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Geithain Frauen auf dem Chefsessel – vier Beispiele aus dem Kreis Leipzig
Region Geithain Frauen auf dem Chefsessel – vier Beispiele aus dem Kreis Leipzig
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00:23 06.03.2018
Ein Schluck Whisky auf die Selbstständigkeit in Kohren-Sahlis: Chefinnen Astrid Friedemann, Grit Kuhnitzsch und Gundula Müller (v.l.) Quelle: Jens Paul Taubert
Kohren-Sahlis/Bad Lausick

Sandy Lehmann aus Bad Lausick leitet ein Unternehmen des Handwerks mit 180 Mitarbeitern. Grit Kuhnitzsch aus Kohren-Sahlis bringt in ihrem Balancehaus Menschen zurück ins Gleichgewicht. Beide Frauen gehören zu jenen 47 aus Sachsen, die für den Gründerinnen-Preis nominiert waren. Sandy Lehmann erhielt den zweiten Preis.

Entspannungstherapeutin Grit Kuhnitzsch färbt Pechsträhne um

Partystimmung mit Musik und vielen Blumen im rappelvollen Festzelt neben dem Balancehaus in Kohren-Sahlis am Donnerstag: Grit Kuhnitzsch feiert das zehnjährige Bestehen ihrer eigenen Praxis für Entspannungstherapie. Das war kein sorgenloser Spaziergang.

Die gelernte Erzieherin wagte den Berufswechsel. Sie qualifizierte sich in Kinesiologie, eine ganzheitliche Methode zur Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden, und machte den Abschluss als staatlich anerkannte Entspannungstherapeutin. Nebenberuflich baute sie sich die Praxis auf, verwandelte ein baufälliges Fachwerkhaus in ein Balancehaus.

Ein Erdrutsch brachte das Projekt fast zum Einsturz, eine tragende Mauer des Gebäudes fiel ein. „Das war ein Schock, ich hab’ vor Schreck graue Haare gekriegt“, erzählte die Unternehmerin. Sie erinnert sich noch, bei ihrer Friseurin las sie damals am Spiegel den Satz: „Wenn du eine Pechsträhne hast, dann färbe sie um.“ Sie gab nicht auf. Mit Hilfe von Familie und Freunden sanierte sie das alte Gemäuer im Hanggarten zur Kohrener Burg ein zweites Mal und eröffnete erneut im September vergangenen Jahres. Nach einigem Überlegen bewarb sie sich für den Gründerinnen-Preis – und wurde nominiert.

Was Frauen und Männer bei Existenzgründung unterscheidet: „Ich glaube, Frauen haben eher einen Sicherheitszwang. Sie gehen alle Eventualitäten durch, bis sie sich für so was entscheiden“, sagte die 48-Jährige. Da gibt es Plan A, B, C, D, E und F.

Astrid Friedemann, Georg-Ludwig von Breitenbuch, Grit Kuhnitzsch, Gundula Müller und Ministerin Petra Köpping lassen die Frauen hochleben. Quelle: Jens Paul Taubert

Physiotherapeutin Astrid Friedemann erfüllt sich Berufstraum

Zur ihrer Party hatte sie auch Gründerinnen aus der Nachbarschaft eingeladen. Nur wenige Schritte entfernt in der Töpferstraße erfüllt sich Astrid Friedemann derzeit einen Traum. Die 39-Jährige wusste als Jugendliche schon, was sie will. Sie begleitete früher ihre Oma immer zur Physiotherapie und fand das dort sehr spannend. Zu Hause wollte sie dann unbedingt massieren. Schnell stand der Berufswunsch fest: „Ich wollte nie etwas anderes machen“.

Nach ihrer Ausbildung als Physiotherapeutin war sie zunächst angestellt, mit 23 Jahren machte sie sich selbstständig am Kohrener Markt. Leider gibt es dort zu wenig Platz für all ihre Ideen. Jahrelang suchte sie nach einem passenden Bauplatz. Jetzt entsteht Wohn- und Praxishaus mit großen Sporträumen, wo auch Krankengymnastik mit Geräten möglich ist. „Das war manchmal alles nicht so einfach, aber ich kämpfe gern und bin ein optimistischer Mensch“, sagte die Chefin von zwei Angestellten, die gern noch eine Fachkraft einstellen würde.

Sie will auf dem Land leben und arbeiten. „Ja, es sind viele junge Leute weggegangen, aber es kommen auch viele zurück, wenn sie Familie gegründet haben“, meinte die Unternehmerin und ist sich sicher: „Landleben wird wieder in.“ Was ihr mehr Sorge bereitet, ist die zunehmende Bürokratie, „das ist viel aufwendiger und komplizierter geworden“. Ansonsten sei für die Mutter eines vierjährigen Sohnes mit eigener Physiotherapie gute Organisation alles, meinte sie lächelnd und stieß mit Grit Kuhnitzsch und Gundula Müller mit Whisky an.

