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Geithain Einzigartiges Orchester bildet Profis und Laien aus
Region Geithain Einzigartiges Orchester bildet Profis und Laien aus
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11:00 09.06.2018
Dirigentenseminar in der Bläserakademie: Hier steht Barbara Schied am Pult. Quelle: Jens Paul Taubert
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Bad Lausick

„Wir nehmen uns die Armenischen Tänze vor“, sagt Pascal Morgenstern. Der Student steht im großen Saal vor dem Orchester. Die 30 Musiker rascheln mit den Noten. Dann hebt der junge Mann den Taktstock und das Spiel kann beginnen. Doch nicht lange. Sein Professor Hermann Pallhuber unterbricht. „Wunderbar“, lobt er erst einmal. „Man merkt, Sie kennen das Stück und haben es schon aufgeführt, aber die Musiker spielen zu sehr allein.“ Er solle mehr auf das Orchester zugehen. „Unser Prinzip ist panta rhei, alles fließt, eins entsteht aus dem anderen.“

Es ist schön anzusehen, wie der Schüler und neben ihm sein Lehrer gemeinsam dirigieren, wie der Ältere dem Jüngeren diesen und jenen Kniff zeigt. Die Streicher wüssten jetzt, was sie zu machen haben, sagt der Professor. Er gibt dem Trompeter ein Signal. „Hier ist der nächste Act“, dann weist er aufs Fagott, „und hier der nächste.“

Erfahrung ist beim Dirigieren das A&O

Der 51-jährige Profi ist regelmäßig Dozent bei der Bläserakademie. In diesen Tagen hat er zwei Kurse. Er unterrichtet Studenten aus Mannheim und sehr gute Amateurmusiker im so genannten B-Kurs.

„Dirigieren hat ganz viel mit Erfahrung zu tun“, sagt Pallhuber. Sicher könne man im stillen Kämmerlein mit Klavier oder kleiner Bläserbesetzung üben, aber irgendwann muss man vor einem richtigen Orchester stehen, um es wirklich zu lernen. Handwerkszeug und Flexibilität seien wesentlich, „aber die Erfahrung ist das Wichtigste“. In Bad Lausick schätzt er, dass seine Schüler mit professionellen Musikern zusammen arbeiten können, „das ist hier ein sehr hohes Niveau“. Das Niveau möchte auch die neue Geschäftsführerin der Akademie, Gabriele Hegner, ausbauen.

Gepostet von Deutsche Bläserakademie am Dienstag, 13. Februar 2018

Die zwölf Studenten wechseln sich ab. Jeder hat zehn bis fünfzehn Minuten mit dem Orchester. Die anderen sitzen dahinter an Tischen, beobachten ihren Kommilitonen. Einige dirigieren auch mit dem Bleistift mit.

Erst in der Apotheke, dann Traum verwirklicht

Barbara Theresia Schied ist an der Reihe. Die 35-Jährige ist die einzige Frau in der Gruppe. Sie stammt aus Augsburg und arbeitete sieben Jahre lang in einer Apotheke. Schließlich erfüllte sie sich ihren Lebenstraum und begann an der Hochschule Mannheim mit dem Dirigierstudium. Nun ist sie in Bad Lausick beim Praxistraining. Auch sie wird vom Professor unterbrochen. „Keinen Kaltstart“, heißt der Hinweis. Sonst könnten die Musiker nicht richtig einsetzen. Die Studentin versucht es erneut.

In Sachen Musiker- und Dirigentenausbildung ist die Deutsche Bläserakademie Bad Lausick ein Leuchtturm.

„Ich bin davor immer aufgeregt, aber wenn ich dann vorm Orchester stehe, legt es sich“, erzählt sie. Nur wenn etwas schief geht, werde sie zittrig. Generell sei es wichtig, wirklich Chef am Pult zu sein. Die Praxis hat für sie einen „sehr hohen Stellenwert, nur so lernen wir es“. Ein Feedback erhält sie nicht nur von ihrem Lehrer, „auch die Musiker kommen oft in der Pause auf uns zu und geben uns Tipps“.

Landwirt kommt trotz Erntezeit zum Kurs

Zum Beispiel Hornist Lars Freytag. „Ja, wir sind hier die Versuchskaninchen“, scherzt er und fügt gleich darauf hinzu: „Das ist ein sehr ernstzunehmender Dienst.“ Die Akademie sei neben dem normalen Orchesterbetrieb für ihn spannend. „Wir haben eine gut organisierte Laien- und Amateurszene. Diesen Musikern und auch den Studenten Hilfestellung bei der Ausbildung zu geben, finde ich wunderbar“, meint der 50-Jährige. Zu den Kursen würden begeisterte und engagierte Leute kommen, „es ist ihre Passion“. Er erinnert sich an einen Landwirt, der es möglich machte, mitten in der Erntezeit mehrere Tage die Bläserakademie zu besuchen.

