Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Geithain Weihnachtsgeschenke nach Siebenbürgen bringen
Region Geithain Weihnachtsgeschenke nach Siebenbürgen bringen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:02 28.11.2018
Martina Kipping managt derzeit wieder die Vorbereitung zum Transport für viele Geschenke-Kisten. Die Greifenhainerin engagiert sich seit mehr als 20 Jahren für die Rumänienhilfe. Quelle: Claudia Carell
Frohburg/Greifenhain

Alles begann mit den Gaben zum Erntedankfest. Zu DDR-Zeiten freuten sich über Obst, Gemüse, Nudeln, Mehl und Zucker die Bewohner der Altenheime. „Aber nach der Wende durften sie das nicht mehr annehmen“, sagt Martina Kipping, seit 1985 Kirchgemeindepädagogin in der Frohburger Region. Was also tun mit den Nahrungsmitteln?

Anfang der 90er-Jahre siedelte ein deutscher Pfarrer nach Siebenbürgen. Einige Leute, darunter Martina Kippings Mann Rüdiger, schnappten sich die Erntedank-Gaben und fuhren damit zu dem befreundeten Gottesmann nach Rumänien.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten organisiert Martina Kipping aus Greifenhain mit anderen Akteuren Hilfe für Rumänien – mit Weihnachtspaketen, Kleidung und Arbeitseinsätzen. Hier einige Fotos aus Siebenbürgen.

Die deutsche Hilfe kam gerade recht, denn im Pfarrhaus nahe der Karpaten war man damals dabei, eine Suppenküche aufzubauen. Nach dieser Begegnung beschlossen die Greifenhainer, mehr zu organisieren. Andere Kirchgemeinden machten mit.

Das erste große Projekt war das Lukas-Spital in Laslea. Das Altenheim bekam damals keine staatliche Unterstützung. Gebrauchte Kleidung aus Deutschland wurde in einem Second-Hand-Shop vor Ort verkauft. Mit diesem Geld konnte das Personal des Heims bezahlt werden. Heute gehört das Haus zur Diakonie und gilt als Vorzeige-Objekt in Rumänien.

Erst 50 Päckchen, heute sind es 2000

Nach und nach bekam die Interessengemeinschaft Rumänienhilfe immer mehr Zulauf. Nicht nur im Leipziger Land. In ganz Sachsen und sogar Thüringen ist die Aktion inzwischen vernetzt. Die Zentrale ist nach wie vor bei Familie Kipping in Greifenhain. Obwohl viele Akteure aus der evangelischen Kirche kommen, sei die Initiative konfessionsfrei.

Die Sachen für den Second-Hand-Shop wurden stets gemeinsam mit den Weihnachtspäckchen transportiert. Unter dem Motto „Weihnachtsfreude bringen“ werden alle Jahre wieder an vielen Orten Päckchen gepackt. Waren es zu Beginn 50 bunte Geschenke-Kisten, so kamen 2017 rund 2000 Pakete zusammen, berichtet die Gemeindepädagogin. Ihre Aktion werde oft mit der bundesweiten Initiative Weihnachten im Schuhkarton“ verwechselt, habe damit aber nichts zu tun.

Was fürs Weihnachtspäckchen empfohlen wird

„Es sollte ein Päckchen für die ganze Familie sein“, sagt Martina Kipping. Etwas zum Spielen, etwas für die Schule, aber auch haltbare Nahrungsmittel, mit denen die gesamte Familie etwas anfangen kann, seien willkommen. Empfohlen werden auch Hygiene-Artikel.

Ein Vorschlag für ein Paket:

Nahrungsmittel wie Zucker, Mehl, Kakao, Tee oder Kaffee, – kleines Spielzeug oder Plüschtier, Malbuch und Stifte, – Schal, Mütze, Handschuhe, – Süßigkeiten, – Hygieneartikel, zum Beispiel Zahnbürste, Zahnpasta, Kamm, Haarwäsche.

Je nach Spielzeug und Größe von Mütze und Handschuhen sollte auf dem Päckchen stehen, ob es für Junge oder Mädchen gedacht ist und für welche Altersgruppe.

Derzeit ist Endspurt beim Packen der Pakete. Am 4. Dezember werden die Geschenke abgeholt. Bis dahin können sie bei Familie Kipping in Greifenhain, Frauendorfer Straße 6, abgegeben werden; Telefon 034348/5 25 60.

Die Initiative selbst ist für finanzielle Hilfen dankbar, denn sie muss die Kosten für den Transport tragen.

