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Fünf Jahre im Lager: Frohburger trägt bis heute an dieser Last

Fünf Jahre im Lager: Frohburger trägt bis heute an dieser Last

16 Jahre alt war Dieter Rauschenbach, als sein Leben eine unerwartete Wende nahm, eine dramatische: Der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs gerade entkommen, dabei, am Aufbau eines sich allmählich normalisierenden Alltags mitzuwirken, verschwand der Heranwachsende für ein halbes Jahrzehnt in Speziallagern der neuen sowjetischen Machthaber.

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Der 86-jährige Dieter Rauschenbach wird in die Erinnerung an seine Lagerzeit nicht los.

Quelle: Jens Paul Taubert

Frohburg. Diese Jahre in Mühlberg an der Elbe und in Buchenwald nahe Weimar führten vor wenigen Tagen zu einer Einladung nach Potsdam: Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) nahm den 70. Jahrestag des Kriegsendes zum Anlass, um den in diesen Lagern zu Unrecht Internierten für die später "erbrachten Lebensleistungen Hochachtung zu zollen". Eine Geste, die dem 86-Jährigen gut tat.

"Brandenburg ist nicht das erste Land, das die Leute aus den Lagern einlud. Sachsen unter Ministerpräsident Milbradt war vor Jahren der erste, dann zog Thüringen nach", sagt Dieter Reichenbach. Er war bei allen diesen Treffen dabei. Nicht nur in den DDR-Jahren sei das Thema der sowjetischen Speziallager ein verschwiegenes gewesen. "Auch nach der Wende wollte niemand wirklich wissen, was da geschehen war. Die Parteien hatten kein Interesse daran, und viele aus der Bevölkerung dachten: Wenn der dort war, da wird das schon einen Grund gehabt haben." Während jene, die von sowjetischen Militärtribunalen verurteilt worden seien, rehabilitiert würden, gehe das im Falle der Lager-Häftlinge nicht, sagt Rauschenbach: "Wo kein Urteil gefällt wurde, kann es auch nicht aufgehoben werden."

Von ihrer Verantwortlichkeit her "zweitrangige Leute" seien die in diesen Lagern Inhaftierten gewesen, blickt Dieter Rauschenbach zurück: "Ich selbst war im Jungvolk, war Jungzugführer, der mit der grünen Schnur." Werwolf zu sein, das wurde ihm und anderen seines Alters zur Last gelegt. Mit ihm im Lager: Blockleiter, Ortsgruppenleiter, Sicherheitsbeauftragte aus Betrieben, Lehrer, pensionierte Offiziere, Denunzianten.

Die Frage nach einer persönlichen Schuld, er habe sie sich selbst oft gestellt: Auch er sei nicht frei, sei Teil des verbrecherischen Systems gewesen. Allerdings nicht fraglos. Als Neunjähriger habe er in seinem Heimatort Netzschkau erlebt, dass die SA die Kneipe eines jüdischen Paares in der Nachbarschaft demolierte: "Ich war so erzogen, niemandem Böses zu tun. Ich stand wie erstarrt."

Ein Werwolf, ein fanatischer Hitlerjunge, der gemäß eines von Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels am 1. April 1945 via Rundfunk verbreiteten Aufrufs ohne jede Rücksichtnahme aus dem Hinterhalt für den längst obsolet gewordenen Endsieg kämpfte, das, sagt Reichenbach, sei er nicht gewesen. Ebenso wenig die Mitschüler, die gleich ihm am 30. September 1945 verhaftet wurden. Was sie einte: die Einberufung zu einem Wehrertüchtigungslager im März 1945. Aus dem floh Reichenbach. Mit der Angst vor den Kettenhunden, der Feldpolizei, im Nacken, wendete er sich - statt zu Schörners Truppe im Erzgebirge zu stoßen - der Heimatstadt zu.

Als die Amerikaner eintrafen, war er zu Hause. Als die Russen im Juni folgten, diente er als Bote auf dem Rathaus, verteilte Lebensmittelkarten, wies Flüchtlinge ein. "Mit den Russen kam so etwas wie ein Neubeginn. Man hatte den Eindruck, das Leben kommt in Gang, es geht aufwärts." Diese Zuversicht währte nur kurz. Im Mühlberger Lager war er über Jahre völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Bis zu 12 000 Männer jeden Alters waren in dem vorherigen Kriegsgefangenlager eingesperrt, unter ihnen auch der Bad Lausicker Gottfried Becker. Der, sagt Rauschenbach, habe das Glück gehabt, 1948 mit der Auflösung des Lagers entlassen zu werden. Er selbst musste nach Buchenwald, die Werwolf-Bezichtigung habe schwerer gewogen als das Mittun in Hitlerjugend- oder NSDAP-Ebenen.

1950 die Entlassung. 21 war er, hatte keinen Beruf, kein Abitur. Wurde Färber, delegiert zur Textilfachschule. Arbeitete im Beruf. Lernte Erwin Fischer, den Leiter der Frohburger Textildruckerei kennen, wechselte an die Wyhra, wurde binnen Wochen Technischer Leiter. Übernahm zu Beginn der sechziger Jahre den Frohburger Betrieb. Wurde Haupttechnologe für Veredlung im gesamten Kombinat. Reiste, um Exporte vorzubereiten, ins westliche Ausland: Zypern, Irak, Libanon, Nordafrika. Ab 1987 erneut Werkleiter, war er derjenige, der 1992 im Betrieb "das Licht ausmachte".

Die Lager-Erfahrung hat Dieter Rauschenbach, zwei Töchter, inzwischen Witwer, sein ganzes Leben begleitet. Das Erinnern an die sowjetischen Speziallager werde in Mühlberg auf eine Weise praktiziert, die der historischen Wahrheit nahe komme, sagt er. Zu jenen, die sich hier in einer Initiativgruppe engagierten, gehörte maßgeblich Gottfried Becker "Hier wurde nach der Wende von Pfarrer Taatz von Anfang an gesagt: Es muss eine Verbindung gelingen zwischen den Leiden der Kriegsgefangenen, die vor uns ihm Lager waren, und den später von den neuen Machthabern Internierten. Denn der Krieg, den Hitler begonnen hatte, war ja die Ursache alles Folgenden."

Unter dem Titel "Verschollen in der Heimat - Bornaer Bürger in den Lagern des NKWD" gab das Museum der Stadt Borna 1999 eine schmale Publikation heraus, die den Lebens- und Leidensweg einiger Betroffener nachzeichnet, unter anderem von Gottfried Becker

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.08.2015
Ekkehard Schulreich

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