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Geithain Frauendorfer fühlen sich im Stich gelassen: Lärmschutz zu kurz geraten
Region Geithain Frauendorfer fühlen sich im Stich gelassen: Lärmschutz zu kurz geraten
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00:32 08.04.2018
Weniger als ein Kilometer ist es von der Autobahn bis Frauendorf: Der Ort beginnt hinter der Trasse und der Lärmschutzwand – und leidet unter dem Geräuschpegel der Autobahn. Quelle: Jens Paul Taubert
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Frohburg/Frauendorf

Wenn Ingo Müller auf der Terrasse seines Frauendorfer Hauses sitzt, nimmt er Anteil am Weltgetriebe: Von der nahen, auf einen Damm gesetzten Autobahn 72 trägt der Wind, der oft aus Richtung Westen weht, die Geräusche der PKW, Laster, Motorräder weit hinein ins Dorf. Ein knappes halbes Jahrzehnt nach Inbetriebnahme der Trasse zwischen Chemnitz und Borna haben sich weder er noch viele andere Einwohner des 330 Einwohner zählenden Ortsteils an diese Lärmkulisse gewöhnt.

Lärmschutzwand auf einen halben Meter beschränkt

Die Lärmschutzwand an der A 72 nahe Frauendorf misst 520 Meter. Quelle: Jens Paul Taubert

Und sie fürchten, dass es noch schlimmer wird, wenn die Autobahn bis Leipzig fertiggestellt ist. Zwar gibt es schon heute eine 520 Meter lange Lärmschutzwand, die das Dorf abschirmen soll. Doch die sei, so die Betroffenen, zu kurz und deshalb nicht allzu wirkungsvoll. Zumindest verlängert werden müsste das Bauwerk, so der dringende Wunsch. Doch mit dem stoßen sie im sächsischen Wirtschaftsministerium, das die Verantwortung für den Betrieb der A 72 vom Bauherrn Deges übernahm, auf – Wortspiel! – taube Ohren.

„Keinesfalls sind wir gegen die Autobahn. Wir sind alle Autofahrer. Aber es muss für die Menschen etwas getan werden, die in unmittelbarer Nachbarschaft leben wie wir Frauendorfer. Um Fledermaus und Frosch kümmert man sich doch auch“, sagt Bernd Müller, dessen Haus der Autobahn am nächsten steht. Ursprünglich hätten die Trassenplaner gar keine Lärmschutzwand vorgesehen, wollten es lediglich beim Einbau von Lärmschutzfenstern allein auf der Westseite der Wohngebäude belassen, erinnert er sich. Erst das Drängen der Frauendorfer habe zum Bau der Wand geführt: „Die bringt auch was, aber wenig. Zudem wurde die Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben. Die Geschwindigkeit spielt aber eine große Rolle, die potenziert die Geräusche.“

Frauendorfer seit mehr als zehn Jahren im Widerspruch

„Permanenter Lärm macht krank. Du kannst den Garten im Grunde nicht mehr nutzen. Viele haben auch ihre Schlafzimmer nach hinten verlegt“, sagt Ingo Müller: Doch wo sei hinten, wenn sich der Schall an den dicht stehenden Häusern des Dorfes immer wieder breche? Schon im Zuge des Planfeststellungsverfahrens 2006 hatte seine Mutter Waltraud Müller wie andere Frauendorfer auch wegen der befürchteten Lärmbeeinträchtigung Widerspruch angemeldet. Der verpuffte ebenso wie ein Schreiben des Sohns 2015 an die Deges, in dem Ingo Müller „schnellstmöglich um Abstellung der Mängel aufgrund der enormen Gesundheitsgefährdung“ bat: „Darauf wurde gar nicht eingegangen.“

