Leute eingesetzt, sie auch in wirtschaftlich angespannten Zeiten in Arbeit gehalten, den Lohn pünktlich gezahlt, so der seit 1994 im Unternehmen tätige 34-jährige Bereichsleiter von Fuhrpark und Kundendienst: „Das war ein absolut bodenständiger Mensch." Dazu einer, der immer ein offenes Ohr gehabt habe, ergänzt Torsten Naumann, der seine in Espenhain begonnene Lehre in der Wendezeit bei Lehmann beenden konnte, im Betrieb blieb und heute verantwortlich für den Einkauf ist: „Man konnte immer zu ihm kommen, das haben alle sehr geschätzt." Rudolf Linke, der mit Gerd Lehmann Jahrzehnte freundschaftlich und geschäftlich verbunden war, brachte es auf der Trauerfeier auf den Punkt: „Wenn er sagte, es geht los, da wurde nicht mehr geredet. Da wurde gemacht. Darauf konnte man sich verlassen." Arnold Liebers, einst Pfarrer in Bad Lausick, jetzt Superintendent in Leisnig, sagte in seiner Trauerrede, Lehmann habe sich nicht allein für 200 Mitarbeiter verantwortlich gefühlt, sondern für 200 Familien. Dass die Trauergesellschaft zur Beisetzung auf dem Bad Lausicker Friedhof 500 Köpfe zählte, unterstreicht diese Sichten.

Ganz klein hatte Gerd Lehmann begonnen, als Elektromeister im Ein-Mann-Betrieb, 1978, als die Wirtschaftspolitik der DDR dem Handwerk nicht mehr allzu große Steine in den Weg legte wie noch ein halbes Jahrzehnt zuvor. Als die Wende kam, zählte der Betrieb zehn Mitarbeiter – und expandierte. Die Jahre des Baubooms vervielfachte die Mitarbeiter-Zahl. Dutzende junge Leute bildete Lehmann aus. Viele blieben im Unternehmen – wie Uli Kranz, Lehmanns allererster Lehrling, der 1981 begann. Elektroarbeiten für Private, Kommunen, die Industrie, die Spezialisierung auf Notstromaggregate samt Verleih, später ein Maschinen-Mietpark, die Bauabteilung. „Gerd war anderen immer einen Schritt voraus", sagt Rudolf Linke. Und er sei dabei immer mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben, ergänzt Torsten Naumann. Viele Jahre fuhr er noch Wartburg, Mitte der neunziger Jahre kam der erste Fernseher ins Haus. „Für einen, der für die Arbeit lebt, sind materielle Dinge nicht so von Wert." Die Liste der Baustellen, auf denen die Lehmänner zu Gange waren, ist lang: BMW in Leipzig, DHL, Q-Cells, die Leipziger Universitätskliniken, der Flughafen. Mehrere Neubauhäuser in der Bad Lausicker Innenstadt sorgten dafür, dass die Scherbelecke, wie sie der Volksmund nannte, verschwand. Nach dem Zusammenbruch der Stromversorgung wurden für ein Rewe-Zentrallager und zuletzt für eine Gurkenkonserven-Fabrik die Notstromversorgung sichergestellt. Für Letzteres reisten Spezialisten aus Bad Lausick sogar bis ins abgeschottete Nordkorea. Das, sagt Richter, „war unsere am weitesten entfernte Baustelle." Näher liegend waren da der Tag der Sachsen 2011 und der Sachsen-Anhalt-Tag 2012, wo das Unternehmen für den Strom sorgte, nicht zu vergessen das Bad Lausicker Brunnenfest.

Als 2004 die „Fröhliche Dörte" auf der Unstrut in Freyburg sank, nachdem die Schiffsbesatzung Kinder vor dem Ertrinken bewahrt hatte, war es Gerd Lehmann, der dafür sorgte, dass der Ausflugsdampfer wieder fahren konnte: Im Bad Lausicker Lager fand sich ein dreizylindriger Junkers-Motor aus dem Jahr 1954. Längst tuckert das Schiff damit wieder flussauf und flussab. „Gerd hat immer gesagt: Wir nehmen uns alle mal die Zeit, um mit der ,Dörte‘ zu fahren", sagt Torsten Naumann: „Jetzt sollte es endlich werden, schön bei einem Glas Wein." Gerd Lehmanns plötzlicher Tod verhindert es. Doch viel wichtiger als eine Dampferfahrt sei, und da seien sich alle einig, so Naumann: „Der Betrieb muss weitergehen. Alles andere wäre für Gerd eine Enttäuschung."

Ekkehard Schulreich

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