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Geithain Geithain: Diskussionsrunde zur Landwirtschaft
Region Geithain Geithain: Diskussionsrunde zur Landwirtschaft
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17:45 19.05.2015
Pfarrer Johannes Möller (l.) sing ein Lied von Reinhard Mey bevor es um das Thema Landwirtschaft geht. Quelle: Jens Paul Taubert

Eine immer weiter vorangetriebene Intensivierung könne nicht der Weg in die Zukunft sein, so seine Botschaft. Die folgende Diskussion war aufgrund der fortgeschrittenen Zeit knapp, aber leidenschaftlich.

Wem sie ihr Land künftig verpachtet, darüber muss die Kirchgemeinde Geithain bald entscheiden. Bestehende Verträge wurden zunächst nicht verlängert, um nach Kriterien für eine Verpachtung zu suchen. Zufällig über seinen Bruder habe er Peter Kulle kennengelernt, erzählte Pfarrer Markus Helbig, und eigentlich sollte der Experte nur Gast einer Kirchenvorstandssitzung sein. Doch das Kirchspiel entschloss sich, alle Interessenten mit einzuladen - die Resonanz war so groß, dass die Veranstaltung vom Luthersaal ins Geithainer Bürgerhaus verlegt wurde. 84 Teilnehmer hatten sich in die Anwesenheitsliste eingetragen, noch mehr mögen es insgesamt gewesen sein. Alle waren drei Stunden bei der Sache.

Der promovierte Mikrobiologe Peter Kulle schlug einen ausgesprochen sachlichen und ruhigen Ton an. Er betonte, noch nie in einer Partei gewesen zu sein und niemanden angreifen zu wollen. Zum Nachdenken anzuregen, war sein Ziel, und das gelang ihm nachhaltig. "Das Schwinden von Lebensformen in der Landschaft ist ein Fingerzeig, dass insgesamt etwas degeneriert und auch wir betroffen sind." Die Frage sei, ob die Menschen das sehen wollten, erklärte er. Die Politik sei gefordert umzudenken, um wieder eine Kreislauf-Produktion hinzukriegen. Bei der Kreislaufwirtschaft kommt das Futter aus der Region und die Zahl der an einem Standort gehaltenen Tiere ist begrenzt, so dass nur so viel Jauche anfällt, wie auch ausgebracht werden kann. Er habe große Bedenken, ob die konventionelle Landwirtschaft so weitermachen könne. Kulle: "Hier kommen Dinge auf uns zu, die ahnen wir noch nicht." Jede Form von Abhängigkeit könne sich böse rächen. Der ländliche Raum drohe auszusterben. Der Gast sprach sich gegen Gentechnik aus, man habe sie nicht unter Kontrolle.

"Das ökonomische Interesse besteht nicht nur bei uns Landwirten, sondern auch bei den Landbesitzern und den Endkunden", erklärte Steffen Wittki von der Geithainer Landwirtschaftsgesellschaft. Insofern müsse man den Appell an alle richten, entsprechend zu handeln. "Es ist nicht so, dass wir alle Raub-Bauern sind, wir sind uns der Bedeutung des Bodens hundertprozentig bewusst", betonte Wittki.

"Die paar Privatbetriebe, die werden aufgefressen", sagte Andreas Dennhardt, er betreibe den einzigen Landwirtschftsbetrieb in Tautenhain. "Wunderbar, was sie erzählen, aber so wird es nie wieder werden, weil es vom Geld und der Politik kaputt gemacht wird", erwiderte er dem Referenten. Händeringend suche sein Betrieb nach Land. Dennhardt: "Hier kriegt man jeden Tag nur Knüppel zwischen die Beine. Ich habe den Glauben an alles verloren."

Das Thema Landwirtschaft enthalte viel Sprengstoff, erklärte Ulrich Wiesehügel aus Elbisbach und fragte, ob Biogasanlagen nicht im Sinne eines Kreislaufs seien. Wenn aus Bioabfällen und nicht aus hochwertigem Getreide Biogas gemacht werde, sei das absolut in Ordnung, antwortete Peter Kulle. "Wir brauchen dezentrale kleine überschaubare Einheiten in allen Bereichen - auch in der Energieversorgung." Beifall gab es für den Referenten, als er auf Nachfrage des Narsdorfers Waldemar Vollhardt betonte, eine pfluglose Bodenbearbeitung sei zu begrüßen, aber nicht, wenn damit der Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels Roundup verbunden sei.

Das ebenfalls nachgefragte Thema Klärschlamm - "ein ganz heißes Thema", so Kulle - sieht er differenziert. Problemstoffe seien heutzutage vor allem Cocktails aus Medikamenten, darunter Antibiotika, und endokrine Stoffe, die hormonell wirkten. Komme der Klärschlamm aus der Region, könne man in einem Zwischenschritt Kompost daraus machen - am besten über ein bis zwei Jahre - und ihn dann nach Pflanzenverträglichkeitstests problemlos einsetzen. Anders sei es, Klärschlamm irgendwoher zu holen: "Das ist ein sehr dunkles Milieu, da geht es um Abfallentsorgung."

Hier hakte Christian Hagmaier, der Vorsitzende der Buchheimer Initiative für Natur und Landschaftsschutz, ein und schilderte kurz die Geschichte der Kompostieranlage bei Buchheim. Rund 50000 Tonnen mit Klärschlamm vermischter Kompost aus ganz Europa würden noch an fünf Standorten im Landkreis liegen, erklärte er. "Wer verpachten will, für den wäre ein Kriterium: Auf mein Land kommt kein Klärschlamm", erklärte Hagmaier unter Beifall und verwies auf einen entsprechenden Ratsbeschluss der Stadt Bad Lausick für ihre Flächen.

Applaus bekam auch Kay Bohne, für seine Frage: "Welcher Großbetrieb würde ohne Fördermittel nicht pleitegehen?" Die Förderung der EU würde pro Hektar ausgegeben, große Betriebe könnten die höchsten Pachtpreise bezahlen, so der Landwirt, der in Stollsdorf einen Biobetrieb führt. Besser wäre es, entsprechend der Zahl der Arbeitskräfte zu fördern, erklärte er. Dem stimmte Peter Kulle nachdrücklich zu. Fördermittel sollten auch so vergeben werden, dass eine gesunde Fruchtfolge angewandt wird, Boden und Wasser geschützt würden. Sigrid Köhler hat einen Milchviehbetrieb in Winkeln bei Seelitz. Auch ihr reiche es manchmal, aber sie mache weiter - für ihre Kinder und Enkel. "Jeder, der verpachtet, sollte sich überlegen, ob ein hoher Pachtpreis eine Schädigung des Bodens rechtfertigt und sollte seine Verantwortung wahrnehmen", forderte sie. Kulle hatte formuliert: "Es bleibt nur der Weg, die Bodenstruktur der Humusschicht zu erhalten, diese dünne Haut unserer Erde, von der letztendlich das Leben abhängt."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 02.03.2013

INGE ENGELHARDT

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