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Gewalt als legitimes Mittel des Umgangs? In Bad Lausick werden viele Register gezogen

Prävention Gewalt als legitimes Mittel des Umgangs? In Bad Lausick werden viele Register gezogen

Anstöße geben zu Auseinandersetzung, Sinne und Blicke schärfen auf das komplexe Thema Gewalt: In der Evangelischen Schule für Sozialwesen wählte man einen besonderen Zugriff: eine Gesprächsrunde, die lange in der Schwebe blieb zwischen Realität und Spiel.

Ümit im Disput mit den Schülern über seine Rechtfertigungen von Gewalt.

Quelle: Jens Paul Taubert

Bad Lausick. Gewalt ist menschlich, durchzieht die Menschheitsgeschichte seit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Meint Ümit: „Gott war der Erste, der uns auf die Schnauze gehauen hat.“ Ümit ist Türke, ist Deutscher. Betrachtet es als Gewalt, wenn Lehrer Leistungen fordern. Führt ach so sensiblen Computerspiele-Fans vor Augen, dass die doch mit Vergnügen ballern, denn: „Gewalt macht Spaß!“ – Ümits Ansagen, seine Ausbrüche, sein Streit mit Torsten, dem Nazi, der einen Asia-Laden plattgemacht hat und dafür 30 Monate absaß („Ich tue was. Ich übernehme Verantwortung für Deutschland.“) verstören die angehenden Erzieher und Sozialassistenten im Foyer der Evangelischen Schule für Sozialwesen „Luise Höpfner“ in Bad Lausick.

Was sich vor ihren Augen und Ohren entwickelt, ist nah, ist (be-)greifbar. Die Grenzen zwischen Realität und Spiel fließen, ebenso die zwischen Provokation und eigenem Empfinden. Das ist Kalkül, siebzigminütiger Schwebezustand über dem harten Boden der Lebenswirklichkeit. Ein anderer, unmittelbarer Zugriff auf das Thema Gewalt, Teil eines Präventionsprogramms der Schüler-Unfallversicherung an sächsischen Bildungseinrichtungen.

Fünf Menschen, zwei Frauen, drei Männer, erzählen ihre Geschichte. Herr Baumann, Lehrer, der sich aufgerieben hat „zwischen Arroganz und Missachtung“, der all die Verletzungen heimzahlt, sich plötzlich vergisst. Nicole, die sich für geradlinig, sauber hält („Wenn ich was nicht mag, sag ich das.“), die eine Mitschülerin derart mobbt, dass die sich tötet. Kathrin, die einer bedrängten Frau auf nächtlicher Straße beisteht, niedergeschlagen wird und das bittere Fazit zieht: „Macht es nicht so wie ich, mischt euch nicht ein.“ Rüdiger Fabry, Chef der Gruppe, die nicht noch nicht als Schauspieler offenbart hat, moderiert, führt Publikum und Akteure zusammen zu Interviews, fordert zur Bewertung der Personen, der Haltungen auf, fordert, sich selbst zu positionieren.

„Gut, dass das Thema angesprochen wird. Es ist Teil unserer Ausbildung, und es beschäftigt einen im Grunde immer“, sagt Natalie Starkloff, die ihre Ausbildung zur Erzieherin im nächsten Jahr abschließt. Sich damit auseinanderzusetzen, sei wichtig, bestätigt Mitschülerin Lisa-Marie Kost, ein bisschen irritiert, weil nicht klar ist, ob die Szenen nur gespielt sind. Lukas Decker, künftiger Erzieher, hadert mit dem Benoten der Akteure und Charaktere, empfindet das Herangehen als zu oberflächlich. „Krass dargestellt“ sind die Gewalterfahrungen für Matthias Kluge, der Sozialassistent wird. Dank dieser Storys aber finde man einen guten Zugriff auf dieses wichtige Thema: „Und Beispiele hat da jeder im Kopf.“

Anstöße geben zu Auseinandersetzung, Sinne und Blicke schärfen, darum gehe es, sagte Nicole – die natürlich nicht wirklich so heißt – nach den Statements der Fachschüler: Und das Geschehen auf der Bühne sei nicht aus der Luft gegriffen, sondern aus dem Leben. An die 20 Vorstellungen dieser Art organisiere die Unfallkasse an sächsischen Schule Jahr für Jahr, meint Karsten Janz: „Das bringt mehr als die üblichen Präventionsmaterialien. Hier kann man sich nicht entziehen.“

Von Ekkehard Schulreich

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