Töpferin Gundula Müller setzt auf Familienunterstützung

Die Töpferin hat die längste Erfahrung von den drei Geschäftsfrauen. Bereits am 1. Januar 1990 startete sie ihr eigenes Unternehmen. Ihr jüngstes Kind war damals zwei Jahre alt. Nebenbei lief die Meisterschule. „Das funktioniert nur, wenn die Familie voll dahinter steht“, sagte die Kohrenerin.

Auch sie ist der Meinung, dass viele Frauen mit der Selbstständigkeit mehr überlegen als Männer. Im Fokus stehe dabei die Frage, wie Familie, Haushalt und eigenes Geschäft gut unter einen Hut passen. „Man lernt besser sortieren, was wichtig und nicht wichtig ist.“ Doch egal ob Mann oder Frau das Unternehmen führt, der Partner müsse immer zur Seite stehen. Sie selbst kann sich heute nichts anderes vorstellen als ihr eigener Boss zu sein.

Damit ihr kleiner Betrieb floriert, brauche es ein entsprechendes Umfeld. In Kohren-Sahlis würde das schon recht gut funktionieren. Die beiden Töpfereien ziehen Interessenten von auswärts an. Der Töpfermarkt findet im Mai zum 26. Mal statt. Der Kunsthandwerkermarkt von den Landfrauen sei ein weiterer Höhepunkt. Hinzu kommt der Irrgarten mit seinen Veranstaltungen und die traditionellen Gasthöfe. „Das sind viele kleine Mosaiksteine, die wir brauchen“, sagte die Töpfermeisterin. „Wenn jeder, der in diesem Bereich zu Hause ist, ein paar Handschläge tut, hilft das allen.“

Sie mag den Spruch, der dem französischen Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry zugeschrieben wird: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Ministerin startet 20 000-Euro-Förderung für Existenzgründerinnen

Ein Ehrengast des Praxisjubiläums war Gleichstellungsministerin Petra Köpping, die mit dem Gründerinnenpreis verstärkt auf solche Unternehmerinnen aufmerksam machen will. Nach wie vor sind Chefsessel vor allem eine Männerdomäne. Das möchte sie gern ändern. Vor allem in Branchen jenseits von Dienstleistung und Kinderbetreuung.

Außerdem: „Geschäftsführerinnen sind in der Regel schlechter vernetzt“, sagte Köpping. Sie würden oft den Schwerpunkt auf ihr eigenes Unternehmen und die Familie legen. Sie initiierte deshalb im vergangenen Jahr das Ladys Lunch mit 150 Firmeninhaberinnen, das wiederholt werden soll. „Die Gründerinnen sollten sich mehr kennen lernen und vernetzt arbeiten“, ist ihr Wunsch. Auch auf Messen soll dieses Thema verstärkt eine Rolle spielen.

Der von ihrem Ministerium ausgeschriebene Preis soll das Thema sichtbarer machen und Chefinnen mehr eine Stimme geben. Auch Geld ist in Sicht. Ein, wie Köpping betonte, „unkompliziertes Förderprogramm“ gibt für eine gute Existenzgründung 20 000 Euro, die nicht zurück gezahlt werden müssen. „Wir haben viele Frauen, die in den Starlöchern stehen. Das soll ein Anstoß sein“, so die Ministerin.

Ihrer Meinung nach sollten sich Frauen mehr trauen. Dabei gibt es schon gute Ansätze, auch was Teilzeit betrifft. So teilen sich bereits zwei Frauen, die kleine Kinder haben, in Berlin einen Geschäftsführer-Posten – vor Jahren noch undenkbar. „Bei den Menschen spielt Familie eine größere Rolle, sie wollen kürzer arbeiten, das ist der Trend und dem müssen wir uns stellen. Wir werden uns darüber Gedanken machen müssen.“

Sandy Lehmann, Chefin von Elektro-Lehmann in Bad Lausick (M.) erhielt den 2. Unternehmerpreis 2017. Quelle: Jens Paul Taubert

Geschäftsführerin Sandy Lehmann hält nicht viel von Frauenquote

Die Ansage sorgte bei Sandy Lehmann für Stirnrunzeln. Sie hatte die Ministerin in einer Veranstaltung des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft in ihrer Firma am Donnerstagabend zu Gast. Die 42-Jährige ist eine moderne Geschäftsfrau mit bemerkenswerter Biografie.

Sie wählte im Abi den Physik-Leistungskurs, studierte Elektrotechnik, übernahm nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters über Nacht ein großes Elektro-Unternehmen in Bad Lausick. Sie schaffte den schwierigen Übergang, trennte sich von nicht lukrativen Geschäftsfeldern, erschloss neue Kundenkreise, hat bis zu 16 Millionen Euro Umsatz im Jahr und Aufträge bis nach China, baut neue Produktionsanlagen vor Ort, beschäftigt 180 Mitarbeiter, bildet junge Leute aus, sponsert kleine Vereine im Ort – und ist dabei ganz bescheiden. Im vergangenen Jahr gewann sie den zweiten Platz beim Gründerinnen-Preis.

