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Geithain Jubilarin hat die Musikelectronic mit aufgebaut
Region Geithain Jubilarin hat die Musikelectronic mit aufgebaut
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15:01 19.05.2015
Joachim Kiesler, der Geschäftsführer der Geithainer Musikelectronic GmbH, dankt seiner Tante und langjährigen Buchhalterin Ingeborg Praus bei der 50-Jahr-Feier des Unternehmens. Quelle: Privat

Das 1960 gegründete Unternehmen hat Weltniveau erreicht, Rückübertragung und GmbH-Gründung durchgesetzt, den sächsischen Innovationspreis erhalten, Marktführerschaft errungen und einen wachsender Exportanteil vor allem in Asien. All das ist auch das Verdienst der Jubilarin, die dafür mit den Grundstein legte.

Jeden Morgen liest Ingeborg Praus beim Frühstück die LVZ, heute wird sie sich dort selber wiederfinden. Als exzellente Finanzfachkraft war sie beim damaligen Rat des Kreises Geithain beschäftigt gewesen, als sie 1960 ins Visier der Staatssicherheit geriet. Man wollte sie als inoffiziellen Mitarbeiter anwerben und forderte die Geithainerin auf, ihre Zugehörigkeit zur katholischen Kirche zu nutzen, um der Stasi Informationen über Mitglieder der Gemeinde zu liefern.

Die 37-Jährige reagierte konsequent: Sie kündigte ihre gut bezahlte Stelle in der Kreisverwaltung und trat am 1. September 1960 der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) Fernsehen-Rundfunk-Uhren in Geithain als Buchhalterin bei. Ihr damals 18-jähriger Neffe, Joachim Kiesler, hatte die PGH am 6. Mai des selben Jahres zusammen mit zwei Uhrmachern aus der Taufe gehoben. Er ist bis heute kreativer Entwickler des Unternehmens und Geschäftsführer.

Zum 50-jährigen Bestehen 2010 hatte Joachim Kiesler sich mit einem großen Blumenstrauß bei seiner Tante bedankt, weil sich die Geithainerin Jahrzehnte um die Firma verdient gemacht hat, deren Bücher sie bis 1984 führte. "Ihre Entscheidung, auf eine gut bezahlte Stelle beim Rat des Kreises zu verzichten und sich dem Stasi-Druck mit der Kündigung zu entziehen, haben wir immer sehr bewundert", erzählt seine Schwester Roswitha Kuhnert.

"Das Unternehmen ist aus dem Nichts entstanden - da gab es keinen Bleistift, keinen Stuhl, und man musste ja alles beantragen", erinnerte sich Ingeborg Praus bei der Jubiläumsfeier. Sie denkt gern an diese Zeit zurück. "Wir haben was geleistet", erklärte sie.

Anfänglich war die Geithainerin in der Firma "Mädchen für alles". Ihre eigentliche Aufgabe bestand in der Buchhaltung und der Sicherung der Verwaltung, dazu kamen aber das Saubermachen, Heizen, Gardinen waschen, Fenster putzen... Da die PGH quasi aus dem Boden gestampft wurde, kein Zusammenschluss von Einzelhandwerkern war, fehlte es an allem. Man konnte damals nicht einfach kaufen, was gebraucht wurde, dazu fehlten Geld und Bewilligungen. So wurden Arbeitstische geborgt, ausrangierte Stühle beschafft, Büromaterial besorgt. Das alles lag auch in den Händen von Ingeborg Praus.

Doch damit nicht genug, denn sozialistische Planwirtschaft bedeutete Kampf um alles und mit jedem. Um an die nötigen Ersatzteile zu kommen, mussten Wirtschaftspläne erstellt, eingereicht, verteidigt und abgerechnet werden. Immer wieder gab es Lieferprobleme, beispielsweise bei Transistoren, die aus dem Westen kamen. Konnten die Produktionsleistungen dann nicht erbracht werden, verlangten die Kreisleitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und die Handwerkskammer, dass trotzdem Planerfüllung gemeldet wird. "Inge lehnte dies strikt ab", erzählt ihre Nichte.

Trotz der vielen Probleme habe die versierte Buchhalterin es immer geschafft, dass die PGH bei Wirtschaftsprüfungen ohne gravierende Beanstandungen abschnitt. Ingeborg Praus hat bis zum 61. Lebensjahr die Finanzgeschicke erfolgreich geleitet - auch nach der zwangsweisen Verstaatlichung 1972, dann als Hauptbuchhalterin im VEB Musikelectronic Geithain. 20 Jahre später gelang einer Handvoll ehemaliger PGH-Mitglieder unter Regie von Joachim Kiesler die Rückübertragung in Privateigentum - die Musikelectronic Geithain GmbH entstand. Aufmerksam hat Ingeborg Praus verfolgt, wie das Unternehmen den internationalen Markt eroberte, wie es Marktführer bei Regielautsprechern in Deutschland wurde und diese Position bis heute scheinbar mühelos verteidigt.

Geboren wurde sie vor 90 Jahren in Ludwigsdorf in Schlesien. Ihre Schwester war ein Jahr älter, der Vater war Lehrer, die Mutter Hausfrau. Ingeborg hatte den Beruf der Verwaltungsangestellten erlernt und arbeitete bis zur Flucht im Januar 1945 im Bürgermeisteramt der Stadt Prausnitz.

Da beide Männer im Krieg gefallen sind, leben Ingeborg Praus und ihre Schwester Maria Kiesler gemeinsam in einem Haushalt. Die 91-Jährige hatte bis zu ihrem Ruhestand die Geithainer Bibliothek geleitet. Ihre Kinder, Joachim und Roswitha, haben die beiden Frauen gemeinsam erfolgreich ins Leben geführt, alle Schwierigkeiten stets mit großer Energie und Disziplin bewältigt.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.12.2013
Inge Engelhardt

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