Sächsische Bläserphilharmonie

Die Sächsische Bläserphilharmonie ist das bis heute einzige deutsche Kulturorchester in ausschließlicher Bläserbesetzung. Nur Bundeswehr und Polizei haben noch Profi-Blasorchester.

1950 wurde es unter dem Namen Rundfunk Blasorchester Leipzig (RBO) gegründet und war 41 Jahre für den Rundfunksender in Leipzig tätig. Es hatte feste Sendeplätze in Rundfunk und Fernsehen. Als Gastorchester war es weltweit unterwegs.

Anfang der 1990er-Jahre kam es im Zuge des wieder erstehenden Mitteldeutschen Rundfunks zur Auflösung des RBO – trotz öffentlicher Proteste und Solidaritätsbeweise wie beispielsweise von Kurt Masur und Gunther Emmerlich.

Eine schwierige Zeit begann, aber es ging weiter. Das Notenarchiv mit über 27 000 Originalpartituren, also Spezialarrangements, wurde per Leihvertrag vom MDR übernommen.

Durch das 1995 in Kraft getretene sächsische Kulturraumgesetz gefördert, konnten neue Trägerstrukturen gefunden werden, denen verschiedene Betriebsformen folgten.

Mit Chefdirigent Thomas Clamor erfolgte seit 2011 eine künstlerische Profilierung des Klangkörpers hin zu einem sinfonisch anerkannten Konzertorchester. Dazu gehören CD-, DVD- und TV-Produktionen sowie eine gestiegene Konzerttätigkeit in Deutschland und weltweit, zum Beispiel in China, Venezuela und Australien.

Ein großes Ereignis war die Übergabe des neuen Proben- und Akademiesitzes im Kurort Bad Lausick an das Orchester im Mai 2011. Nach fast zwei Jahrzehnten ohne festen Sitz fand das Ensemble hier wieder eine Heimat.

Die Musiker sind neben der Arbeit im Orchester auch in der musikpädagogischen Institution, der Deutschen Bläserakademie, als Dozenten tätig. Hier wird sowohl Laien- als auch Berufsmusikern ein breites Angebot an Weiterbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten geboten. Für Dirigentenwerkstätten ist die Bläserphilharmonie ein gern gewähltes Lehrgangsorchester.

Tipp: Sommerkonzert im Kraftwerk Lippendorf am 24. Juni ab 15.30 Uhr. Auf einem konzertant-geführten Kraftwerksrundgang erwarten Besucher an besonderen Orten die verschiedenen Formationen des Orchesters mit musikalischen Beiträgen von Barock bis Moderne. Die Veranstaltung ist für Kinder in Begleitung von Erwachsenen geeignet. Kosten: Erwachsene 35 Euro, Kinder bis 14 Jahre freier Eintritt, Mitglieder des Mittelstandsverbandes BVMW 25 Euro. Mehr Info unter https://www.bvmw.de/wirtschaftsregion-leipzig/veranstaltungen/

Für das Orchester sei der Unterricht keine Erholung: „Die Dirigenten brauchen ständig unsere ganze Aufmerksamkeit.“ In einer professionellen Probe habe dieser und jener Musiker immer mal eine Pause, bei der Akademie sei man aber immer dran. Generell werden die Schüler vom Dozenten korrigiert, „aber wenn man merkt, die Säge klemmt absolut, dann sagen wir auch mal was“.

Herr der Ringe und West Side Story im Schülerkonzert

Seit 18 Jahren spielt Lars Freytag bei den Bläserphilharmonikern. Drei Dinge faszinieren ihn an seiner Arbeit. Erstens sei es ein „wahnsinnig gutes Orchester“. Zweitens gefällt ihm die Ausbildung, weshalb er auch den Posten des Akademiebeauftragten als Bindeglied zwischen Leitung, Dozenten und Teilnehmern übernommen hat. Und drittens schätzt er sehr, dass die Musiker eigene Akzente setzen können.

Der Hornist nennt als Beispiel Schülerkonzerte. Dies könne man auf unterschiedliche Art und Weise organisieren. Einmal waren die Musiker in einer Schule zu Gast, wo Jugendliche aus dem Kult-Buch „Herr der Ringe“ vorlasen und anschließend spielte das Orchester die passende Musik dazu. Auch die „West Side Story“ sei ein Stoff, der junge Leute heute immer noch anspricht. Beeindruckt sei er jedes Mal, wenn er vor 15- oder 16-Jährigen spielt und merkt, dass sie zum ersten Mal ein Orchester erleben – und dass diese Musik sie berührt.

Von Claudia Carell

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