„Für mich ist es immer noch ein Familienbetrieb. Ich kenne jeden Mitarbeiter mit Vor- und Nachnamen. Wir haben hier ganze Generationen vom Enkel bis zum Opa“, sagte die Geschäftsführerin. Dennoch: Wenn ein Beschäftigter an ihr Büro klopft mit der Bitte auf Teilzeit, schluckt sie. „Das Problem ist, uns fehlen massiv Fachkräfte, wir können das nicht ausgleichen, so sehr ich das familiäre Anliegen verstehen kann.“

Was Frauen in Führungspositionen betrifft, liegt ihr Betrieb weit über dem Durchschnitt, so manche Frau führt hier eine Abteilung. Wobei Sandy Lehmann von Frauen-Quote nicht viel hält: „Wer was kann, kriegt von mir die Arbeit.“ Egal ob Mann oder Frau.

Studie zu Frauen in Führungspositionen

Frauen sind nach wie vor bei den Führungskräften deutscher Betriebe unterrepräsentiert. Im Jahr 2016 waren 26 Prozent der Führungskräfte der obersten Leitungsebene in der Privatwirtschaft Frauen. Auf der zweiten Führungsebene lag ihr Anteil bei 40 Prozent. Während sich der Anteil auf der ersten Führungsebene seit 2004 mit einem Plus von zwei Prozentpunkten nur wenig verändert hat, stieg er auf der zweiten Führungsebene um sieben Prozentpunkte. Das zeigen Daten einer repräsentativen Befragung von rund 16 000 Betrieben in Deutschland durch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

In Ostdeutschland ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen in der Privatwirtschaft höher als in Westdeutschland. Auf der ersten und zweiten Ebene liegt er bei 30 bzw. 47 Prozent, im Westen bei 25 bzw. 39 Prozent.

Kleine Betriebe werden häufiger von Frauen geführt als große: In Großbetrieben mit mindestens 500 Beschäftigten sind 13 Prozent der Führungspositionen auf der ersten Ebene mit Frauen besetzt. In Betrieben mit zehn bis 49 Beschäftigten sind es 24 Prozent, in Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten 28 Prozent.

Chefinnen sind am häufigsten in Dienstleistungsbereichen wie Gesundheit, Erziehung und Unterricht zu finden. Aber auch hier bleibt ihr Anteil hinter dem Beschäftigtenanteil von Frauen in der Branche zurück: Auf der ersten Führungsebene beträgt der Frauenanteil 46 Prozent, auf der zweiten Führungsebene 71 Prozent und bei den Beschäftigten insgesamt 75 Prozent.

Verglichen mit der Privatwirtschaft liegt der Frauenanteil im öffentlichen Sektor auf der ersten und zweiten Leitungsebene um acht beziehungsweise vier Prozentpunkte höher. Gemessen an ihrem Beschäftigtenanteil von 61 Prozent sind Frauen jedoch dort in Führungspositionen noch stärker unterrepräsentiert als in der Privatwirtschaft.

Die IAB-Studie ist im Internet abrufbar unter http://doku.iab.de/kurzber/2017/kb2417.pdf

Stichwort Gründerinnen-Preis

Der Gründerinnenpreis ist eine Auszeichnung für erfolgreiche sächsische Unternehmerinnen, die ein junges kleines oder mittelständisches Unternehmen führen. Ziel des jährlich vergebenen Preises ist es, die Existenzgründung von Frauen in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen.

Immerhin werden rund ein Drittel der Gewerbeanmeldungen für Einzelunternehmen im Freistaat von Frauen vorgenommen. Das ist im Bundesvergleich hoch, das Potenzial ist jedoch noch lange nicht ausgeschöpft, meint Petra Köpping (SPD), Sachsens Ministerin für Gleichstellung und Integration. Die Schwerpunkte der Gründungen durch Frauen lagen dabei bisher überwiegend in den Bereichen Handel, Dienstleistungen und Gastgewerbe.

Der Preis soll dazu beitragen, ein gründerinnenfreundliches Klima in Sachsen zu verstetigen und den Strukturwandel in Sachsen vor dem Hintergrund der demografischen Herausforderungen insgesamt weiterzuentwickeln. Er soll Frauen ermutigen, in bestimmten Lebenssituationen über eine Existenzgründung nachzudenken und optimistisch den Weg in die Selbstständigkeit zu gehen.

Ab August 2018 können sich Unternehmerinnen wieder für den Sächsischen Gründerinnenpreis 2019 bewerben. Mehr Infos unter www.saechsischer-gruenderinnenpreis.de/

Von Claudia Carell

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