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Geithainer Henkerslinde ist einen Kopf kürzer

Baumriese Geithainer Henkerslinde ist einen Kopf kürzer

Henkerslinde heißt der mächtige Baum in Geithain seit Generationen. Einen Richtplatz indes markiert er nachweislich nicht. Dennoch hat der Baum am Stadtrand vor allem für die Älteren eine Bedeutung. Der Bauhof verzichtete deshalb auf das Fällen, aber er musste alte Äste entfernen.

Diese Fotografie, vermutlich Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden, zeigt die Linde in ihrer vollen Pracht.
 

Quelle: Archiv Klaus Ibrügger/Heimatverein

Geithain.  Ihren Kopf verloren hat die sogenannte Henkerslinde, die seit 200, 300 oder gar 400 Jahren am Geithainer Stadtrand steht: Mitarbeiter des Bauhofes kappten vor wenigen Tagen die Äste der Krone, ließen den mächtigen, ausgehöhlten Stamm aber stehen. Dass der bemerkenswerte Baum noch einmal die Kraft haben werde, um auszutreiben, das bezweifelt Bernd Richter, der Vorsitzende des Heimatvereins, nach dieser Beschneidung. „Darauf werden wir wohl vergeblich warten müssen“, sagte er bei einem Ortstermin. Der Verlust des Baumes sei zu bedauern; Generationen von Geithainern seien mit der Henkerslinde und der über sie erzählten Geschichte aufgewachsen. Bedauert hätten viele auch die Fällung der großen Kastanie, die – wenn auch weniger prominent, so doch stadtbildprägend – an der Stadtmauer-Pforte stand.

„Wir hoffen sehr, dass die Linde noch einmal austreibt“, sagt Kerstin Jesierski von der Bauverwaltung im Geithainer Rathaus. Ursprünglich sei eine Fällung des Baumes beabsichtigt gewesen, doch dann sei man davon abgerückt. „Die Standsicherheit war nicht mehr gegeben. Wir mussten handeln und möglichst das Beste draus machen“, sagt sie. Man sei sich durchaus bewusst, dass der Baum vor allem älteren Geithainern viel bedeute, doch habe sich dessen Zustand in den vergangenen Jahren enorm verschlechtert. Schon vor einem Jahrzehnt sei die Linde deshalb von der Liste der Naturdenkmale gestrichen worden. Dass in ihrem hohlen Stamm vor einiger Zeit Jugendliche Feuer legten, habe die Vitalität der Linde weiter eingeschränkt: „Sie drohte auseinander zu brechen.“ Dem habe man mit dem Entfernen der Äste und einer teilweisen Verfüllung des Stamminneren jetzt entgegenwirken wollen.

Dass der Name Henkerslinde nur vermeintlich auf eine Richtstatt verweist, hatte der Geithainer Heimatgeschichtler Wolfgang Reuter schon 2001 in einem LVZ-Beitrag ausgeführt. Der Galgenberg, wo Verurteilte vom Leben zum Tode befördert wurden, habe sich nämlich westlich der Frankenhainer Straße befunden. Das belegt eine alte Landkarte von 1576. Die Verbindung der Linde am Ossaer Weg mit dem Blutgericht habe keine faktische Grundlage; diese Version stütze sich auf bloße Überlieferungen, die einer vom anderen übernommen habe. Am Wert des Baumes als einem herausragenden Vertreter seiner Spezies ändert das freilich nichts. Der Baum mit seinem ausgeprägten Wurzelwerk dürfte – Henker hin, Henker her – der inzwischen älteste im Geithainer Stadtgebiet sein.

 1964 wurde er als Naturdenkmal unter besonderen Schutz gestellt, sein Alter mit mindestens 200 Jahren angegeben. Vier Jahrzehnte später galt das Verdikt nicht mehr. Zwar sprach sich die Stadt 2006 dafür aus, die Linde so lange wie möglich zu erhalten. Der Landkreis indes setzte die Streichung von der Liste durch, da der kulturelle und historische Wert nicht nachgewiesen sei.

Für Sven Brumme jedenfalls war sie ohne Frage ein herausragendes Exemplar. Brumme befasste sich vor einem halben Jahrzehnt intensiv mit bemerkenswerten Gehölzen und unter anderem mit diesem Baum. An der Technischen Universität Dresden promovierte er zu „Baum und Mensch – eine ethnobotanische Untersuchung von Bäumen mit Dendronym in Sachsen” und verweist darin auch auf die Geithainer Henkerslinde.

Von Ekkehard Schulreich

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