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Kultur-Tat: Oldtimerfans retten Gasthof

Kultur-Tat: Oldtimerfans retten Gasthof

Ein ausgewiesener Oldtimer-Enthusiast ist Gerd Hofmann nicht. Dass sich der Frankenhainer dem Oldtimerverein Kohren-Sahlis verbunden fühlt, liegt in seiner Familiengeschichte begründet: Frieda Quaas, die mit ihrem Mann Paul einst den Terpitzer Gasthof - heute Domizil des Vereins - bewirtschaftete, war die Schwester von Hofmanns Großvater.

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Zwei auf einer Bank: Klaus Sliwanski (links), der Vorsitzende des Oldtimervereins Kohren-Sahlis, und Gerd Hofmann aus Frankenhain, der als Stift oft zu Gast war bei Frieda Quaas, der Wirtin im einstigen Terpitzer Gasthof.

Quelle: Jens Paul Taubert

Kohren-Sahlis/Terpitz. Und Gerd in seinen Kinder- und Jugendtagen oft in Terpitz zu Gast. Dass die Oldtimerfreunde, die vor 15 Jahren ihren Verein gründeten, Gasthof samt Saal vor dem Verfall bewahrten, ist in Hofmanns Augen eine Kultur-Tat, die verbindet.

"Das hier war die Gaststube. Die Wand hier ist schräg wegen der Straße. So wurde damals gebaut. Das musste nicht rechtwinklig sein." Gerd Hofmann hat Platz genommen in einem Raum, in dem vor Jahrzehnten fröhlich gezecht wurde und in dem sich - nach vier Jahrzehnten aufgegebenen Betriebs - längst die Oldtimerfreunde mit ihren Gästen treffen. Der Blick des 72-Jährigen fällt auf die Wand neben der Tür. Eine großformatige Fotografie, dunkel gerahmt, zeigt fünf gediegene Herren an einem Tisch. Der steht vor der Schenkentür in der Sonne. Die Szenerie unverkennbar beginnendes 20. Jahrhundert: Bernhard Große, Alfred Harzendorf, Robert Hausotte und Robert Große spielen einen überaus gepflegten Skat. Richard Nöbel sorgt für Getränke und sichtbar gute Laune. Nöbels betrieben den 1861 von Johann Christian Nöbel erbauten Gasthof über Generationen. Auf Richard folgte schließlich dessen Jüngste Frieda. Die Fotografie dieser Herrenrunde - für Gerd Hofmann ist sie eine Entdeckung: "Das ist doch der Richard! Das ist ein Staat!" Klaus Sliwanski, Vorsitzender des Oldtimervereins, fällt es nicht schwer, diese Begeisterung zu teilen. "Wir sagen seit Jahren, wir müssten mal Tisch und Stühle rausrücken wie damals." Denn der Verein mit seinen 90 Mitgliedern lädt regelmäßig ein zum Unterhaltungsskat wie auf dem Bild, das Frank Große dem Verein überließ; Bernhard Große auf dem Foto war sein Urgroßvater.

Ein Gasthof in den Umbrüchen von anderthalb Jahrhunderten. "Wenn ich kam, dann kriegte ich von Frieda immer eine Limo. Da hab ich mich gefreut als Stift", erinnert sich Gerd Hofmann an die fünfziger Jahre. Oft kam er da mit dem Fahrrad und mit seinem Opa Paul Nöbel von Frankenhain herüber; der Opa hatte als Sattler und Polsterer immer etwas zu helfen. 1961 starb Gastwirt Paul Quaas; die Witwe hielt die Gaststätte noch zwei, drei Jahre am Laufen, gab dann altersbedingt auf.

Die SED-Kreisleitung Geithain, blickt Klaus Sliwanski zurück, hätte darauf gedrängt, die Wirtschaft im Naherholungsgebiet und den Konsum im selben Haus zu erhalten. Trotzdem wurde 1968 die Immobilie zu Wohnzwecken verkauft. Später produzierte ein Kohrener Betrieb auf dem über dem Mühlgraben errichteten Saal Folien für Feuerlöschteiche.

Mehrere Eigentumswechsel, dann 2002 die Rettung: Der Oldtimerverein kaufte das Anwesen - und handelte sich damit für vier Jahre jede Menge Arbeit ein. "Da war ja alles kaputt. Keiner kann sich vorstellen, wie es hier aussah", sagt der Vereinschef, der nun über viele Monate vor allem auf der Baustelle zu finden war. Tausende Arbeitsstunden investierten die Vereinsmitglieder, trugen 42 000 Euro zusammen, um das Siebenfache an Fördermitteln nutzen zu können. Der Gasthof wurde zum Treff, der neue Saal - um 1900 nach einem Brand des alten errichtet - Ausstellungs- und Veranstaltungsort. Nahtlos wurde weitergebaut: Weitere 200 000 Euro Förderung und erneut zehn Prozent Eigenkapital ließen, was vom alten Saal seinerzeit übrigblieb, zu einer Jugendwerkstatt samt kleinem Museum werden.

"Terpitz. Ausflugsort bei Kohren" - das druckte in den zwanziger, dreißiger Jahren Paul Quaas auf eine Ansichtskarte mit Gasthof-Konterfei plus Innenansichten. Dass die Immobilie wieder eine frequentierte Adresse geworden ist, ist das Verdienst der Oldtimerfreunde. Die feiern nun den 15. Vereinsgeburtstag. Und laden nicht nur zur Jubiläumsparty im Juni in ihr Terpitzer Domizil ein, sondern pflegen das ganze Jahr über ein offenes Haus. "Das muss früher 'ne Goldgrube gewesen sein", resümiert Gerd Hofmann mit Verweis auf die einst hohe Frequenz des Hauses - nicht nur zur Kirmes, sondern an vielen Wochenenden. Richard Nöbel, sagt er, habe zwölf Kinder gehabt: "Die ganze Familie hielt den Gasthof am Laufen." Dass zwei Söhne Richards beim Matrosenaufstand im revolutionären Kiel 1918 standrechtlich erschossen wurden, ist ein Stück Geschichte, eine andere Geschichte.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 26.03.2015
Ekkehard Schulreich

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