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Geithainer Neubau vereinte Medizin und Therapie unter einem Dach

45 Jahre Poliklinik Geithainer Neubau vereinte Medizin und Therapie unter einem Dach

Vor 45 Jahren ging die Geithainer Poliklinik in Betrieb. Für die medizinische Versorgung im Kreis Geithain bedeutete das einen Quantensprung. Nach der Wende abgewickelt, entstand daraus Mitte der neunziger Jahre das heutige Ärztehaus. Ärzte, Schwestern und andere Mitarbeiter erinnern sich.

Festakt zur Übergabe der Poliklinik am 11. Dezember 1970, dem in der DDR ausgerufenen Tag der Mitarbeiter des Gesundheitswesens.

Quelle: Jens Paul Taubert

Geithain .

Schauen im Café Otto in die Chronik der Poliklinik Geithain

Schauen im Café Otto in die Chronik der Poliklinik Geithain: Gudrun Kirschling, Hannelore Kyber, Liane Zichel, Regina Büttner, Ilona Denecke und Gunter Hegenbarth (v.l.).

Quelle: Jens Paul Taubert

„Ich war Oberschwester vom ersten Tag der Poliklinik an. 25 war ich damals, und ich habe die Möglichkeit genossen, gemeinsam mit den anderen etwas Neues gestalten zu können, Verantwortung zu tragen“, sagt Ilona Denecke. Vom Allgemeinmediziner bis zur Zahnärztin, von der Chirurgie bis zum Röntgen, vom Labor bis zur Physiotherapie: All das in einem Haus vereint zu haben, sei für die Patienten hervorragend gewesen, bestätigt Liane Zichel. Wie Denecke hatte sie im Stadtambulatorium begonnen, hatte im Emaillierwerk als Schwester die Chirurgie mit aufgebaut, ehe sie in der Poliklinik unter Dr. Lieselott Melzer in der Chirurgie tätig war und gemeinsam mit ihrer Kollegin Regina Büttner mitfuhr, wenn die Dringliche Medizinische Hilfe zu Unfällen ausrückte.

Zahnärztin Hannelore Kyber nahm wie ihr Mann Ulrich Mitte der siebziger Jahre in der Poliklinik die Arbeit auf, eine Arbeit, die sie sehr schätzte. „Wer vom Studium kam und im Kreis Geithain Zahnarzt werden wollte, absolvierte bei uns seine praktische Ausbildung.“ Erster Lehrling in der neuen Poliklinik war Gudrun Kirschling; sie wurde MTA, Medizinisch-Technische Assistentin, blieb bis 1988, wechselte dann in das Labor des Bornaer Krankenhauses. Was für sie bleibt: „Es war eine schöne Zeit, ein guter Zusammenhalt – bis heute.“

Dr. Gunter Hegenbarth erinnerte an die medizinische Versorgungslage in den Jahrzehnten zuvor: In den dreißiger Jahren habe es in Geithain lediglich drei Allgemeinmediziner gegeben, zuständig auch für das gesamte Umland. Bescheidene Vorläufer des Ambulatoriums, das in der Schillerstraße etabliert wurde, waren jene Baracken nördlich der Paul-Guenther-Schule, dort wo sich heute der Schillerpark befindet. „Man hatte schon in den sechziger Jahren erkannt, dass Geithain etwas Größeres braucht.“ Hegenbarth leitete in der Poliklinik die Kinderabteilung, baute danach eine solche in Bad Lausick auf, war von 1979 bis 1990 Kreisarzt. Dass er nach der politischen Wende 1989/90, die eine gesundheitspolitische Zäsur war, im Haus des einstigen Ambulatoriums gemeinsam mit seiner Frau Regina, einer Hals-Nasen-Ohren-Ärztin, eine Doppelpraxis eröffnete, schloss den Kreis.

Die Geithainer Poliklinik, um deren Bau sich der damalige Kreisarzt Dr. Wolfgang Licht verdient machte und die dessen Frau Dr. Maria Böhme in den zwei Jahrzehnten leitete, zählte an die 150 Mitarbeiter, ein großer Betrieb, unterstellt dem Rat des Kreises. Für DDR-Maßstäbe war er modern, mit westdeutschen materiell-technischen Standards nicht zu vergleichen. Statt Einweghandschuhe zu nutzen, wurden die Gummihandschuhe desinfiziert und neu gepudert. Die Tupfer selbst hergestellt. Die Spritzen sterilisiert und mehrfach verwendet. 1990 war das Aus absehbar. „Wir mussten uns privatisieren. Die neuen Verhältnisse sahen angestellte Ärzte nicht vor“, erinnert sich Hannelore Kyber an die große Verunsicherung, die plötzlich um sich griff. Sie und ihr Mann konsultierten mit mulmigem Gefühl Banken, machten sich im Frühjahr 1991 selbstständig; sie waren nicht die Ersten.

Hart traf es Schwestern, Laborantinnen, Therapeuten, härter noch die Frauen an der Annahme, in der Verwaltung, in der Küche. Wie sie sich damals fühlte, ist Liane Zichel bis heute gewärtig: „Ich habe meinen Job geliebt. Ich wollte nicht weg, war eine der Letzten, die gehen musste am 30. September 1990. Ich war alleinstehend, meine Tochter wollte studieren. Ich war in großer Sorge.“ Mit Glück gelang ihr dennoch ein nahtloser Übergang in eine ganz neue Tätigkeit: Im Pflegeheim in Streitwald als Pflegedienst-Leiterin und später im WSF Frohburg: „Das hat mir Spaß gemacht, und ich blieb bis zur Rente.“ Eine zweite große Chance ergriff auch Ilona Denecke. Sie wurde Sozialamtsleiterin in der neuen Kreisverwaltung, baute später das Seniorenheim Am Stadtpark mit auf.

Die einstige Poliklinik wurde Mitte der neunziger Jahre von mehreren Ärzten gekauft und saniert. Praxen zogen ein, eine Apotheke, ein Optiker, ein Hörgeräteakustiker. Was die medizinische Bandbreite betrifft, ist das Ärztehaus von der Poliklinik nicht allzu weit entfernt und wieder eine wichtige Adresse für die Menschen in der Stadt und dem Umland.

Die 825-Jahr-Feier 2011 führte jene, für die die Poliklinik ein wichtiger Teil ihres Lebens war, erneut zusammen: Sie gestalteten einen Wagen im großen Festumzug. „Unserer war bestimmt der schönste, auf jeden Fall aber war er der fröhlichste“, sagt Ilona Denecke, die ein viele Kilogramm schwere Chronik der Poliklinik 1970 bis 1985 über die Zeiten gerettet und dem Heimatmuseum übergeben hat. Seither treffen sich Ehemalige wieder in großer Runde; im November fand dieses Wiedersehen zum dritten Mal statt – parallel zu vielen Begegnungen auf Abteilungsebene. „Der Wunsch besteht, das jährlich zu machen. Wir werden ja nicht jünger“, meinte Regina Büttner. Liane Zichel bringt das Verbindende auf diesen Satz: „Wir waren immer eine schöne Truppe. Dass es damals auseinander ging, war traurig. Denn wir haben gemeinsam etwas erreicht. Das bleibt.“

Von Ekkehard Schulreich

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