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Gedenkveranstaltung für den Geithainer Eberhard von Cancrin

Gedenkveranstaltung für den Geithainer Eberhard von Cancrin

Geithain. Des Geithainers Eberhard von Cancrin und allen Opfern stalinistischer Gewaltherrschaft gedachten am Donnerstag rund 25 Bürger auf Einladung von Bürgermeisterin Romy Bauer (CDU) an der Gedenktafel für von Cancrin in der Bahnhofstraße.

. Seit 1996 erinnert sie an seinem ehemaligen Wohnhaus an den Arbeiter, der im Zusammenhang mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953 ums Leben kam. Eine Gedenkveranstaltung wie gestern, fand erstmals in Geithain statt.

"Ich hatte immer nur Angst", erinnerte sich Gabriele Martin, geborene von Cancrin, im Gespräch mit unserer Zeitung an jenen Juni 1953, als ihr Vater nicht von der Arbeit heim kam. Sie war damals elf. „Mein Vati, mein Vati – wo ist mein Vati?", habe ihre dreijährige Schwester Christine immer gerufen.  „Ich konnte den Kindern so wenig Trost geben", liegt Ruth von Cancrin noch immer schwer auf der Seele. Das sei eine schlimme Zeit gewesen, weil sie nichts über das Schicksal ihres Mannes erfuhr. Er war ein fröhlicher Mensch, der gern im Garten arbeitete. „Er war ein guter Vater, es lebte sich gut mit ihm zusammen. Deshalb war der Schmerz so schrecklich groß, über Nacht allein zu sein", so die 93-Jährige.

Am Morgen des 18. Juni 1953 fuhr der Geithainer mit dem Zug zu seiner Schicht im Kohlebunker der Brikettfabrik Espenhain. Am Abend kam er nicht zurück, und erst am 8. August erhielt Ruth von Cancrin die Mitteilung, ihr Mann sei am 18. Juni verstorben, die Urne mit seiner Asche könne abgeholt werden. „Ich vermute, mein Mann hat zu viel gesagt, er war impulsiv", erklärte Ruth von Cancrin gestern.

Im Bezirk Leipzig habe es am 17. Juni in allen 13 Kreisen Streiks und Demonstrationen beziehungsweise größere Unruhen gegeben, erinnerte die Bürgermeisterin. Allein 28 Großbetriebe mit über 120 000 Beschäftigten sollen sich zum überwiegenden Teil an der Streikbewegung beteiligt haben – vor allem in Leipzig und im nahe gelegenen Espenhain/Böhlen. „Zum 57. Jahrestag stehen die größtenteils unbekannten Biografien der Toten des Volksaufstandes und die Umstände, unter denen sie ums Leben kamen, im Vordergrund", betonte Bauer. Die Darstellung ihres persönlichen Schicksals sei ein Versuch, sie vor dem Vergessen zu bewahren und ihnen und ihren Angehörigen und Freunden auf diese Weise eine späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Paul Beyer gehörte zum Freundeskreis der von Cancrins, sechs Paare hatten sich zu einem privaten Doppelkopf-Club zusammengetan. „Wir haben seine Frau so weit wir konnten unterstützt", erinnerte sich der 92-jährige an die Zeit nach dem Verschwinden des Freundes. Offiziell gab es eine Mauer des Schweigens. „Mehr als 40 Jahre war in Geithain kein offizielles Wort darüber zu erfahren", erinnerte gestern Gottfried Senf, der Vorsitzende des Geithainer Heimatvereins. Das habe sich nach der Wende fortgesetzt, denn auch zum 50. Jahrestag des Aufstandes im Jahre 2003 habe es keine einzige offizielle Stellungnahme gegeben. Senf arbeitete die Ereignisse um den Tod von Cancrins akribisch auf, 2004 veröffentlichte unsere Zeitung das Ergebnis seiner Recherchen in einer Artikelfolge. Im selben Jahr erschienen sie dann auch in Senfs Publikation „Geithain-Journal" sowie im Buch „Die Toten des Volksaufstandes", das Zeithistoriker und die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur herausgaben.

Vieles ist im Zusammenhang mit dem Tod des Geithainers nach wie vor ungeklärt. Die Gedenkveranstaltung sei für sie „die Bestätigung, dass alles nicht umsonst war", sagte Ruth von Cancrin. „Das hätte nach der Wende eher erfolgen sollen", erklärte ihre Tochter.

Inge Engelhardt

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