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Geithain "Jede Stadt hätte uns gern genommen"
Region Geithain "Jede Stadt hätte uns gern genommen"
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14:31 19.05.2015
Schwatz in der Sonne (v.l.): Wolfgang Schmidt, Antje und Alexander Andrés, Gabi Sporbert, Alamea Andrés im Wagen, Schwester Amaya sowie Carmen Schmidt. Quelle: Jens Paul Taubert

Gut ein Drittel von ihnen lebt im zugehörigen Ortsteil Theusdorf.

"Ich denke, nach Geithain zu gehen, war damals die richtige Entscheidung", sagt Carmen Schmidt, die letzte Bürgermeisterin von Syhra. Am 1. Juni 1990 war die damalige Uhrmacherin aus den Reihen der Gemeinderäte gewählt worden. Nun war sie halbtags hauptamtliche Gemeindechefin und arbeitete die andere Zeit in ihrem Beruf. "Wir waren Lehrlinge, ins kalte Wasser geschmissen", erinnert sie sich, wie sie begann, die Geschicke des Dorfes zu lenken.

Noch 1990 gab es hundertprozentige Fördermittelbescheide für die Alte Geithainer Straße und die Straße zum Fliegerdenkmal, beide konnten so endlich instand gesetzt werden. Doch für die Straße zum Denkmal traf das Geld ewig nicht auf dem Gemeindekonto ein. "250 000 D-Mark das war der gesamte Gemeindeetat", erinnert sich die 55-Jährige an schlaflose Nächte, bis die Überweisung endlich da war.

Außer den Straßen und einst einem Armenhaus steht in Syhra nichts im Eigentum der Kommune. Bald nach 1990 kam Horst Alexander von Einsiedel und machte Besitzansprüche auf das Schloss, die ehemalige Schäfereiwohnung und die Teiche im Dorf geltend, die Treuhand folgte seinen Restitutionsansprüchen. Am Anfang restaurierte er das Torhaus des Schlosses. "Wir haben gedacht, jetzt wird es schön", erinnert sich Carmen Schmidt. Doch mehr passierte bis heute nicht, der Einsiedel'sche Besitz verfällt von Jahr zu Jahr mehr, ebenso das Gebäude der ehemaligen Mosterei, das von Einsiedel erworben hatte. "Die wir rundherum wohnen und versuchen, unsere Häuser schick zu machen, für uns ist das traurig", bedauert die Syhraerin. Sie wünscht sich, dass der Einsiedel'sche Besitz wieder auf Vordermann gebracht wird.

Der Kindergarten in Syhra musste schon Anfang der 90er Jahre schließen, weil der Bedarf nicht mehr da war. Zu DDR-Zeiten kam freitags immer eine Ärztin in die Gemeindeschwesternstation im Schloss. Die Mosterei produzierte noch bis Ende 1990, die LPG fiel als Arbeitgeber ebenfalls bald weg. Arbeit gab es fast nur noch außerhalb des Dorfes.

Bald kam damals in den 90er Jahren vom Landkreis das Signal, dass kleine Gemeinden sich einen Partner zur Eingemeindung zu suchen hätten. "Wir waren schuldenfrei, jede Stadt hätte uns sicher gern genommen", erinnert sich die ehemalige Kommunalpolitikerin. Gründlich seien mögliche Partnerschaften auch mit Frohburg und Kohren-Sahlis geprüft worden. Doch die Syhraer hätten gesagt, dass die Beziehung zu Geithain am stärksten sei, man dort auch für Erledigungen hinfahre.

Carmen Schmidt hat damals nach der Eingemeindung die Seniorenarbeit in Geithain übernommen, arbeitet heute im Museum der Stadt. Für ihr Heimatdorf wünscht sie sich, "dass jeder friedlich miteinander umgehen kann und man sich Fehler gegenseitig verzeiht." Gern erinnert sie sich an die 700-Jahr-Feier 2008, als auch die LVZ-Wanderung in Syhra begann und endete. Schön sei es gewesen, vor allem, dass jeder bereit war, seinen Hof für Besucher zu öffnen. So etwas sei seitdem nicht wieder gelungen.

Zu DDR-Zeiten habe es immer Dorffeste in Syhra gegeben, erzählt Gabi Sporbert, die Theusdorferin sitzt seit 1999 im Geithainer Stadtrat. Mitte der 90er Jahre seien sie eingeschlafen, weil die Organisatoren nicht mehr zur Verfügung standen. Die Theusdorfer Feste seien Ende der 90er Jahre für die Kinder dort ins Leben gerufen worden. "Schön wäre es, wenn die neue Generation der Familien das aufgreift", sagt sie. Speziell in Theusdorf gäbe es relativ viele junge Familien mit kleinen Kindern. Die CDU-Stadträtin wünscht sich, dass dem Dorf baurechtlich über entsprechende Festlegungen im Flächennutzungsplan die Möglichkeit gegeben wird, sich zu entwickeln, dass maßvoll auch Eigenheim-Bauplätze ausgewiesen werden. Sie erinnert an ein solches Gebiet, dass im Flächennutzungsplan des Dorfes zwischen Syhra und Theusdorf einst vorgesehen gewesen sei. In den Geithainer Plan sei es dann nicht mit übernommen worden.

Vor 20 Jahren war es, dass zuletzt ein Wohnhaus in Syhra brannte, Menschen kamen dabei nicht zu Schaden. Fred Ohnhäuser war der letzte Leiter der Wehr im Dorf, führte sie fünf Jahre lang. Zum einen habe das Personal gefehlt, weil nach der Wende viele außerhalb arbeiten mussten, zum anderen sei die Ausstattung unbefriedigend gewesen, nennt er Gründe für die Auflösung. Nicht mal eine Kettensäge habe die Wehr gehabt und nur genau neun normgerechte Anzüge. Eher unwahrscheinlich sei es gewesen, dass genau jene Brandschützer, denen sie passten, im Ernstfall zur Stelle waren. "Durch die Feuerwehr war eine Gemeinschaft da, vieles wurde zusammen gemacht. Das ist verloren gegangen", sagt Fred Ohnhäuser.

Antje Andrés ist in Syhra aufgewachsen. Für die eigenen Kinder ist die 32-Jährige nun mit der Familie in die Region zurückgekehrt. "Wir haben hier eine schöne Kindheit gehabt - mit dem Wald, Spielen im Freien und Buden bauen", erinnert sich die junge Frau.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 01.03.2014
Inge Engelhardt

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