Die 60-Jährige war viele Male in Siebenbürgen und kennt die Partner vor Ort. Deshalb betont sie: „Die Hilfe kommt mit hundertprozentiger Sicherheit an.“ Bedürftige Familien, Schulen, Kindergärten und soziale Einrichtungen erhalten die Spenden.

Und haben es ihrer Meinung nach auch heute noch bitter nötig. In vielen Wohnhäusern gebe es kein fließend Wasser. In den Siedlungen der Sinti und Roma seien Gewalt und Alkohol Riesenprobleme.

Beim Kinderfest in der Kirche in Siebenbürgen. Quelle: privat

In vielen Dörfern würden die Kinder nur vier Jahre zur Schule gehen – weil sie danach nicht in die Schule der nächstgrößeren Stadt kommen. Jugendliche bekommen oft keine Ausbildung und fangen als Hilfsarbeiter an.

Dinge wie Speise-Öl und Schuhe würden ähnlich teuer sein wie in Deutschland. Dabei verdienen Rumänen einen Bruchteil des Gehalts – wenn sie überhaupt einen Job haben. Viele arbeiten als Erntehelfer in Spanien sowie Deutschland und lassen ihre Kinder bei Großeltern und Nachbarn.

Jede Menge Probleme, aber auch Hoffnung

„Es ist dort eine vollkommen andere Welt und eine andere Mentalität“, sagt Martina Kipping. Es gebe eine Menge Probleme, aber eben auch Hoffnung. Die Sozialarbeiter vor Ort würden sich vor allem um Kinder kümmern. So bekommen die Jüngsten als neue Generation eine Chance.

Einzelne Jugendliche aus Problem-Siedlungen gewinnen heute bei der Mathe-Olympiade und können studieren. „Das war vor 20 Jahren noch nicht vorstellbar, und wir freuen uns über jeden jungen Menschen, der es schafft“, sagt sie.

Initiative bereichert ihr Leben

Diese Initiative habe ihr Leben „verändert und bereichert“. Längst bringen sie und ihre Mitstreiter nicht nur Kleidung und Weihnachtspakete nach Siebenbürgen. Jedes Jahr im Herbst organisieren die Greifenhainer eine Rüstzeit in Rumänien, bauen Pfarrhäuser mit auf, laden zum Kinderfest ein. „Es reicht, wenn wir dort einem Jungen an der Bushaltestelle zurufen, dass morgen unser Fest ist – da kommt das ganze Dorf“, erzählt sie.

Dabei habe sie gelernt, wie wenig man zum Leben braucht und wie sehr sich Menschen über kleine Dinge freuen können. Wer immer im Wohlstand lebt, würde dies mitunter gar nicht mehr schätzen können. Sie als Christin wolle mit ihrem Engagement dazu beitragen, dass die Bewohner von Siebenbürgen merken, „dass sie nicht vergessen werden, auch dass sie in ihrem Land bleiben und dort etwas verändern können“.

Stichwort Siebenbürgen

Siebenbürgen – auch Transsilvanien, Transsylvanien genannt – ist ein historisches und geografisches Gebiet im südlichen Karpatenraum mit einer wechselvollen Geschichte. Heute liegt Siebenbürgen im Zentrum Rumäniens.

Die Siebenbürger Sachsen sind eine deutschsprachige Minderheit in Rumänien, die das sogenannte Siebenbürgisch-Sächsisch sprechen. Seit dem 12. Jahrhundert sind sie dort ansässig.

Doch ihre Zahl schrumpft. Während 1930 etwa 300.000 Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen lebten, waren es im Jahr 2007 nur noch knapp 15.000, so das Online-Lexikon Wikipedia. Die große Mehrheit wanderte seit den 1970er-Jahren und in einem großen Schub ab 1990 vor allem in die Bundesrepublik Deutschland aus, aber auch nach Österreich, Kanada und in die USA.

Von Claudia Carell

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

In der Innenstadt von Bad Lausick hat am Mittwoch die neue Ticketgalerie eröffnet. Die Einwohner können hier künftig Karten für Konzerte, Kabarett und Theater kaufen.

28.11.2018

Drei 40 Meter lange und 90 Tonnen schwere Brückenteile gehen von der Thierbacher Niederlassung aus auf die Reise zu einer Baustelle nahe Mücheln. Der Transport ruft einige Komplikationen hervor.

29.11.2018

Zwei ältere Frauen sind im Landkreis Leipzig auf Betrugsmaschen hereingefallen. Eine Rentnerin ging den Trickbetrügern nicht auf den Leim.

28.11.2018