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Geithains Geschichte ist Wolfgang Reuter vertraut wie kaum einem Zweiten

85. Geburtstag Geithains Geschichte ist Wolfgang Reuter vertraut wie kaum einem Zweiten

Die Geithainer Geschichte ist sein Metier: Dabei ist Wolfgang Reuter, der am 24. März seinen 85. Geburtstag feiert, weder Geithainer noch Historiker. Erst seit 1997 in der Stadt zu Hause, ist der Verlagskaufmann längst eine Koryphäe auf diesem Gebiet – und legt pünktlich zum Geburtstag eine neue Publikation vor.

Wolfgang Reuter wird am Donnerstag 85 Jahre alt. In seinem Arbeitszimmer gibt es Buchregale bis unter die Decke.

Quelle: Jens Paul Taubert

Geithain. Mit Geithain, mit den Höhen und Tiefen der mehr als 800 Jahre alten Stadt, vertraut ist Wolfgang Reuter wie kaum ein Zweiter. Dabei ist der Mann, der am 24. März 85 Jahre alt wird, hier nicht geboren. Seit nicht einmal zwei Jahrzehnten lebt der gebürtige Leipziger in der Stadt. Doch in dieser Zeit schrieb er viele Bücher zur Stadtgeschichte, veröffentliche mehrere hundert Beträge zur Geithainer Historie in wissenschaftlichen Publikationen und in der Leipziger Volkszeitung. Pünktlich zu seinem Geburtstag legt Reuter sein jüngstes Werk vor: „Frühgeschichte der Stadt Geithain 1096 bis 1186“, Heft 15 der vom Heimatverein editierten Schriftenreihe „Vom Turm geschaut“.

„Dass wir, meine Frau Gisela und ich, uns für Geithain als Alterssitz entschieden, war richtig. Wir sind längst angekommen“, sagt Wolfgang Reuter, der auf Empfehlung einer seiner Töchter 1997 von Leipzig herauszog in ländlich-kleinstädtische Gefilde. Und sofort ein Gespür fand für die jahrhundertealte Geschichte der Stadt und ihres Umlandes. Nicht zuletzt per Fahrrad erkundete er in den ersten Jahren gemeinsam mit Freunden aus dem Heimatverein die Region zwischen Borna und Obergräfenhain, hatte dabei nicht nur Zeitgeschichtliches im Blick, sondern auch die Vogelwelt, für die er sich – wenn auch nicht mit selber Intensität – ebenso interessiert.

„Geithain macht mir, macht uns Freude“, formuliert er vor seinem runden Geburtstag eine Zwischenbilanz. Freude, „die vor allem daraus erwächst, dass ich selbst etwas tue“. Und dass er andere teilhaben lässt an den Ergebnissen seiner Recherchen, sei es mit Vorträgen, die er bis zu seinem 80. Lebensjahr regelmäßig hielt, sei es mit einer Vielzahl Veröffentlichungen. Unter Letzteren hat das Urkundenbuch der Stadt Geithain, das die Jahre 1097 bis 1593 widerspiegelt, besonderes Gewicht. Rund 250 Beiträge schrieb er bisher für die LVZ-Heimatgeschichtsseite – zuletzt erschienen Betrachtungen über die Geschichte Geithainer Hausgrundstücke. „Ich werde oft angerufen oder angesprochen. Die Aufmerksamkeit für solche Themen ist groß“, sagt er und nimmt sie als Ansporn. Geistig tätig zu sein, könne für die Gesundheit nur von Vorteil sein, sagt er: „Mein Glück ist, dass ich noch relativ gut beieinander bin.“ An Aufhören zu denken, gibt es daher keinen Grund.

Nach wie vor täglich sitzt er in dem schmalen Raum, in dem vieles an das Arbeitszimmer seines Großvaters erinnert: Buchregale bis unter die Decke, aber auch Stücke aus dem großväterlichen Nachlass wie ein geschnitztes Schränkchen, eine Kuckucksuhr von der Wende zum 20. Jahrhundert und die Garnitur mit Tintenfässchen auf dem Schreibtisch. „In diesem Umfeld fühle ich mich wohl“, sagt Reuter – und der Besucher spürt das sofort. Über den Großvater, den Verleger Felix Dietrich, hat er ein Buch geschrieben. Und dass Reuter Verlagskaufmann wurde bei Volk und Wissen, ist in diesem Kontext zu sehen. Nach dieser Lehre studierte er an der Leipziger Karl-Marx-Universität, setzte nach dem Wechsel in den Westen das Studium in Bonn fort, promovierte, publizierte über die Geschichte des Buchdrucks, schrieb Monografien zur Sozialgeschichte, zum Beispiel zum Eisenbahn-Pionier Friedrich List oder zum Mitbegründer des Genossenschaftswesens Hermann Schulze-Delitzsch. In München war er in der Verlagsbranche tätig, wechselte nach der Grenzöffnung in eine Steuerkanzlei nach Leipzig.

Ex nihilo nihil – aus nichts wird nichts – zitiert der Mann, der einst Altgriechisch und Latein lernte und die humanistische Ausbildung verinnerlichte, einen philosophischen Grundsatz, der ihm Ansporn ist zur Tat. Darüber hinaus, sagt er, halte er es vorzugsweise mit Imanuel Kant: „Die Welt muss vernünftig gestaltet werden, und ist jeder aufgerufen, mit seinem Verstand daran mitzuwirken.“ Daran halte er sich. Seine Veröffentlichungen sind Vergewisserungen in diesem Sinn: Sie bilden das Bewusstwerden von Herkunft, von Entwicklung. Dass das gelingt, liegt bei aller Wissenschaftlichkeit, an dem Ton, den Reuter anschlägt, an der Sprache, in der er schreibt: Aus einer Bodenständigkeit heraus, die Heimatgeschichte in bestem Sinne, in Abgrenzung zu Volkstümelei, ausmacht. Dass ihn Geithains Bürgermeister Frank Rudolph (UWG) für dieses identitätsstiftende Wirken beim jüngsten Neujahrsempfang öffentlich würdigte, war da nur konsequent.

Groß feiern will Wolfgang Reuter seinen 85. Geburtstag nicht. Die großen Jubiläen habe er schon zum 75. und zum 80. ausgerichtet. Die Kinder und Enkel kämen mit ihren Familien zu Besuch. Kein großer Bahnhof, die Argumentation des Jubilars leuchtet ein: „Denn wo blieben ich und meine Frau bei all dem Trubel?“

Von Ekkehard Schulreich

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