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Geithain Konflikt nicht nur in Frohburg: Plötzlich im Heim
Region Geithain Konflikt nicht nur in Frohburg: Plötzlich im Heim
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05:12 10.10.2018
Ältere Menschen bewegen sich mit Rollator und Rollstuhl in einem Seniorenheim (Symbolfoto). Quelle: Leipzigreport
Frohburg

Die Entscheidung, die eigenen vier Wände aufzugeben und statt dessen in ein Alten- und Pflegeheim zu gehen, schieben viele möglichst weit hinaus. In vielen Fällen wird sie dann zwangsläufig von anderen getroffen, etwa wenn man nach einem Sturz und einem Klinikaufenthalt nicht mehr in der Lage ist, den Alltag weiter aus eigener Kraft zu meistern.

Umzug ins Heim kann traumatische Erfahrung sein

Plötzlich ist alles anders, ist die vertraute Lebenswirklichkeit in einer Sackgasse: eine Situation, die nicht nur für einen älteren Menschen eine schmerzhafte, gar traumatische Erfahrung sein kann. Für diejenigen, die ihn in einem Heim umsorgen, ist so ein abrupter Wechsel ebenfalls nicht leicht zu handhaben.

Großteil neuer Heimbewohner kommt direkt aus Krankenhäusern

„Mittlerweile 80 Prozent unserer Bewohnerinnen und Bewohner kommen direkt aus Krankenhäusern zu uns. Kliniken rufen an, suchen einen Platz, weil sei ihre Patienten nicht nach Hause entlassen können“, sagt Enrico Kain, der das WSF Wohn- und Seniorenzentrum Frohburg leitet. Zur Jahrtausendwende, als er hier begann, sei die Situation noch eine völlig andere gewesen: „Da waren die meisten noch deutlich mobiler, hatten sich mit Angehörigen oft im Vorfeld informiert, diesen schweren Schritt vorbereitet.“ Heute aber blenden das viele aus, bis sich der Weg ins Heim schließlich als der letztmögliche erweise. Das erhöhe das Konfliktpotenzial, auch das seelische.

„... und jetzt bin ich hier eingesperrt“

Ein Beispiel ist die ältere Frau, die seit ein paar Monaten im Haus Harzberg lebt und die das nicht versteht, nicht akzeptieren kann. „Ich habe 46 Jahre gearbeitet, um mir im Alter mal ein schönes Leben zu machen … - und jetzt bin ich hier eingesperrt“, schreibt sie hilfesuchend an die LVZ. Dass sie ihre „wunderschöne Wohnung in Borna“ habe aufgeben müssen nach einem Krankenhaus-Aufenthalt, wollte ihr nicht in den Kopf. Verwandte hatten veranlasst, sie in die Obhut des Heimes zu geben, um sie nicht sich selbst zu überlassen.

Verlust der vertrauten Umgebung schmerzt

Der Verlust der vertrauten Umgebung aber wirkt nach – auch wenn die Frau, wie Kain betont, sich inzwischen einzuleben beginne, mit anderen in Kontakt trete, Spaziergänge unternehme, um in neue, selbst bestimmte Bahnen zu finden.

Appell: Rechtzeitig mit dem Thema Lebensabend befassen

Pflege ist ein schwerer Beruf“, sagt Petra Scheibe, die sich vor allem um die zum Frohburger Heim gehörende Tagespflege kümmert. Mit der Frage, wie man seinen Lebensabend verbringen wolle, befassen sich zu wenige: „Viele blocken ab, statt sich zu informieren und bei Bedarf behutsam die Weichen zu stellen.“ Das betreffe nicht nur die Älteren, sondern auch die Töchter- und Söhne-Generationen.

Häuser in Frohburg haben 122 Plätze

Über 122 Plätze verfügen die Häuser Harzberg und Wyhra in Frohburg. Hinzu kommen fünf im Service-Wohnen und zwölf in der Tagespflege. „Manche lebten lange ganz allein zu Hause. Die leben, wenn sie zu uns kommen, allmählich auf. Das zu sehen, tut gut.“

Manche Angehörige machen sich rar

Denn der Job, den die rund 120 Frauen und Männer leisten, habe es in sich. „Wir machen das alle liebend gern, sonst wären wir nicht hier. Doch wir brachen das Miteinander“, sagt Petra Scheibe. Während viele der Angehörigen regelmäßig zu Besuchen kämen und vor allem sich auch um das kümmerten, was durch Pflegekasse und Heim nicht abgedeckt werde – Kosmetik und Kleidung etwa -, machten andere sich rar, suchten sich ihrer (Mit)-Verantwortung zu entziehen. „Unsere Pflegekräfte aber können das bei bestem Willen nicht immer richten.“

Pflege sei keine Vollkasko-Versicherung“

Enrico Kain ahnt, wodurch eine solche Haltung befördert wird: durch die Heimpreise, die erst zu Beginn des Jahres wieder anzogen. Tendenz steigt weiter. „Manche gehen davon aus, alles sei inklusive, doch dem ist nicht so“, sagt er. Pflege sei keine Vollkasko-Versicherung. Höchste Zeit sei es für die Politik, gegenzusteuern, damit die Kosten nicht aus dem Ruder laufen und damit eine gute Betreuung in einem Alten- und Pflegeheim bezahlbar bleibe. „Unsere Mitarbeiter jedenfalls tragen das Ihre dazu bei, dass sich unsere Bewohner möglichst wohl fühlen.

Von Ekkehard Schulreich

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