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Gisela Hänels Frohburger Laden ist eine Fundgrube – doch seine Zeit läuft ab

55 Jahre im Einzelhandel Gisela Hänels Frohburger Laden ist eine Fundgrube – doch seine Zeit läuft ab

Wo gibt es Druckknöpfe, Reißverschlüsse, Nähgarn? – Bei Gisela Hänel in der Straße der Freundschaft in Frohburg. Das kleine Geschäft für Kurzwaren wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen – und seine Zeit läuft ab. Denn die 69-Jährige, seit 55 Jahren im Einzelhandel, will langsam, aber konsequent kürzer treten.

Gisela Hänel in ihrem Laden „Kurz- und Textilwaren“ in Frohburg. „Ich bin die Alte vom Handel“, sagt sie augenzwinkernd.

Quelle: Jens Paul Taubert

Frohburg. Reißverschlüsse und Stopfgarn, Druckknöpfe und Sockenhalter, Unterwäsche und – wer kennt noch das Wort – Obertrikotagen: All das und noch viel mehr findet sich in Gisela Hänels Kurzwaren-Geschäft in der Frohburger Innenstadt. Wer den Laden, der einst zu Graichens traditionsreicher Möbeltischlerei gehörte, betritt, findet sich in einer beinahe schon versunkenen Welt. Und erinnert sich an geheimnisvolle Begriffe aus Kindertagen – Posamenten zum Beispiel: kunstvolle Borten und Tressen also.

„Ich bin die Alte vom Handel“, sagt Hänel, die auf die 70 zusteuert, augenzwinkernd über sich und lacht. Die Zeit läuft ab für jene Verkaufskultur, die sie seit mehr als einem halben Jahrhundert verkörpert. Sie mag es bedauern wie mancher der über Jahre und Jahrzehnte treuen Kundschaft; aufhalten wird sie die Entwicklung, die den kleinen Einzelhandel verdrängt, kaum. Ab dem kommenden Jahr will sie selbst kürzer treten. Schon heute würde sie – sofort und mit Kusshand – einem verlässlichen Nachfolger das Geschäft übergeben: wenn sich denn einer fände.

„Wenn ich etwas mache, dann mit Leib und Seele“, sagt Gisela Hänel. Dass sie sich 1961 entschied, beim Konsum zu lernen, Verkäuferin zu werden, hat sie nie bereut. Auch nicht, dass sie 1992, die Konsumgenossenschaft war am Ende, das Kurzwarengeschäft übernahm: „Es blieb mir ja auch gar nichts anderes übrig.“ Karin Schubert, bisher Kollegin, wurde ihre Angestellte; inzwischen Rentnerin, schaut sie heute gern auf eine Tasse Tee herein, hilft aus, wenn sie gebraucht wird.

„Im Osten gab es nicht alles, aber es war ein schöneres Arbeiten, es war ein Miteinander“, sagt Gisela Hänel, des verklärenden Blicks zurück unverdächtig. Heutzutage stehe der Einzelhandel nicht nur in Frohburg unter starkem Druck. Internet, Großhandel und fliegende Markthändler machten den privaten Handel kaputt – zum Schaden der Lebenskultur in den kleinen Städten: „In fünf Jahren sehen sie hier kaum noch ein kleines Geschäft.“ Sie selbst hätte längst aufhören können, habe das nach dem Tod ihres Mannes aber immer wieder hinausgeschoben – auch wegen der vielen Kunden, die dankbar seien. Und wegen der Freude, die ihr das Verkaufen bereite.

„Ich sehe mir die Sachen genau an, ehe ich sie für meine Kundschaft einkaufe. Und ich probiere auch an. Ich weiß, womit ich handele, kann beraten. Das ist der Unterschied“, beschreibt sie ihre Philosophie. Dabei setzt sie, wo möglich, ausdrücklich auf Bewährtes aus dem Osten, auf Hersteller, die sich in ähnlich schwierigem Fahrwasser befinden wie sie selbst. Da gibt es Strumpfhosen von Esda und Frottana-Handtücher, Miederwaren aus Dresden und Kurzwaren aus Eilenburg. Tausend kleine Dinge, die für das Schneidern zu Hause und für Handarbeiten unverzichtbar sind. In den besten Jahren erhielt die Kundschaft im Hinterzimmer sogar Tipps, wie eine Ferse zu stricken ist oder wie die Artischocken-Technik für Tischschmuck funktioniert.

Investieren wird Gisela Hänel nicht mehr, schon gar nicht in ein neues Kassensystem, das die Behörden künftig fordern. Gedanklich hat sie sich mit dem allmählichen Abschied vom Beruf, der immer Berufung war, Lebensaufgabe, angefreundet. Sie darf sich getrost als dienstälteste Geschäftsfrau in Frohburg bezeichnen: „Gemeinsam mit Birgit Polkowski, die ein Gemüse- und Getränkegeschäft in der Altenburger Straße betreibt. Wir waren gemeinsam auf der Berufsschule, sie hat sich auf Lebensmittel orientiert.“

Ab dem kommenden Jahr will Hänel nur noch zeitweise öffnen und mit dem Ausverkauf beginnen – wenn sich nicht bis dahin jemand findet, der in Kurzwaren eine Zukunft sieht. Dass sie, eines Tages wirklich im Ruhestand, in ein Loch fallen könnte, diese Gefahr sieht die Ur-Frohburgerin nicht: „Ich habe meinen Garten, meine Handarbeiten. Dann mache ich nur noch, worauf ich Lust habe.“ Und hofft, bis dahin Urgroßmutter zu sein.

Von Ekkehard Schulreich

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