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Landgericht verhängt nach Berufung Haftstrafe für Überfall in Geithain

Landgericht verhängt nach Berufung Haftstrafe für Überfall in Geithain

Chemnitz/Geithain. Albert R. soll für seinen Überfall im Mai 2010 in Geithain auf einen damals 15-jährigen Schüler für anderthalb Jahre in Haft.

. Damit kippte das Landgericht Chemnitz am Donnerstag das Urteil des dortigen Amtsgerichtes vom Oktober, das eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten zur Bewährung ausgesetzt hatte. Die Staatsanwaltschaft war gegen diese Entscheidung in Berufung gegangen – insbesondere wegen der Aussetzung auf Bewährung.

Ob der Angeklagte, gerade 20 Jahre alt geworden, eine gefährliche Körperverletzung begangen hat, stand gestern nicht mehr zur Debatte. Zur erneuten Entscheidung stand das Strafmaß. Ist eine positive Sozialprognose berechtigt? Ist er der nette junge Mann, der trotz Hindernissen seine Lehre durchzieht, seit fünf Jahren eine Freundin hat, in seiner Freizeit gern Musik hört, der malt und „politisch neutral" ist? „Man muss seinen Charakter bewerten, seine Person, was in seinem Kopf vorgeht", forderte Staatsanwalt Lutz Butzkies. Das war für alle am Verfahren Beteiligten nicht einfach, denn R. hellte kaum etwas von den Tatumständen auf, wollte sich zu vielen Fragen lieber nicht äußern.

„Weiß ich auch nicht so richtig", antwortete er der Richterin auf deren Frage, warum er den Geithainer Florian denn angegriffen habe. Wie berichtet, gab es vor dem Überfall im Internet einen Hetzbeitrag Rechtsextremer gegen den Schüler – mit dessen vollem Namen und Bild. Florian wollte sich am 7. Mai 2010 an der Tankstelle Peniger Straße etwas zu essen holen, als das Auto, in dem R. mit saß, vorfuhr. Er wolle keine Auseinandersetzung, sagte Florian, als R. ausstieg. Doch der Angeklagte trat zu, ließ einen Faustschlag folgen. Der Jugendliche erlitt eine Fraktur der Stirnhöhlenwand, musste sofort am Kopf operiert werden, um Knochensplitter zu entfernen. Ihm wurden Titanplatten eingesetzt, die er weiterhin trägt. Der unterdessen 16-Jährige hat eine deutliche Narbe und bei Wetterwechsel heftige Kopfschmerzen.

Die Ermittlungen hätten auch wegen versuchten Totschlags geführt werden können – davon ist nicht nur der Staatsanwalt überzeugt, sondern auch Anwalt Ulrich Scheller, der die Familie des Opfers vertritt.

Insgesamt achtmal stand R. schon vor Gericht, davon viermal wegen Körperverletzung. Am Amtsgericht Chemnitz läuft derzeit noch ein Verfahren, in dem er mit anderen der Brandstiftung in Burgstädt angeklagt ist. Er hat schon zweimal jeweils drei Wochen Jugendarrest bekommen, die jüngste Strafe für eine Tat im Vorjahr saß er bis Dienstag in der Justizvollzugsanstalt Regis-Breitingen ab. Nach dem Überfall in Geithain war R. bis zum 29. Oktober in Untersuchungshaft in Zwickau.

„Jeder hat eine letzte Chance verdient. Aber der Geschädigte hatte auch keine Chance", bekräftigte der Staatsanwalt. Er beantragte, das Urteil des Amtsgerichtes aufzuheben und eine Jugendstrafe von einem Jahr und acht Monaten ohne Bewährung zu verhängen. Es sei aberwitzig, R.s gefestigte Lebensumstände als Grund für eine positive Prognose zu nehmen, wenn ihn diese von den Straftaten nicht abgehalten hätten und er „grundlos einen so menschenverachtenden brutalen Anschlag gegen einen Menschen" geführt hat. Butzkies unterstellte dem Angeklagten Zweckverhalten, was sein Auftreten bei der Jugendgerichtshilfe, seinem Betreuer und vor Gericht betraf.

Anwalt Scheller ging insbesondere auf R.s angebliche neutrale politische Haltung ein. „Ich weiß, dass Sie an Demonstrationen der NPD teilgenommen haben", sagte er ihm auf den Kopf zu. Angesichts des Publikums, das ihn im Oktober vor dem Chemnitzer Amtsgericht gefeiert habe, erklärte der Anwalt: „Ich habe keinen Neutralen gesehen, auch der Geithainer NPD-Stadtrat Manuel Tripp war dabei." Schließlich verwies Scheller auf Unterstützungsdemos aus diesem Spektrum, die es für den Angeklagten gegeben habe.

Dessen „Ich bereue die Tat" überzeugte die Richterin ebenso wenig wie R.s Besuche bei der Suchtberatung oder eine offensichtlich am 30. März getätigte Überweisung von 500 Euro für den Geschädigten – „vom Konto eines Kumpels", so R.s Anwalt Alexander Held, der darauf verwies, R. habe sich seit der Hauptverhandlung bewährt.

Die Richterin attestierte dem Angeklagten „schädliche Neigungen", Gewaltbereitschaft und „einen gefestigten Freundeskreis, der eindeutig der rechten Szene zuzuordnen ist". Sie führte seine Vorstrafen, die Tatumstände und seine mangelnde Offenheit in der Verhandlung an und erklärte: „Wir haben lange beraten, aber wir können nicht zu Ihren Gunsten von echter Reue und Schuldeinsicht ausgehen. Wir hoffen, dass wir Sie erzieherisch noch erreichen können." Das Urteil lautete auf ein Jahr und sechs Monate ohne Bewährung, es ist noch nicht rechtskräftig.

Inge Engelhardt

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