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Iraner macht in Bad Lausick mobil: Fahrräder für Flüchtlinge

Iraner macht in Bad Lausick mobil: Fahrräder für Flüchtlinge

Sein Name klingt wie der eines Zirkusdirektors mit Zylinder und Zwirbelbart - Bahram Bahrami. Und doch lässt er keine Mäuse verschwinden, kündigt keine Clowns an und kann schon gar nicht Frieden herbei zaubern.

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Übergabe, Übernahme: Der Groitzscher Bauhof-Mitarbeiter Benjamin Schulze (33) lädt Räder mit Mängeln ab und nimmt reparierte Drahtesel in Empfang.

Quelle: Andreas Doering

. Dabei würde er es allzu gern. Dann könnte er wieder zurück in seine Heimat.

Der Iraner sieht Kriege als Hauptgrund für die neue Völkerwanderung. Wer schon einmal um sein Leben gefürchtet habe, verstehe, warum er und die anderen hier seien, sagt Bahrami und führt als Beispiel einen alten Mann aus Ostpreußen an: "Der hatte mir freundschaftlich die Hand gereicht. Seine Familie sei vor 70 Jahren nicht mit offenen Armen empfangen worden. Den Kindern in der Schule habe man gesagt, die Flüchtlinge aus dem Osten machten ihnen das Brot streitig."

45 Jahre alt ist Bahram Bahrami. Das heißt, eigentlich sei er erst 23. "Ich zähle nur die Zeit als wirklich gelebt, in der ich die Augen offen hatte." Die Augen öffnen möchte er auch anderen. Leuten, die in Flüchtlingen vor allem Kriminelle, Schmarotzer - eben eine Gefahr - sehen. Er weiß, wovon er spricht. Seit dem Jahr 2000 ist er in Deutschland. Ja, auch er wurde schon verprügelt. Was aber nichts daran ändere, dass er gern in Sachsen lebe, in Wurzen und Grimma viele Freunde habe, in seiner Freizeit am liebsten Radtouren unternehme. Inzwischen ist er anerkannter Flüchtling, arbeitet als Taxifahrer in Leipzig und repariert einmal in der Woche in Bad Lausick Fahrräder für Asylbewerber.

Andreas Rauhut (42) vom Kinder- und Jugendring des Landkreises Leipzig lobt den Iraner in den höchsten Tönen. "Jeden Mittwoch von 11 bis 17 Uhr ist er hier auf der Alten Rollschuhbahn und schraubt mit Flüchtlingen aus umliegenden Heimen." An dem traditionsreichen Ort, an dem damals sogar Eisläufer aus Karl-Marx-Stadt trainierten, wucherte im Vorjahr noch das Unkraut. Bis Jugendliche aus Bad Lausick anfingen, das Areal nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Dabei versetzten sie ganze Berge. Inzwischen ist die Dirtbikestrecke eröffnet, auf der sie mit BMX-Rädern über Stock und Stein crossen. Weil dabei so mancher Platten unausweichlich ist, wird gleich vor Ort repariert. "Von Anfang an war es unser Ziel, den ehemaligen Schuppen auszubauen und ihn als Werkstatt auch Asylbewerbern anzubieten", sagt Silke Polster (46) vom Kinder- und Jugendring, der den Sportplatz an der Glastener Straße für zunächst fünf Jahre gepachtet hat.

Nach wie vor würden Fahrräder und Ersatzteile gebraucht - genauso wie handwerklich begabte Helfer. Wer sich einbringen möchte, könne sich unter der Telefonnummer 0177/ 5 08 50 09 melden.

Bahram Bahrami kann nur zu gut verstehen, wie wichtig Räder für die jungen Flüchtlinge sind. Als jüngstes von zwölf Geschwistern radelte er früher jeden Tag in die Schule. Er lebte in einer Stadt im Norden des Iran, direkt am Kaspischen Meer. Er spielte Fußball, sang in der Band und studierte Theaterstücke ein. Frühzeitig ging er bei seinem älteren Bruder in die Uhrmacherlehre. Als er in die Armee einberufen wurde, gab ihm sein Vater mit auf den Weg, die Waffe zu verweigern, sobald er aufgefordert werde, auf jemanden zu schießen: "Sonst brauche ich nie mehr heim zu kommen und sei auch nicht mehr sein Sohn." Er musste nie schießen. Zum Glück. Und doch rebellierte er. Der Bauzeichner engagierte sich politisch, verteilte Flugblätter und riskierte immer mehr. Irgendwann musste er fliehen. Inzwischen lebt seine Familie auf der ganzen Welt verstreut - von Schweden bis Kanada, von Italien bis Leipzig.

Zusammen mit dem 20-jährigen Bad Lausicker Paul Sprenger flickt er Schläuche, kontrolliert Bremsen und beult Achten aus. Seine Aufgabe ist es, die Flüchtlinge in die Reparatur mit einzubeziehen, sie anzuleiten. Die Nachfrage nach Rädern ist riesig, sagt die 36-jährige Cornelia Klingner vom Flexiblen Jugendmanagement. Seit April, als die Werkstatt eröffnet wurde, konnten 60 Räder an die Frau und den Mann gebracht werden. Unterstützt werde das Projekt vom Förderprogramm Lokale Partnerschaften für Demokratie.

Benjamin Schulze (33) vom Bauhof der Stadt Groitzsch fährt mit dem Transporter vor. Er lädt acht reparierte Fahrräder auf, die demnächst an Asylbewerber gehen. Im Gegenzug bringt er zehn zu reparierende Räder, die die Groitzscher für den guten Zweck gespendet haben.

Bahram Bahrami hat alle Hände voll zu tun. Denn nacheinander treffen nun die ersten Flüchtlinge mit ihren Drahteseln ein: Hussein Mohammed (27) aus Syrien und Imet Ali (32) aus Libyen. Beide wohnen in Kitzscher, beide sind aufs Rad angewiesen. Auch Fisseha Berhane, der 23-jährige Journalistikstudent aus Eritrea, schiebt sein kaputtes Rad aufs Gelände. Er flüchtete von der Küste Nordafrikas in einem besseren Schlauchboot. "Wir waren 300 Leute, wurden von einer italienischen Patrouille gerettet", sagt der junge Mann aus Elbisbach, der sich auf seinen bald beginnenden Deutschkurs freut.

Und Bahram Bahrami wird doch noch zum Star in der Manege. Der Mann mit den goldenen Händen - so oder ähnlich müsste er als große Attraktion gepriesen werden. Er aber winkt nur ab, will keinen großen Rummel um seine Person. Zwar kann der Minijobber nach wie vor keinen Frieden zaubern, dafür aber macht er im Handumdrehen einmal mehr zahlreiche Fahrräder flott.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 29.08.2015
Haig Latchinian

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