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Früherer Bürgermeister Rudolf Michaelis kommt immer wieder gern nach Prießnitz

Frohburg Früherer Bürgermeister Rudolf Michaelis kommt immer wieder gern nach Prießnitz

Prießnitz hat Rudolf Michaelis geprägt – und er hat das Dorf geprägt in jenen Nachkriegsjahren, in denen er dort Bürgermeister war. Längst in Leipzig lebend und allmählich Kurs nehmend auf die 100, ist ihm wichtig zu wissen, was sich in Prießnitz tut. Dem neuen Verein Bauernrathaus drückt er fest die Daumen.

Das Bauernrathaus in Prießnitz. Rudolf Michaelis, der ehemalige Prießnitzer Bürgermeister, freut sich über die Aktivitäten des neu gegründeten Vereins.

Quelle: Andreas Döring

Frohburg/Prießnitz. Mit knapp 30 wurde er Bürgermeister, jetzt fehlen ihm nur noch zwei Jahre bis zur 100: Dass Rudolf Michaelis unmittelbar vor seinem 98. Geburtstags wieder mal von Leipzig aus einen Abstecher in „sein Dorf“ macht, hat mit dem Bauernrathaus zu tun. Am Tag des offenen Denkmals gab der neu gegründete Verein, der das Gebäude pachten, Schritt für Schritt sanieren und dem Dorf wieder öffnen will, Einblick in sein Konzept.

Michaelis, begleitet durch seinen Sohn Holm und seine Nichte Inge Steitmann, trifft in Prießnitz alte Bekannte und fühlt sich sehr wohl unter dem Blätterdach der hohen Bäume, die das Bauernrathaus umstehen. „Das war nicht nur ein Denkmal, sondern ein Ort, wo die Themen der Bürger behandelt wurden“, sagt der agile Senior. Er muss es wissen, schließlich stand er der Gemeinde in jenen Nachkriegsjahren vor, in denen sich gravierende Veränderungen nicht nur in der Landwirtschaft, sondern in der gesamten Gesellschaft vollzogen.

„Da sind heute andere Fenster drin als die, die wir damals eingebaut haben“, sagt Michaelis und weist auf die Fachwerk-Fassade. Der gebürtige Prießnitzer – seine Eltern betrieben hier eine Sattlerei und Polsterei – fand nach den Erfahrungen des Krieges und nach der Kriegsgefangenschaft den Weg in die Politik. Die Gesellschaft neu aufbauen und demokratisieren, das sei der Anspruch vieler gewesen und auch der seine, erinnert er sich. Er gehörte zu jenen, die im Dorf die LDP aufbauten, die Liberaldemokratische Partei, die später LDPD hieß. Mitstreiter waren in den ersten Jahren an die 40 Prießnitzer, vor allem Bauern; sie gründeten die erste Genossenschaft im Kreis Geithain, die LPG „Pionier“ – nicht in vorauseilendem Gehorsam, sondern im Widerstreit mit der SED-Kreisleitung, so Michaelis: Die Leistungsstarken wollten sich selbstbewusst zusammenschließen, um dem Diktat von oben zuvorzukommen; dass die Neubauern in diese LPG nicht mit hinein sollten, missfiel den Genossen.

Turbulente Zeiten seien es gewesen, sagt Michaelis, spannte den Bogen von der Bodenreform unmittelbar nach dem Krieg über das Abgabensoll bis zum sogenannten Sozialistischen Frühling auf dem Land – Industriearbeiter, die als Propagandisten über Land geschickt wurden, inklusive. „Streit gab es genug.“ Dem er, man glaubt es ihm heute noch gern, nicht aus dem Weg ging, lieber Wege suchte mit einer gewissen Schlitzohrigkeit. Er habe es mit Wilhelm Külz gehalten, dem in Borna geborenen Urgestein der DDR-Liberalen: Es sei nicht darum gegangen, die Menschen zu verstaatlichen, sondern den Staat menschlich zu machen. „Was anstand, musste doch mit den Leuten beraten werden.“ Wenn man sich einreihte vor dem Bäcker ebenso wie im 1712 eröffneten Rathaus. Diskutiert wird dort und in den Räumen der Gemeindeverwaltung, auch im Oberen Gasthof gleich um die Ecke. Dort – ergänzt Sohn Holm augenzwinkernd – „wurden die grundsätzlichen Entscheidungen getroffen“.

In Michaelis‘ Ägide fiel der Bau der Neubauernsiedlung, ein Stück vom Kern-Dorf entfernt, fielen die Gründung von VdGB und BHG, Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe und Bäuerliche Handelsgenossenschaft. Das Schloss sollte wegkommen, konnte aber bewahrt werden. Das Bauernrathaus war nicht nur Ort von Versammlungen und Kultur; die Mütterberatung nutzte es, der Arzt für seine Sprechstunden. Michaelis‘ Frau arbeitete als Buchhalterin in der Genossenschaft, scharte die Frauen des DFD um sich in der Ortsgruppe des Demokratischen Frauenbunds. Es wurde gefeiert – und es wurde gelebt: „Alles in allem waren es schwere, vor allem aber schöne Jahre.“

1960 ein kurzes Zwischenspiel als Vize-Landrat des Kreises Leipzig. Dann holte ihn Kurt Kresse, der Leipziger Oberbürgermeister, an seine Seite als stellvertretender OBM: „Der hat sich einen gewünscht, der was von Landwirtschaft versteht.“ Kein Wunder, waren die Stadt und das Umland noch eng verzahnt. Später war Rudolf Michaelis hauptamtlicher Mitarbeiter der LDPD, darunter bis zur Rente Vorsitzender des Kreisverbandes Leipzig-Stadt. 1982 setzte er sich zur Ruhe – und seither gab es erneut zahlreiche Umbrüche und Umwälzungen.

Wenn er auch nicht mehr unmittelbar eingebunden und in Verantwortung ist, nimmt er teil an diesen Veränderungen, setzt sich zu ihnen in Bezug. In Leipzig verbringt er seinen Lebensabend „fröhlich und gut unterstützt durch meine Kinder“. Zu den besonderen Freuden gehört es, wenn der Sohn ihn ins Auto setzt und es hinaus geht nach Prießnitz, das Dorf, dem er sich immer sehr eng verbunden fühlt. Die Aktivitäten des Vereins Bauernrathaus treffen seinen Nerv: „Ich freue mich sehr, dass sich junge Leute jetzt so um dieses Haus bemühen.“

Von Ekkehard Schulreich

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