Freistaat beruft sich auf Planungsverfahren

„Dem Wunsch der Einwohner von Frauendorf kann leider nicht entsprochen werden. Der Bund als Baulastträger der A 72 finanziert keine Schallschutzmaßnahmen, die über den im Planfeststellungsbeschluss festgesetzten Umfang des Lärmschutzes hinausgehen“, erklärt Kathleen Brühl, Pressereferentin im Wirtschaftsministerium, auf Nachfrage. Eine Verlängerung der bestehenden Lärmschutzwand sei ohne Rechts- und Finanzierungsgrundlage nicht möglich. Die Stadt Frohburg habe im vergangenen Jahr in Umsetzung der EU-Umgebungslärmrichtlinie eine Lärmkartierung des Abschnitts der A 72 vorgenommen. „Die Ermittlung der bestehenden Lärmsituation erfolgte nach dem vom Bundesgesetzgeber vorgeschriebenen Berechnungsverfahren. Lärmmessungen wurden nicht durchgeführt, da deren Ergebnisse zur Beurteilung der an einer Straße bestehenden Lärmsituation nicht geeignet sind und auch nicht zum Vergleich mit Grenz- oder Richtwerten herangezogen werden können“, so Brühl.

Lärmkarte weist Grenzwerte aus

Sie verweist auf die Ergebnisse der Lärmkartierung 2017, die als interaktive Karte auf der Homepage des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie unter http://www.umwelt.sachsen.de/umwelt/25996.htm einsehbar sind. Danach liege die Lärmbelastung im Bereich der Ortschaft Frauendorf „deutlich unter den für Wohngebiete geltenden gesetzlichen Grenzwerten von 59 dB (A) tags und 49 dB (A) nachts“. Fazit: Der Baulastträger der A 72 habe seine Verpflichtung zu den gesetzlich erforderlichen Schallschutzmaßnahmen erfüllt. Der Bund sei nicht mehr in der Verantwortung. „Die Stadt Frohburg muss nunmehr entscheiden, ob sie in Umsetzung der EU-Umgebungslärmrichtlinie einen Lärmaktionsplan aufstellt und darin kurz-, mittel- oder langfristige Lärmminderungsmaßnahmen für die Ortschaft Frauendorf vorsieht.“

Der Ausschnitt aus der Lärmkartierung zeigt, dass die Häuser von Frauendorf in einem Abschnitt liegen, in dem die Lärmbelastung im gelben Bereich liegt. Quelle: Umweltportal Sachsen

Bürgermeister macht Anwohnern wenig Hoffnung

Wenig überrascht von dieser Antwort zeigte sich der Frohburger Bürgermeister Wolfgang Hiensch. „Da die berechneten Werte deutlich unter den Grenzwerten liegen und Lärmaktionsplanung mit kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen mit Aufwand und Kosten für die Stadt Frohburg verbunden sind, kann ich den Anwohnern kaum Hoffnung machen, dass die Stadt hier aktiv werden kann.“ Der Gesetzgeber gebe die Grenzwerte und Berechnungsmethoden, auch für Autobahnen und Wohngebiete, vor. Auch wenn es für unmittelbar betroffene Anlieger ein anderes Empfinden gebe: „Wie soll die Stadt zusätzliche Lärmschutzmaßnahmen auf ihre Kosten dann ausreichend begründen können? Sollte die EU-Umgebungslärmschutzrichtlinie etwas anderes fordern, würde mich dies wundern und wiederum nicht nur bei mir Unverständnis und Kopfschütteln verursachen.“

Weiterer Protest angekündigt

Auf die von Dresden praktizierte Weise lasse man sich nicht abspeisen, sagen Ingo Müller und Bernd Werrmann: „Der Lärm hat schon jetzt unerträglich zugenommen, so dass man den Schutz verbessern muss.“ Dass der Planfeststellungsbeschluss nicht das letzte Wort sein müsse, zeige das nach Überschwemmungen im Ort nachträglich errichtete Wasserrückhaltebecken.

Es liege den Frauendorfern fern, auf Konfrontation zu gehen. Doch so lasse man nicht mit sich verfahren. Man setze einen offiziellen Brief an das sächsische Wirtschaftsministerium auf und schildere noch einmal die prekäre Situation. Die Bürger, sagt Müller, spürten eine gewisse Ohnmacht. Niemand erkläre sich zuständig, sei bereit, ihnen zur Seite zu stehen: „Das darf so nicht bleiben. Dafür wollen wir uns einsetzen.“

Von Ekkehard Schulreich

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